In der Schweiz wird vor der Abstimmung vom 14. Juni erneut über den Zivildienst gestritten. Formal klingt die Frage bürokratisch: Soll der Wechsel von der Armee in den Zivildienst erschwert werden? Tatsächlich ist der Streit viel breiter. Es geht darum, was die moderne europäische Gesellschaft von einem jungen Mann überhaupt noch verlangen kann – und ob sie das moralische Recht hat, von ihm Kaserne, Drill und die Bereitschaft zu fordern, für abstrakte Formeln zu sterben, die sie selbst längst in Verwaltungssprache verwandelt hat.

Anlass war ein Interview der SVP-Nationalrätin Stefanie Heimgartner mit 20 Minuten. In der Ankündigung wurde ihre Position fast als Slogan zugespitzt: Junge Männer seien immer verweichlichter. Heimgartner unterstützt die Reform des Zivildienstes und meint, die Armee brauche wieder mehr junge Leute.

Das Problem ist, dass eine solche Formel nicht bloss ein Streit über militärische Disziplin ist. Sie ist ein Symptom einer viel tieferen zivilisatorischen Verschiebung.

Die Schweizerinnen und Schweizer stimmen am 14. Juni 2026 tatsächlich über eine Änderung des Zivildienstgesetzes ab. Bundesrat und Parlament wollen die Zahl der Wechsel in den Zivildienst senken und den Grundsatz festschreiben: Der Zivildienst soll die Ausnahme bleiben, der Militärdienst die Regel.

Doch schon die Fragestellung – junge Männer seien verweichlicht – sagt mehr über die Sprechenden aus als über die jungen Leute selbst.

Eine Gesellschaft verlangt Unvereinbares

Die moderne europäische Gesellschaft hat über Jahrzehnte eine Ordnung aufgebaut, in der traditionelle Männlichkeit mal als toxisch, mal als verdächtig, mal einfach als lächerlich galt. Männer sollten vorsichtig, sanft, therapeutisch, nicht aggressiv, emotional kompetent und für ihr Umfeld ungefährlich sein.

Das ist nicht zwingend schlecht. In einer groben patriarchalen Kultur gab es tatsächlich viel Gewalt, dumme Hierarchie, Unterdrückung, alltäglichen Sadismus und einen primitiven Kult der Stärke.

Das Problem beginnt dort, wo dieselbe Gesellschaft gleichzeitig zwei unvereinbare Dinge will.

In Friedenszeiten verlangt sie vom Mann, still und rücksichtsvoll zu sein, nicht zu drängen, nicht eine Sekunde zu lange hinzuschauen, nicht zu dominieren, nicht zu hart zu konkurrieren, nicht zu grob zu scherzen, nicht zu viel körperliche Selbstsicherheit zu zeigen. Und sobald geopolitische Unruhe aufkommt, stellt sich plötzlich heraus, dass nicht nur sensible junge Menschen mit Klimaangst und Fähigkeiten in gewaltfreier Kommunikation gebraucht werden, sondern auch Soldaten.

Mit anderen Worten: Zuerst wird die Kultur entmilitarisiert und sterilisiert, aus dem Mann wird ein vorsichtiges soziales Subjekt gemacht – und dann wundert man sich, weshalb er nicht in die Kaserne drängt.

Es ist also nicht so, dass die Männer verdorben wären. Das System hat genau den anthropologischen Typ hervorgebracht, den es selbst produziert hat.

Zivildienst als Spiegel der neuen Ökonomie

Befürworter einer Verschärfung sprechen oft so, als sei der Zivildienst bloss ein bequemes Schlupfloch für Menschen, die nicht dienen wollen. Das ist ein zu einfaches Bild.

Der Zivildienst in der Schweiz ist keine Erholung auf dem Sofa. Er bedeutet Arbeit in Spitälern, Altersheimen, sozialen Einrichtungen, Schulen, Umweltprojekten, in der Landwirtschaft, in der Pflege und in der Begleitung von Menschen.

Hier stellt sich eine für Militaristen unangenehme Frage: Weshalb soll Hilfe für alte Menschen, Kranke, Kinder, Menschen mit Behinderungen oder überlastete soziale Einrichtungen eine weniger würdige Form des Dienstes an der Gesellschaft sein als militärischer Drill?

Wenn der Staat altert, wenn das Pflegesystem unter Druck steht, wenn Spitäler und soziale Einrichtungen seit Jahren über Personalmangel klagen, dann kann der Zivildienst nicht Schwäche sein, sondern eine rationalere Nutzung menschlicher Ressourcen.

Die Armee braucht Soldaten. Aber die Gesellschaft braucht nicht nur Soldaten. Sie braucht Menschen, die ernähren, waschen, fahren, pflegen, reparieren, begleiten, unterstützen und jene unsichtbare Arbeit leisten, ohne die eine Zivilisation nicht weniger zerfällt als nach einem Panzerangriff.

Der wichtigste Frontverlauf Europas ist demografisch

Die militärische Debatte lässt sich nicht von der demografischen trennen. Europa altert. Die Schweiz altert. Ein grosser Teil der entwickelten Welt altert. Das ist kein Alarmismus, sondern trockene Statistik.

Nach Einschätzung der WHO wird sich die Zahl der Menschen über 60 Jahre weltweit bis 2050 verdoppeln und rund 2,1 Milliarden erreichen. Die Zahl der Menschen über 80 Jahre soll zwischen 2020 und 2050 auf 426 Millionen steigen, also auf das Dreifache.

Die UNO prognostiziert in den World Population Prospects 2024, dass die Weltbevölkerung etwa Mitte der 2080er Jahre mit rund 10,3 Milliarden Menschen ihren Höchststand erreicht und danach zu sinken beginnt.

Die eigentliche Frage des 21. Jahrhunderts lautet also nicht nur: Wer verteidigt die Grenze? Die Frage ist breiter: Wer arbeitet überhaupt noch, zahlt Steuern, pflegt alte Menschen, bekommt Kinder, unterhält Infrastruktur und trägt den Sozialstaat?

Die alte zynische Formel, Frauen würden schon neue Kinder gebären, funktioniert hier nicht mehr. Im russischsprachigen Raum wird dieser Satz oft dem sowjetischen Marschall Georgi Schukow zugeschrieben – als Symbol eines grausamen staatlichen Umgangs mit menschlichen Verlusten. Historiker streiten darüber, ob er diese Worte tatsächlich gesagt hat, doch als kulturelle Formel lebt der Satz längst unabhängig von der Archivgenauigkeit weiter. Sein Sinn ist einfach und schrecklich: Der Mensch gilt nicht als unverwechselbares Leben, sondern als biologisches Ersatzmaterial für den Staat.

Im 21. Jahrhundert funktioniert selbst diese unmenschliche Logik nicht mehr. In den meisten entwickelten Ländern werden eben nicht einfach neue Menschen nachkommen. Nicht weil Frauen schlecht wären und nicht weil die Jugend verdorben wäre, sondern weil sich die Ökonomie der Familie radikal verändert hat: Wohnen ist teuer, Kinder sind teuer, Karrieren sind instabil, Beziehungen fragil, Erwartungen überhöht, und der Staat tut oft so, als sei Demografie bloss ein privates Hobby seiner Bürgerinnen und Bürger.

Der Streit über den Zivildienst ist deshalb nicht nur ein Streit über die Armee. Er ist auch ein Streit darüber, wie eine alternde Gesellschaft die immer knapper werdende Energie junger Männer verteilt.

Ein Lebensjahr ist keine Verwaltungsressource

Bei Anhängern einer harten Wehrpflicht spürt man oft eine seltsame Leichtigkeit: Sie wechseln sehr schnell von Patriotismus zur administrativen Verfügung über die fremde Jugend.

Doch ein menschliches Leben ist keine Zeile in einer Mobilisierungstabelle. Ein Jahr in der Kaserne ist keine abstrakte Dienstperiode. Es ist ein Lebensjahr. Ein Jahr Gesundheit. Ein Jahr Jugend. Ein Jahr Beziehungen, Arbeit, Studium, Projekte, Familie, Sprache, Handwerk, Emigration, Start-up – oder meinetwegen auch das Drehen alberner Videos auf TikTok.

Man sollte hier nicht so tun, als sei TikTok notwendigerweise niedriger zu bewerten als die Kaserne. Manchmal bringt ein sinnloses Video im Internet einem Menschen mehr Freiheit, Geld, Kontakte und Fähigkeiten als Monate von Exerzieren und sinnloser Demütigung.

Der Krieg in der Ukraine, den Europa seit mehr als vier Jahren beobachtet, hätte eigentlich alle Romantiker der Mobilisierung ernüchtern müssen. Auf dem Papier sieht Krieg immer wie die Verteidigung von Werten aus. In der Realität ist er Schmutz, Angst, Invalidität, Tod, Bürokratie, Zwang und eine gewaltige Maschine, die nicht nur Helden, sondern auch zufällige Menschen zermahlt.

Und wenn morgen, hypothetisch, ein grosser Krieg auf den europäischen Schauplatz übergreifen sollte, wird es sehr aufschlussreich sein zu sehen, wie viele Freiwillige tatsächlich losrennen, um europäische Werte zu verteidigen – nicht in Posts, nicht in Kommentaren und nicht auf Konferenzen, sondern in Schützengräben.

Noch interessanter wird sein, wie eine europäische Version der Zwangsmobilisierung aussehen würde – mit korrekten Verfahren, gendersensibler Kommunikation und Respekt vor der psychischen Verletzlichkeit der Mobilisierten.

Der Widerspruch der SVP

Das Bemerkenswerteste an dieser Debatte ist der innere Widerspruch rechter Rhetorik.

Die SVP tritt traditionell gegen Massenmigration auf, gegen Bevölkerungswachstum durch Ausländerinnen und Ausländer und gegen eine Schweiz mit 10 Millionen Einwohnern. Bei der Abstimmung vom 14. Juni unterstützt die Partei sowohl ihre Initiative Keine 10-Millionen-Schweiz als auch die Verschärfung beim Zivildienst.

Doch hier stellt sich eine einfache Frage.

Wenn man keine Migranten will, muss man mit dem menschlichen Material leben, das die eigene Gesellschaft selbst hervorbringt: mit sensiblen einheimischen jungen Männern, die in Komfort, Sicherheit, Individualismus, Psychologisierung und einer Kultur persönlicher Grenzen aufgewachsen sind.

Wenn man hingegen leidenschaftliche, risikobereite junge Männer will, die physischen Komfortverlust, Hierarchie, Gefahr und Gewalt in Kauf nehmen, dann entstehen solche Typen eher nicht in wohlhabenden postheroischen Gesellschaften, sondern aus Armut, Instabilität, Peripherie, grossen Familien, Religiosität, Clanstrukturen und Überlebenserfahrung. Also gerade in jenen Welten, gegen die sich europäische rechte Politik oft abschotten will.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Man kann nicht gleichzeitig eine geschlossene, komfortable, reiche, alternde, sichere, regulierte und therapeutische Schweiz fordern – und erwarten, dass sie massenhaft harte junge Männer mit dem Instinkt von Grenzschützern und Bereitschaft zum Selbstopfer hervorbringt.

So funktioniert es nicht.

Die Armee verlangt Menschen, die die Kultur nicht mehr hervorbringt

In der alten Gesellschaft war die Armee eine Fortsetzung der allgemeinen sozialen Struktur. Die Familie war hierarchisch. Die Schule war disziplinierend. Die männliche Sozialisation war hart. Körperliche Arbeit war normal. Der Tod war näher. Risiko war vertrauter. Staat, Kirche, Familie und Gemeinschaft sagten dem Menschen: Du musst.

Die moderne Gesellschaft sagt etwas anderes: Du hast Rechte. Du kannst wählen. Du sollst dich schützen. Du musst Gewalt nicht ertragen. Du musst Gefühle nicht unterdrücken. Du musst fremden Erwartungen nicht entsprechen.

Und danach wundert sich dieselbe Gesellschaft, wenn ein junger Mann fragt: Warum muss ich in die Armee, wenn ich anders nützlich sein kann?

Das ist keine Laune, sondern das logische Ergebnis einer liberalen Zivilisation.

Die liberale Ordnung hat das Individuum erzogen und verlangt nun von ihm kollektive Opferbereitschaft. Doch Opferbereitschaft entsteht nicht aus dem Nichts. Sie lässt sich nicht per Verwaltungsbefehl einschalten. Sie wächst aus Kultur, Religion, Familie, historischer Erinnerung, Zugehörigkeitsgefühl und Vertrauen in den Staat.

Wenn der Staat den Menschen jahrelang als Steuerzahler, Konsumenten, statistische Einheit und Objekt der Regulierung behandelt hat, fällt es ihm im Krisenmoment schwer, heroisches Verhalten einzufordern.

Nicht die Männer, sondern die Gesellschaft steht zur Debatte

Natürlich kann man die Reform annehmen und den Wechsel in den Zivildienst erschweren. Formal würde das den Grundsatz der Wehrpflicht stärken. Möglicherweise bekäme die Armee mehr Leute. Möglicherweise blieben manche jungen Männer einfach dort, wo sie gar nicht sein wollen.

Doch die entscheidende Frage löst das nicht.

Was genau will die moderne Schweiz von jungen Männern? Sollen sie weich sein oder hart? Selbstständig oder gehorsam? Individualisten oder Soldaten? Sorgende Arbeitskräfte im Sozialbereich oder Reserve für die Armee? Menschen mit Recht auf eine eigene Lebensbahn oder Ressource des Staates?

Eine ehrliche Antwort kann unterschiedlich ausfallen. Der Staat hat das Recht, sich um Sicherheit zu kümmern. Die Armee hat das Recht, über Personalbedarf zu sprechen. Die Gesellschaft hat das Recht, von Bürgern Dienst zu verlangen.

Dann sollte sie das politische Problem aber nicht hinter moralisierenden Klagen über zu weiche Männer verstecken.

Junge Männer sind nicht von selbst weich geworden. Die Epoche selbst hat sie hervorgebracht: komfortabel, alternd, individualistisch, feminisiert, psychologisiert, postheroisch. Und wer mit dem Ergebnis unzufrieden ist, muss den Vorwurf nicht nur an zwanzigjährige Wehrpflichtige richten, sondern an das ganze zivilisatorische Modell.

Denn der Zivildienst ist keine Krankheit. Er ist ein Symptom.

Und die eigentliche Krankheit liegt tiefer: Europa will zugleich Komfort ohne demografischen Preis, Sicherheit ohne Opfer, Grenzen ohne Migranten, eine Armee ohne militärische Kultur und Mut ohne alte Männlichkeit.

Das ist keine Frage an einige tausend junge Menschen, die sich für den Zivildienst entscheiden. Es ist eine Frage an eine ganze Zivilisation, die den Menschen jahrzehntelang gelehrt hat, sich selbst, die eigenen Grenzen und die eigene Individualität zu schützen – und sich nun wundert, dass er nicht in Reih und Glied verschwinden will.

So funktioniert es nicht.