Schwere Schäden in Kiew
Russland hat in der Nacht auf Dienstag einen massiven Raketen- und Drohnenangriff gegen die Ukraine geführt. Der Schwerpunkt lag erneut auf Kiew. Nach Angaben des Innenministeriums kamen in der Hauptstadt sechs Menschen ums Leben, 79 wurden verletzt.
In mehreren Stadtteilen wurden Einschläge und Brände gemeldet. Betroffen waren unter anderem Darnyzja, Schewtschenkiwskyj, Swjatoschyn, Podil, Holossijiw und Solomjanka. Beschädigt wurden Wohnhäuser, nicht bewohnte Gebäude, Fahrzeuge sowie eine Poliklinik. In Podil kam es zudem zu einem teilweisen Einsturz eines neunstöckigen Gebäudes.
Das Gesundheitsministerium meldete Schäden und teilweise Zerstörungen an fünf medizinischen Einrichtungen in Kiew, darunter zwei spezialisierte Häuser sowie Zentren der medizinischen Grundversorgung in den Bezirken Podil, Swjatoschyn und Holossijiw.
Nach den Bränden lag am Morgen Rauch über Teilen der Stadt. Mehrere zentrale und periphere Strassen wurden gesperrt, vor allem am rechten Ufer der Hauptstadt.
Viele Opfer auch in Dnipro und Angriffe auf weitere Gebiete
Auch Dnipro wurde in der Nacht getroffen. Die Gebietsverwaltung meldete im Verlauf des Tages 15 Tote. Zuvor war von mehreren Vermissten unter den Trümmern die Rede gewesen. Mindestens 37 Menschen wurden verletzt, 22 von ihnen blieben laut Behörden in Spitalbehandlung.
In der Stadt wurden nach Angaben von Bürgermeister Borys Filatow 49 Gebäude beschädigt oder zerstört. Unter den Toten sind laut Gebietsverwaltung auch zwei Kinder.
Angriffe wurden zudem aus Charkiw und der Region Charkiw gemeldet. In der Region Kiew gab es laut Regionalbehörden die grössten Schäden im Bezirk Butscha. Betroffen waren dort Privathäuser, Logistik- und Lagergebäude sowie Fahrzeuge. Drei Menschen wurden verletzt. Weitere Schäden wurden aus den Bezirken Wyschhorod, Fastiw und Obuchiw gemeldet.
Auch aus der Region Chmelnyzkyj wurden nach Angaben des Zivilschutzes Brände an vier Standorten ziviler Unternehmen infolge von Drohnenangriffen gemeldet.
Luftabwehr unter Druck
Die ukrainischen Luftstreitkräfte gaben an, 642 von 729 Luftzielen abgefangen zu haben. Von 73 abgefeuerten Raketen seien 40 zerstört worden. Demnach wurden 11 von 33 ballistischen Raketen des Typs Iskander-M, 26 von 27 Marschflugkörpern des Typs Ch-101 sowie 3 von 5 Kalibr-Raketen abgefangen. Alle acht eingesetzten Zircon-Raketen seien hingegen nicht abgefangen worden.
Zudem meldeten die Luftstreitkräfte den Abschuss von 602 von 656 Angriffsdrohnen. Gleichzeitig seien Einschläge von 30 ballistischen und drei Marschflugkörpern sowie von 33 Drohnen an 38 Orten registriert worden. Trümmer von Drohnen seien an 15 weiteren Orten niedergegangen.
Wenn wir bei den Iskander-Raketen rund ein Drittel abgefangen haben, dann wurde von den acht gestarteten Zircon-Raketen keine einzige abgeschossen. Damit ist für uns ein neues Problem sichtbar geworden.
Waleri Romanenko · Luftfahrtexperte
Im ukrainischen Militärumfeld wurde die Arbeit der Luftabwehr nach dem Angriff erneut kritisch beurteilt. Hintergrund ist der seit längerem bekannte Mangel an Raketen für Patriot-Systeme, die für die Abwehr ballistischer Raketen als zentral gelten.
Stromausfälle und Schutz in der Metro
Der Energieversorger DTEK meldete Schäden an Energieanlagen und an einem Produktionsstandort in Kiew. Zeitweise waren demnach 140'000 Verbraucherinnen und Verbraucher in den Bezirken Swjatoschyn, Obolon und Schewtschenkiwskyj ohne Strom. Für die meisten sei die Versorgung bereits wiederhergestellt worden.
Der Netzbetreiber Ukrenerho teilte mit, dass es nach den Angriffen auf Energieobjekte nicht nur in Kiew, sondern auch in den Regionen Kiew, Tscherkassy, Donezk, Dnipropetrowsk, Charkiw und Sumy zu Stromabschaltungen kam.
Die Kiewer Metro diente in der Nacht erneut als Schutzraum. Nach Angaben der Verkehrsbetriebe suchten dort mehr als 41'000 Menschen Zuflucht, darunter rund 4'500 Kinder. Es sei der höchste Wert der vergangenen Jahre gewesen.
Russlands Begründung und offene Fragen zu den Zielen
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, der Angriff habe Unternehmen der ukrainischen Rüstungsindustrie sowie Infrastruktur getroffen und sei eine Reaktion auf angebliche «terroristische Angriffe» gewesen. Später nannte Moskau unter anderem Betriebe in Kiew, Saporischschja, der Region Dnipropetrowsk, der Region Charkiw und der Region Sumy.
Russland bezeichnete den Angriff zudem als Vergeltung für einen Schlag gegen ein Wohnheim in Starobilsk. Die Ukraine weist zurück, dort zivile Objekte angegriffen zu haben.
Bestätigt sind in Kiew neben zivilen Schäden auch Treffer im Energiesektor. Über weitere mutmassliche militärische oder industrielle Ziele liegen aus ukrainischen Behördenangaben in diesem Material nur begrenzte bestätigte Informationen vor.




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