In der Ukraine wird erneut über Sprache gestritten. Nicht über Korruption, nicht über Mobilisierung, nicht über den Wiederaufbau des Landes, nicht über die Rechte von Flüchtlingen und Kriegsinvaliden. Sondern über die Sprache von Kellnern, Lehrpersonen, Verkäuferinnen, Websites, Schildern, Liedern im Auto oder Videos auf TikTok.
Auslöser war eine Aussage der Sprachombudsfrau Olena Iwanowska. Sie unterstützte die Idee, die Bussen für systematische Verstösse gegen das Sprachgesetz um das Zehnfache zu erhöhen. Derzeit beträgt die Busse für einen ersten Verstoss 3'400 bis 5'100 Hrywnja (rund 74 bis 111 Franken), für einen wiederholten Verstoss 8'500 bis 11'900 Hrywnja (rund 185 bis 259 Franken). Iwanowska begründet dies damit, dass ein Teil der Unternehmen angeblich bereit sei, für das Recht zu zahlen, die Staatssprache zu ignorieren, und schlägt das Prinzip vor: Wer die Staatssprache nicht respektiert, verliert Gewinn; wer das Gesetz nicht einhält, verliert das Recht auf berufliche Verwirklichung.
Für Schweizer Leser sollte diese Formel alarmierend klingen. Denn das ist nicht mehr nur der Schutz der Staatssprache. Das ist Sprache als Kriterium beruflicher Tauglichkeit. Sprache als wirtschaftliche Bestrafung. Sprache als Instrument öffentlicher Loyalität.
Die Ukraine hat jedes Recht, die ukrainische Sprache zu schützen. Mehr noch: Das Ukrainische brauchte nach Jahrhunderten imperialen Drucks, Russifizierung und sowjetischer Vereinheitlichung tatsächlich Unterstützung. Doch zwischen Sprachschutz und administrativem Zwang verläuft eine Grenze. Und die heutige Ukraine kommt dieser Grenze immer häufiger sehr nahe.
Ein System aus Beschwerden und Bussen
Es geht nicht um vereinzelte emotionale Aussagen von Aktivisten. Rund um die Sprache hat sich in der Ukraine eine vollständige administrative Infrastruktur gebildet: Beschwerden, Kontrollen, Protokolle, Bussen, Verwarnungen, öffentliche Berichte und Druckkampagnen.
Die offizielle Statistik zeigt das Ausmass. Im Jahr 2024 führte das Sekretariat der Sprachombudsstelle 716 staatliche Kontrollmassnahmen durch, stellte 439 Verstösse fest und erstellte 340 Protokolle. Im Lauf des Jahres wurden 97 administrative Bussen verhängt, 147 Verwarnungen ausgesprochen und zusätzlich 159 Verwarnungen an Unternehmen wegen Verstosses gegen Artikel 30 des Gesetzes erlassen, also gegen die Bestimmung zur Sprache im Kundendienst. Die häufigsten festgestellten Verstösse betrafen Websites und Benutzeroberflächen mit 182 Fällen, die Bedienung von Kundinnen und Kunden mit 163 Fällen sowie öffentliche Informationen mit 93 Fällen.
Separat teilte die Ombudsstelle mit, dass von den 97 Bussen im Jahr 2024 insgesamt 89 auf 3'400 Hrywnja (rund 74 Franken) lauteten, eine auf 1'700 Hrywnja (rund 37 Franken), eine auf 5'100 Hrywnja (rund 111 Franken), zwei auf 6'800 Hrywnja (rund 148 Franken), drei auf 8'500 Hrywnja (rund 185 Franken) und eine auf 11'900 Hrywnja (rund 259 Franken). Es geht also bisher nicht um massenhaft sehr hohe Forderungen, sondern um vergleichsweise kleine, aber bereits regelmässige Sanktionen. Genau deshalb verändert der Vorschlag, sie zu verzehnfachen, den Charakter der Politik grundsätzlich: Aus einer Disziplinarmassnahme könnte ernsthafter wirtschaftlicher Druck werden.
Im Jahr 2025 stieg die Zahl der Eingaben weiter: Beim Sekretariat gingen 3'122 Beschwerden ein, davon 2'888 zu mutmasslichen Verstössen gegen das Sprachgesetz. Am meisten Beschwerden kamen aus Kiew mit 1'117, aus der Region Odessa mit 445, aus der Region Charkiw mit 374 und aus der Region Dnipro mit 261. Nach Bereichen führten Websites und Internetauftritte mit 747 Beschwerden, gefolgt von Aussenwerbung und Schildern mit 547, Dienstleistung mit 517, Bildung mit 196 und Kultur mit 142. Formal spricht die Statistik von einer nichtstaatlichen Sprache und nicht nur vom Russischen. In der ukrainischen Realität bleibt Russisch jedoch die wichtigste nichtstaatliche Sprache der öffentlichen Kommunikation.
Im ersten Quartal 2026 gingen weitere 659 Beschwerden ein, fast so viele wie im gleichen Zeitraum 2025. Davon betrafen 168 Internetauftritte, 103 den Service, 92 Werbung und Schilder, 52 das Bildungswesen und 33 die Kultur. Wieder ist auch die geografische Verteilung aufschlussreich: Kiew, die Regionen Odessa, Charkiw und Dnipro – also genau jene Gegenden, in denen Russisch historisch Teil des städtischen Alltags war.
Das Gesetz zur Bedienung von Kundinnen und Kunden folgt einer harten Logik: Die erste Ansprache durch Angestellte muss auf Ukrainisch erfolgen; eine andere Sprache ist nur auf ausdrücklichen Wunsch der Kundschaft möglich und nur dann, wenn die Angestellten zum Wechsel bereit sind. Allein die Tatsache, dass eine Kundin oder ein Kunde Russisch oder eine andere Sprache spricht, gilt nicht automatisch als Grund, die Servicesprache zu wechseln.
Auf dem Papier wirkt das wie der Schutz des Rechts auf ukrainischsprachige Bedienung. In der Praxis wird so aber Kasse, Café, Apotheke, Werkstatt, Schule, Website oder Schild zu einer potenziellen Konfliktzone.
Von der Gesetzesanwendung zur Kulturpolizei
Es gibt noch eine weitere Ebene: nicht nur formale Bussen für Bedienung oder Websites, sondern auch öffentliche Skandale rund um die russische Sprache, russische Musik und russischsprachiges Verhalten.
In Kiew wurde ein Lehrer aus einem Lyzeum entlassen, nachdem Schülerinnen und Schüler ein kurzes Video aufgenommen hatten, in dem er während des Unterrichts Russisch spricht. Ein Vertreter der Sprachombudsstelle erklärte, selbst ein Video von weniger als einer Minute reiche für eine rechtliche Bewertung aus, wenn darauf ein Verstoss festgehalten sei. Nach einer Überprüfung teilte die Schulleitung mit, dass das Arbeitsverhältnis mit dem Lehrer beendet worden sei.
In der Region Kiew wurde eine Leiterin einer Bildungseinrichtung entlassen, nachdem Eltern sich darüber beschwert hatten, dass sie im Umgang mit Kindern, Eltern und dem Kollegium Russisch verwendet habe. Im Fall spielte auch die Frage eine Rolle, ob ein bestätigtes Zertifikat über die Beherrschung der Staatssprache fehlte. Öffentlich wurde der Fall jedoch vor allem als Entlassung wegen russischer Sprache bei der Arbeit wahrgenommen.
In Kiew stellte die Polizei Protokolle wegen russischsprachiger Lieder in öffentlichen Situationen aus: auf TikTok, in Clubs, in Autos oder auf der Strasse. In der Region Iwano-Frankiwsk erhielt die Polizei von 2022 bis Juni 2025 insgesamt 532 Meldungen über russische Musik an öffentlichen Orten: 108 im Jahr 2022, 187 im Jahr 2023, 164 im Jahr 2024 und 73 in der ersten Hälfte des Jahres 2025. In diesem Zeitraum wurden 102 Verwaltungsprotokolle erstellt, und die Bussen wegen Lärms und Ruhestörung verteilten sich wie folgt: 40 im Jahr 2022, 23 im Jahr 2023, 22 im Jahr 2024 und 17 in der ersten Hälfte 2025.
Formell geht es in vielen solchen Fällen nicht nur um Sprache: Die Polizei kann ein Verhalten auch als Ruhestörung, geringfügiges Rowdytum, Verstoss gegen Dienstleistungsregeln oder unrechtmässige Verwendung von Uniformen einstufen. Doch der gesellschaftliche Sinn dieser Skandale ist offensichtlich: Russische Sprache und russische Kultur im öffentlichen Raum werden immer häufiger als verdächtiges Verhalten wahrgenommen.
So beginnt staatliche Sprachpolitik in eine Art Kulturpolizei überzugehen.
Russischsprachige Ukrainer sind kein fremdes Element
Der grösste Fehler des ukrainischen Sprachradikalismus besteht darin, dass er Russisch oft als etwas Äusseres gegenüber der Ukraine beschreibt. Als wäre Russisch einfach die Sprache Russlands, die zusammen mit Imperium, Armee und Propaganda auf ukrainisches Territorium gebracht worden sei.
Das ist historisch und sozial falsch.
Bei der Volkszählung von 2001 bezeichneten 29,6 Prozent der Bevölkerung der Ukraine Russisch als ihre Muttersprache. Unter ethnischen Ukrainern nannten 14,8 Prozent Russisch als Muttersprache. Es ging also nicht nur um ethnische Russen, sondern um Millionen ukrainischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ukrainischer Herkunft, für die Russisch die Sprache der Familie, der Stadt, der Arbeit und der Kultur war.
Aktuelle Umfragen zeigen, dass sich die sprachliche Lage nach der Vollinvasion verändert hat, Russisch aber nicht verschwunden ist. Nach Angaben des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie sprachen 2025 zu Hause 63 Prozent der Befragten Ukrainisch, 13 Prozent Russisch und weitere 19 Prozent Ukrainisch und Russisch. Das Institut betonte zugleich, dass viele russischsprachige Ukrainer vollständig proukrainische Ansichten vertreten: Sie verurteilen Russland und unterstützen die euroatlantische Integration.
Das ist zentral. Russisch in der Ukraine ist nicht gleichbedeutend mit einer prorussischen Haltung. Ein russischsprachiger Ukrainer ist nicht gleich ein Agent Moskaus. Wenn Staat oder Aktivisten ihn dennoch wie jemanden behandeln, der seine Loyalität ständig beweisen muss, schaffen sie selbst eine innere Spaltung.
Russisch hat in der Ukraine nicht nur eine imperiale, sondern auch eine menschliche Geschichte
Ja, Russisch war ein Instrument der Russifizierung. Das Russische Reich und die Sowjetunion drängten das Ukrainische aus Bildung, Verwaltung, Armee, Wissenschaft, Karriere und städtischer Kultur zurück. Das lässt sich nicht bestreiten.
Die andere Wahrheit ist jedoch, dass Russisch für Millionen Menschen zur Muttersprache wurde, die keine Kolonisatoren waren. Sie wurden einfach in diesem Umfeld geboren: in Charkiw, Odessa, Dnipro, Donezk, Luhansk, Saporischschja, Kiew, Mykolajiw oder auf der Krim. Für sie war Russisch die Sprache der Familie, des Innenhofs, der Universität, der Arbeit, der Literatur, des Humors, der Liebe, des Streits und der Kindheit.
Ukrainisch und Russisch sind nicht eine Sprache. Aber es sind eng verwandte ostslawische Sprachen mit einem grossen Bestand gemeinsamer Lexik, jahrhundertelanger Nachbarschaft, wechselseitigem Einfluss und einer lebendigen Praxis der Zweisprachigkeit. Für Millionen Menschen war die Grenze zwischen beiden nie eine Mauer. Menschen wechselten innerhalb eines Gesprächs von der einen zur anderen Sprache, verwendeten Surzhyk, lasen auf Russisch, sangen auf Ukrainisch und dachten gleichzeitig in mehreren kulturellen Registern.
Surzhyk bezeichnet in der Ukraine gemischte alltagssprachliche Formen zwischen Ukrainisch und Russisch. Der Begriff beschreibt keine einheitliche Standardsprache, sondern gelebte sprachliche Praxis.
Auch Forschende zur ukrainischen Sprachsituation stellten fest, dass reine Ukrainischsprecher und reine Russischsprecher lange Zeit Minderheiten waren, während ein grosser Teil der Gesellschaft in unterschiedlichen Formen der Zweisprachigkeit und sprachlichen Flexibilität lebte.
Gerade deshalb entspricht eine Politik nach dem Muster ein Staat, eine Sprache, eine Loyalität, eine richtige Identität der ukrainischen Realität nur sehr grob.
Wie man das Schweizern erklären kann
Für Schweizerinnen und Schweizer ist der ukrainische Sprachkonflikt schwer unmittelbar nachzuempfinden. Aber man kann ein Gedankenexperiment wagen.
Man stelle sich vor, die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland würden sich schlagartig massiv verschlechtern. Deutschland würde als feindlicher Staat wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund entstünde in der Schweiz eine politische Kampagne gegen Hochdeutsch oder Schriftdeutsch – nicht gegen eine konkrete Staatspolitik Berlins, sondern gegen die deutsche Sprache schlechthin.
Man stelle sich vor, Aktivisten würden sagen: Hochdeutsch ist die Sprache Deutschlands, die Sprache äusseren Einflusses, die Sprache kultureller Abhängigkeit. Ein echter Schweizer müsse öffentlich anders sprechen und schreiben. Deutsche Lieder, deutsche Bücher, deutsche Sprache in Cafés, Schulen, Geschäften und Medien würden verdächtig. Unternehmen könnten für systematische Verwendung der falschen Sprache gebüsst werden. Lehrpersonen, Verkäufer oder Journalistinnen riskierten ihre Karriere nicht wegen ihrer politischen Haltung, sondern wegen des sprachlichen Codes selbst.
Für die Schweiz wäre das absurd. Denn Hochdeutsch macht einen Schweizer nicht zu einem Bürger Deutschlands. Es ist Teil eines grösseren deutschsprachigen Raums, in dem die Schweiz ihren eigenen, selbständigen und erfolgreichen Platz einnimmt. Schweizer Identität braucht kein Verbot des Hochdeutschen, um sich von Deutschland zu unterscheiden.
Hinzu kommt, dass die Sprachpraxis der Schweiz selbst komplex ist. Nach Angaben des Bundesamts für Statistik wird bei der Arbeit in der Schweiz am häufigsten Swiss German verwendet, von rund 61 Prozent der Erwerbstätigen, aber auch German beziehungsweise Hochdeutsch ist mit rund 36 Prozent weit verbreitet. Die Schweizer Realität beruht also nicht auf einer sterilen Trennung zwischen eigener und fremder Sprache. Sie beruht auf dem funktionalen Nebeneinander von Sprachebenen, Regionen, Dialekten und staatlichen Standards.
Für die Ukraine gilt eine ähnliche Logik. Russisch in der Ukraine ist nicht einfach die Sprache Russlands. Es ist die Sprache von Millionen ukrainischer Bürgerinnen und Bürger und eines bedeutenden Teils der ukrainischen Stadtgeschichte. Das Problem beginnt dort, wo Russisch nicht mehr als Teil der ukrainischen Realität gilt, sondern als kulturelles Zeichen von Verdächtigkeit.
Das wäre ungefähr so, als würde man in der Schweiz zu beweisen versuchen, dass Hochdeutsch nur Deutschland gehöre und sein öffentlicher Gebrauch deshalb die schweizerische Staatlichkeit untergrabe.
Die Ukraine hätte auch einen anderen Weg wählen können
Die Ukraine hätte einen anderen Weg einschlagen können – nicht den der sprachlichen Zentralisierung, sondern den eines reifen mehrsprachigen Staates. Nicht als mechanische Kopie der Schweiz, sondern in Anlehnung an ihren wichtigsten Grundsatz: Ein Land kann stark sein, nicht trotz seiner inneren Komplexität, sondern dank ihr.
Man hätte ein Modell aufbauen können, in dem Ukrainisch die wichtigste staatliche und symbolische Sprache geblieben wäre, Russisch, Krimtatarisch, Ungarisch, Rumänisch und andere Sprachen der Bürgerinnen und Bürger aber einen geschützten öffentlichen Raum erhalten hätten. Man hätte nicht nur über eine Staatssprache sprechen können, sondern über zwei, drei oder vier Amtssprachen auf nationaler oder regionaler Ebene. Man hätte über ein föderales oder tief dezentralisiertes Modell sprechen können, in dem unterschiedliche Regionen nicht als Bedrohung gelten, sondern als Teil einer gemeinsamen politischen Architektur.
Eine solche Ukraine hätte für russischsprachige Bürgerinnen und Bürger ein Land sein können, in dem ihre Sprache nicht mit Misstrauen geduldet wird, sondern in dem sie sich zu Hause fühlen. Mehr noch: Sie hätte selbst gegenüber Russland eine attraktive Alternative sein können – frei, europäisch, rechtsstaatlich, mehrsprachig und wirtschaftlich aussichtsreich.
Das wäre echter Wettbewerb mit Moskau gewesen: nicht die russische Sprache aus der Ukraine zu verdrängen, sondern zu zeigen, dass ein russischsprachiger Mensch in der ukrainischen politischen Nation freier, wohlhabender und würdiger leben kann als im autoritären Russland. Nicht mit Russischsprachigen um ihre Erinnerung und Sprache zu kämpfen, sondern ihr Vertrauen durch die Qualität des Staates zu gewinnen.
Die Schweiz ist nicht stark, weil sie alle gewaltsam auf einen kulturellen Standard reduziert hat. Sie ist stark, weil sie Unterschiede in eine institutionelle Ordnung verwandelt hat: Föderalismus, Kantone, mehrere Landessprachen, Respekt vor lokaler Identität, Pragmatismus statt ideologischer Vereinheitlichung.
Die Ukraine hätte ihre eigene Mehrsprachigkeit als weiche Macht nutzen können. Sie hätte für die russischsprachige Welt das sein können, was die Schweiz für viele Deutsche ist: kein antideutsches Projekt, sondern eine freiere, reichere, rechtsstaatlichere und attraktivere Form des Lebens innerhalb eines nahen Sprachraums.
Doch dafür hätte es Reife gebraucht. Selbstvertrauen. Eine Elite, die in der Mehrsprachigkeit keine Gefahr für die nationale Sicherheit sieht, sondern eine Ressource für Einfluss, Integration und inneren Frieden.
Stattdessen entschied sich die Ukraine allzu oft für unitäre Nervosität statt föderale Flexibilität, für sprachlichen Druck statt kulturellen Wettbewerb, für Misstrauen statt Vertrauen.
Internationale Gremien sahen das Problem
Kritik an der ukrainischen Sprachpolitik ist nicht nur russische Propaganda. Auch internationale Gremien haben auf Schieflagen hingewiesen.
Die Venedig-Kommission erkannte an, dass die historische Unterdrückung der ukrainischen Sprache positive Massnahmen zu ihrer Unterstützung rechtfertigen kann. Gleichzeitig betonte sie, dass dies nicht rechtfertige, anderen Minderheitensprachen, einschliesslich Russisch, den Schutz vorzuenthalten, der anderen Sprachen und ihren Sprecherinnen und Sprechern im Hinblick auf Menschenrechte und das Diskriminierungsverbot gewährt wird. Die Kommission verwies zudem auf einen differenzierten Ansatz: Minderheitensprachen, die Amtssprachen der EU sind, erhalten ein günstigeres Regime als Russisch, Belarussisch oder Jiddisch.
Die Venedig-Kommission empfahl ausserdem, dass die ukrainische Gesetzgebung es Staatsbediensteten erlauben sollte, Bürgerinnen und Bürgern in Minderheitensprachen zu antworten, wenn sie dazu in der Lage sind, und dass Massnahmen zur Stärkung des Ukrainischen im Bildungsbereich mit Garantien für Minderheitensprachen ausbalanciert werden sollten.
Die Frage lässt sich also nicht auf die primitive Formel reduzieren: Die Ukraine schützt ihre Sprache, also ist alles richtig. In einem demokratischen Staat muss der Schutz der Staatssprache verhältnismässig, nichtdiskriminierend und mit den Rechten der Bürgerinnen und Bürger vereinbar sein.
Sprachfrage und Krieg
Hier ist grösste Genauigkeit nötig.
Die Sprachpolitik der Ukraine rechtfertigt die russische Invasion nicht. Kein Fehler Kiews gab Moskau das Recht, die Ukraine anzugreifen, Städte zu bombardieren, Gebiete zu besetzen und Menschen zu töten. Die Entscheidung zum Krieg traf die russische Führung, und die Hauptverantwortung für den Krieg liegt bei ihr.
Das bedeutet aber nicht, dass die ukrainische Seite ihre eigenen Fehler nicht analysieren sollte.
Russland nutzte das Thema Schutz der Russischsprachigen jahrelang als propagandistischen Vorwand. In seiner Rede vom 24. Februar 2022 sprach Wladimir Putin von der Notwendigkeit, die Menschen im Donbass zu schützen, die nach seiner Darstellung Erniedrigung und Völkermord ausgesetzt gewesen seien. Dieses Narrativ war eine falsche Rechtfertigung für Aggression, baute aber um einen real existierenden Sprach- und Identitätskonflikt innerhalb der Ukraine herum.
Und genau hier stellt sich eine unangenehme Frage an ukrainische Politiker und Aktivisten.
Warum halfen sie Moskau über Jahre hinweg dabei, dieses Narrativ plausibler erscheinen zu lassen?
Warum machten sie aus der russischen Sprache einen Marker der Verdächtigkeit statt einen Teil der ukrainischen Realität? Warum bauten sie ihre Karriere auf Sprachkonflikten auf? Warum vermittelten sie russischsprachigen Ukrainern, dass diese sich ständig für ihre Sprache, ihre Erinnerung, ihre Lieder und ihre familiären Gewohnheiten rechtfertigen müssten?
Russland hat das Thema der russischsprachigen Bevölkerung zynisch und verbrecherisch benutzt. Aber ukrainische Sprachradikale lieferten Moskau selbst das Material dafür. Sie verursachten den Krieg nicht. Aber sie spielten eine Rolle bei der Schaffung jener Atmosphäre, in der Sprache zur inneren Frontlinie wurde.
Darin liegt ihre politische Verantwortung.
Nicht die Verantwortung für russische Raketen. Nicht die Verantwortung für Putins Entscheidung zur Invasion. Aber die Verantwortung dafür, dass innerhalb der Ukraine der Raum einer gemeinsamen staatsbürgerlichen Identität über Jahre enger gemacht wurde.
Loyalität wird nicht durch Sprache bestimmt
Eine starke Ukraine könnte ihren russischsprachigen Bürgerinnen und Bürgern sagen: Eure Sprache macht euch nicht fremd. Eure Loyalität bestimmt sich nicht danach, welche Sprache ihr zu Hause, im Laden oder mit Freunden sprecht, sondern danach, ob ihr Freiheit, Recht, Unabhängigkeit und Zukunft des Landes unterstützt.
Stattdessen war allzu oft ein anderes Signal zu hören: Wenn du Russisch sprichst, musst du dich rechtfertigen. Wenn du ein russisches Lied abspielst, bist du verdächtig. Wenn du Lehrperson bist und die falsche Sprache sprichst, kann man dich filmen und deine Entlassung erreichen. Wenn du Unternehmer bist, kann der Staat mit Beschwerde, Protokoll und Busse zu dir kommen.
Eine solche Politik macht die Ukraine nicht stärker. Sie macht sie nervöser, enger und anfälliger dafür, nationale Konsolidierung mit kultureller Dressur zu verwechseln.
Die Ukraine muss die ukrainische Sprache tatsächlich schützen. Aber sie darf den Schutz des Ukrainischen nicht in eine soziale Verfolgung des Russischen verwandeln. Gerade auch deshalb, weil Russisch nicht nur die Sprache Russlands ist. Es ist auch die Sprache von Millionen ukrainischer Bürgerinnen und Bürger – einschliesslich jener, die für die Ukraine kämpfen, der Ukraine helfen, durch Russland ihr Zuhause verloren haben und nicht unter Moskau leben wollen.
Die entscheidende Frage für die Schweiz
Für die Schweiz ist wichtig zu verstehen: Die Ukraine ist nicht nur die einfache Geschichte eines kleinen demokratischen Landes gegen ein grosses Imperium. Sie ist auch ein Land mit einem schweren inneren sprachlichen, regionalen und historischen Bruch.
Russland trägt die Verantwortung für den Krieg. Aber ukrainische Politiker und Aktivisten, die über Jahre sprachliche Feindseligkeit betrieben haben, tragen ebenfalls Verantwortung – gegenüber der Gesellschaft, gegenüber der Geschichte, gegenüber jenen russischsprachigen Ukrainern, die die Ukraine liebten, aber vom eigenen Land immer häufiger hörten: Du sprichst falsch, also gehörst du nicht ganz dazu.
Eine starke nationale Identität hat keine Angst vor sprachlicher Komplexität. Sie kann sie Recht, Vertrauen und gemeinsamer politischer Loyalität unterordnen.
Eine schwache Identität versucht, Vertrauen durch Bussen, Verbote, öffentliche Beschämung und Denunziation zu ersetzen.
Eine starke Ukraine sollte keine Angst vor der russischen Sprache ihrer Bürgerinnen und Bürger haben.
Sie sollte etwas anderes fürchten: zu einem Land zu werden, in dem der Kampf gegen das Imperium in eine innere Jagd auf die eigenen Menschen mündet.




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