Das ukrainische Medium «Babel» hat eine der härtesten Recherchen über die ukrainische Armee seit Beginn des Krieges veröffentlicht. Im Zentrum steht das 425. selbständige Sturmregiment «Skelja» — eine bekannte und kampferfahrene Einheit der ukrainischen Streitkräfte.
Nach Angaben von «Babel» starben von Ende 2025 bis Frühjahr 2026 mindestens 26 Rekruten in Ausbildungszentren des Regiments. Es geht nicht um Gefallene an der Front, sondern um sogenannte nicht kampfbedingte Todesfälle. Viele der Männer waren erst kurz zuvor mobilisiert worden. Einige verbrachten nicht einmal einen Monat in der Einheit.
Offiziell wurden häufig Krankheiten genannt: Lungenentzündung, Herz-Kreislauf-Versagen, Kardiomyopathie. Doch die Recherche beschreibt eine andere, weitaus düsterere Ebene: Schläge, geschlossene Räume, verzögerte medizinische Hilfe, Entzug von Kommunikation, Bewachung mit Waffen, Karzer, Minen am Rand der Lager und eine Sprache, in der Menschen schon vor dem ersten Fronteinsatz als Verbrauchsmaterial behandelt wurden.
Was «Einweg-Leute» bedeutet
Der ukrainische Ausdruck «odnorazki» lässt sich nur unvollständig übersetzen. Wörtlich bedeutet er etwa «Einweg-Dinger» — wie Einwegbecher, Einweghandschuhe oder Wegwerfmaterial. Auf Menschen angewandt ist das eine extrem entwürdigende Bezeichnung.
In der Recherche schildert ein Mobilisierter, ein Vorgesetzter habe neue Rekruten als «odnorazki» bezeichnet. Gemeint war nach seiner Deutung: ein Einsatz — und das war’s. Ein anderer Zeuge will eine Bemerkung über eine neue Gruppe gehört haben: Man solle sich vorbereiten, es werde «tausend Zweihundertste» geben. «Zweihundertste» ist Militärjargon aus dem postsowjetischen Raum für getötete Soldaten.
Für ein deutschsprachiges Publikum heisst das: Die Rekruten wurden nicht nur hart behandelt. Sie wurden in einer Sprache beschrieben, die sie bereits als verbrauchte oder bald tote Körper einordnet.
Der «Hühnerstall»
Eine zentrale Rolle spielt ein Verteilpunkt des Regiments, den Soldaten laut «Babel» selbst «kuryatnik» nennen — wörtlich «Hühnerstall». Auch diese Übersetzung ist wichtig, weil der Begriff nicht neutral ist. Er klingt nicht nach Kaserne, nicht nach Ausbildungszentrum, sondern nach einem Ort, an dem Menschen zusammengepfercht werden.
Dorthin kamen viele Mobilisierte nach der Einberufung. Telefone wurden ihnen nach Angaben von Zeugen oft schon vorher abgenommen. In diesem «Hühnerstall» sollen Männer durchsucht, sortiert, überwacht und auf weitere Ausbildungsorte verteilt worden sein.
Zeugen beschreiben Toilettengänge unter bewaffneter Begleitung, Bewegungen nur in Gruppen, Schüsse in den Boden oder in die Luft zur Einschüchterung, nächtliches Urinieren in Flaschen, geschlossene Räume und Strafmassnahmen für jeden Versuch, sich der Kontrolle zu entziehen.
Das klingt weniger nach militärischer Ausbildung als nach Lagerlogik.
Minen am Rand des Lagers
Besonders schwer wiegt die Beschreibung der Ausbildungsorte im Wald. Laut Zeugen waren die Lager nicht nur bewacht, sondern am Rand mit Warnschildern «Minen» versehen. Einige Rekruten wollen Explosionen gehört haben. Ein Mobilisierter aus Charkiw soll sich beim Versuch, das Gelände zu verlassen, verletzt haben.
Ein Zeuge schildert, der Mann sei danach mit verbundenem Auge, verletzten Beinen und Hämatomen zurückgebracht und vor die anderen gestellt worden. Ein Wachmann habe ihn auf die Knie zwingen wollen, ihn geschlagen und anschliessend in seine Richtung in den Boden geschossen — offenbar als Demonstration für die übrigen Rekruten.
Das Regiment bestätigt laut «Babel» einen Vorfall, bei dem sich ein Mobilisierter ausserhalb der Route verletzte, gibt aber eine andere Erklärung: Der Mann sei auf einen unbekannten Gegenstand getreten.
Klebeband, Handschellen, Betonboden
Ein weiterer ehemaliger Rekrut, Oleksandr Schykin, schildert eine Behandlung, die an Misshandlung in Haft erinnert. Nach einem Fluchtversuch seien er und ein anderer Mann geschlagen, mit Klebeband fixiert und auf einen Betonboden geworfen worden. Eine Woche lang hätten sie unter diesen Bedingungen gelegen oder sich kaum bewegen können. Später seien sie erneut geschlagen, mit Handschellen aneinandergekettet und unter ständiger Bewachung auf ein Übungsgelände gebracht worden.
Laut «Babel» erzählten mehrere geflohene Rekruten von solchen Fixierungen mit Klebeband. Besonders widerspenstige Männer seien an Pfosten in einem Unterstand gebunden worden — teilweise für einen ganzen Tag.
Das Regiment sagt, es habe von diesen Vorwürfen erstmals durch «Babel» erfahren.
Psychisch Kranke, Abhängige, Schwerkranke
Die Recherche zeigt auch ein strukturelles Problem der Mobilisierung. In die Sturmtruppe gelangten offenbar Männer, die dort nie hätten landen dürfen: Menschen mit schweren Krankheiten, psychischen Auffälligkeiten, Abhängigkeiten oder Entzugssymptomen.
«Babel» beschreibt einen Mobilisierten mit offensichtlicher psychischer Erkrankung, der dennoch in die Einheit kam und an der Ausbildung teilnahm. Andere Zeugen berichten von Männern mit HIV, Tuberkulose oder Hepatitis C, denen der Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten erschwert oder verwehrt worden sei.
Das ist mehr als ein medizinisches Detail. Sturmverbände brauchen körperlich und psychisch belastbare Soldaten. Wenn schwer kranke oder suchtkranke Menschen in ein solches System geraten, entsteht kein kampffähiger Verband, sondern ein Gewalt- und Kontrollproblem.
Der Fall Oleksandr Semenow
Einer der zentralen Fälle ist Oleksandr Semenow. Im Januar 2026 kam er nach einer Flucht aus dem Regiment in ein Spital in Kropywnyzkyj. Auf einem Video, das «Babel» vorliegt, sind Verletzungen zu sehen: ein geschlagener Kopf, verletzte Hände, beschädigte Finger, Kratzer und Spuren am Körper.
Semenow sagte, er sei im Regiment geschlagen, misshandelt, an ein Quad gebunden und über den Boden gezogen worden. Wenige Tage später starb er im Spital. Offizielle Todesursache: Lungenentzündung.
Das Regiment bestreitet Teile seiner Aussagen, insbesondere seine Angaben über mehrere Suizide. Doch der Kern bleibt: Ein Mann kam mit sichtbaren Verletzungen aus der Einheit ins Spital und starb kurz darauf.
Neun gebrochene Rippen
Der juristisch konkreteste Fall ist der Tod des 32-jährigen Wolodymyr Zukanow. Er wurde im Januar mobilisiert und starb im Februar im Spital. Als unmittelbare Todesursache wurde Lungen-Herz-Versagen genannt. Die gerichtsmedizinische Untersuchung stellte jedoch eine stumpfe Verletzung des Brustkorbs und mehrere Rippenbrüche fest.
Nach der Version der Ermittler soll ein Unteroffizier des Regiments Zukanow mit dem Fuss gegen den Brustkorb getreten und ihn nach dem Sturz weiter gegen den Körper getreten haben. Laut «Babel» brachen dabei neun Rippen. Aus der Brustkorbverletzung habe sich eine beidseitige eitrige Lungenentzündung entwickelt.
Der Verdächtige habe im Gericht zunächst Schuld eingeräumt und gesagt, er habe seine Kraft nicht berechnet. Später liess er über seinen Anwalt eine andere Version verbreiten: Er habe Zukanow nicht geschlagen, sondern nur neutralisiert, nachdem dieser angeblich nach einer Waffe gegriffen habe.
Das ist kein anonymer Vorwurf mehr. Es ist ein Fall mit Expertise, Ermittlungen und einem konkreten Verdächtigen.
Ein Körper voller blauer Flecken
Dmytro Kowal kam am 6. März in das Regiment. Am 21. März war er tot. Offiziell: Kardiomyopathie.
Seine Frau erkannte ihn im Leichenschauhaus zunächst kaum wieder. Sie beschrieb blaue Flecken an Armen, Beinen, Hals, Gesicht, Rücken und im Leistenbereich. Zeugen sagten «Babel», Kowal habe nicht essen wollen, viel gebetet, seine Entlassung gefordert und sei deshalb täglich geschlagen worden. Er sei an Hals und Kopf gepackt, geworfen, mit Fäusten und Füssen geschlagen worden.
Nach Angaben der Familie verlor seine Frau über eine Woche lang den Kontakt zu ihm. Dann erhielt sie eine Sprachnachricht, in der er bat, alle einzuschalten, die man einschalten könne — notfalls auch die Polizei. Auf der Aufnahme sei zu hören, dass das Gespräch kontrolliert wurde. Danach hörte sie ihn nicht mehr.
Der «Sturz von der Kiefer»
Auch der Tod von Witalij Karat wirft Fragen auf. Das Regiment erklärte, er habe versucht, die Einheit unerlaubt zu verlassen, sei auf eine Kiefer geklettert und beim Abstieg gefallen. Nach seinem Tod wurden laut «Babel» Rippenbrüche und eine Brustkorbverletzung festgestellt.
Das Regiment bestreitet Misshandlungen auf dem Übungsgelände und sagt, Karat sei nach dem Sturz ins Spital gebracht worden. Seine Schwester sagt dagegen, ihr Bruder habe vor seinem Tod von ständigen Schlägen berichtet. Ihr Satz ist einer der härtesten in der ganzen Recherche: «Skelja — das bedeutet Tod.»
Was das Regiment sagt
Das 425. Sturmregiment weist Verallgemeinerungen zurück. Die Einheit erklärt, 18 der 26 von «Babel» genannten Todesfälle seien im Spital oder auf dem Weg dorthin eingetreten, nicht direkt im Regiment. Sie seien mit Krankheiten oder dem schlechten Gesundheitszustand der Mobilisierten verbunden gewesen.
Ausserdem betont das Regiment, viele Aussagen stammten von Personen, die den Dienst verweigert, sich unerlaubt von der Truppe entfernt oder gegen militärische Disziplin verstossen hätten. Man sei zur Zusammenarbeit mit Ermittlern und zuständigen Stellen bereit.
Dieser Hinweis ist wichtig. Die Vorwürfe müssen geprüft werden. Nicht jede Aussage ist automatisch ein Beweis.
Aber ebenso gilt: Wer unerlaubt eine Einheit verlassen hat, kann trotzdem Opfer von Misshandlung gewesen sein. Wer krank, abhängig oder psychisch auffällig ist, verliert dadurch nicht seine Rechte. Und wenn Menschen in einem Ausbildungssystem sterben, bevor sie überhaupt an die Front kommen, reicht der Verweis auf «schwieriges Mobilisierungsmaterial» nicht aus.
Die Ermittlungen laufen
Nach der Veröffentlichung leitete das Staatliche Ermittlungsbüro der Ukraine eine Voruntersuchung ein. Geprüft wird ein möglicher Machtmissbrauch durch militärische Amtsträger unter Kriegsrecht mit schweren Folgen.
Auch das Büro des militärischen Ombudsmanns sieht Probleme. Vertreter des Büros sprechen von Mängeln in der medizinischen Versorgung. Ausserdem liege der Anteil nicht kampfbedingter Todesfälle in «Skelja» proportional höher als in den meisten anderen Einheiten. Bei Beschwerden von Soldaten gehört das Regiment ebenfalls zu den auffälligsten Einheiten.
Gleichzeitig betonen Ombudsstelle und Kritiker, dass es in «Skelja» auch viele fähige Offiziere und reale Kampferfolge gibt. Das ist kein Widerspruch. Eine Einheit kann an der Front wichtige Aufgaben erfüllen — und im Umgang mit Mobilisierten trotzdem ein System entwickeln, das Menschen bricht.
Warum dieser Fall grösser ist als ein einzelnes Regiment
Der Fall «Skelja» zeigt ein Problem, das über eine einzelne Einheit hinausgeht. Die Ukraine braucht Soldaten. Sturmverbände haben hohe Verluste und brauchen ständig Nachschub. Freiwillige werden weniger. Die Mobilisierung zieht zunehmend Männer ein, die körperlich, psychisch oder sozial nicht für Sturmaufgaben geeignet sind.
Wenn die medizinische Triage versagt, wenn Kommunikation entzogen wird, wenn schlechte Führung durch Schläge ersetzt wird, dann entsteht ein System, in dem Gewalt als Verwaltungsinstrument dient.
Das ist militärisch gefährlich und moralisch verheerend. Ein geschlagener, gedemütigter und eingeschüchterter Mensch wird nicht automatisch ein besserer Soldat. Er wird zum Risiko — für sich selbst, für seine Kameraden und für die Einheit.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wer einzelne Männer geschlagen hat. Die Frage lautet, wer ein System zugelassen hat, in dem Rekruten als «Einweg-Leute» bezeichnet werden konnten, in dem ein Verteilpunkt «Hühnerstall» heisst, in dem Menschen ohne ausreichende medizinische Hilfe verschwinden — und in dem Tote am Ende als Statistik mit der Diagnose «Lungenentzündung» erscheinen.
Die Ukraine hat das Recht, ihre Bürger zum Dienst einzuziehen. Aber sie hat nicht das Recht, sie vor der Front in eine Zone des Kontrollverlusts zu schicken.




Diskussion
Kommentare
Bitte bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema.
Registrieren oder anmelden, um mitzudiskutieren.
Registrieren oder anmelden