Verhandlungen klingen nach einem vernünftigen Ausweg aus dem Krieg. Nach Jahren der Zerstörung, russischer Angriffe, Mobilisierung, Flucht und Kriegsmüdigkeit wirkt Diplomatie auf den ersten Blick selbstverständlich: Man muss reden, wenn das Blutvergiessen enden soll. Doch im Fall der Ukraine zählt nicht nur die Frage, ob verhandelt wird. Entscheidend ist auch, wer mit wem über was verhandelt — und mit wessen Zustimmung.

Im Juni 2026 unterstützten die Staats- und Regierungschefs Grossbritanniens, Deutschlands und Frankreichs den Vorschlag des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für einen direkten Dialog zwischen der Ukraine und Russland unter aktiver Beteiligung der USA und Europas. In ihrer gemeinsamen Position bezeichneten sie einen vollständigen Waffenstillstand als ersten Schritt, die aktuelle Kontaktlinie als Ausgangspunkt für Verhandlungen und rechtsverbindliche Sicherheitsgarantien für die Ukraine als Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden. Zugleich hielten sie fest: Internationale Grenzen dürfen nicht mit Gewalt verändert werden, und die Ukraine behält ihr souveränes Recht, ihre eigenen Sicherheitsarrangements und Bündnisse zu wählen. Quelle: britische Regierung

Genau darum geht es beim Grundsatz «nichts über die Ukraine ohne die Ukraine». Er bedeutet nicht, dass niemand mit Russland sprechen darf. Er bedeutet auch nicht, dass diplomatische Kanäle geschlossen werden müssten. Er bedeutet etwas anderes: Niemand kann legitim für die Ukraine über ukrainisches Territorium, die ukrainische Armee, Sicherheitsgarantien, Grenzen, Bündnisse oder die politische Zukunft des Landes entscheiden.

Der Europäische Rat formulierte diesen Grundsatz sehr deutlich: Es könne keine Verhandlungen über die Ukraine ohne die Ukraine geben; und Verhandlungen, die die europäische Sicherheit betreffen, könnten nicht ohne Europa stattfinden. In derselben Position hielt die EU fest, dass ein Waffenstillstand Teil eines Prozesses sein müsse, der zu einem umfassenden Frieden führt, und dass ein Friedensabkommen mit robusten Sicherheitsgarantien für die Ukraine verbunden sein müsse. Quelle: Europäischer Rat

Deshalb kann ein Deal über Kiews Kopf hinweg auf dem Papier schnell aussehen, in der Realität aber scheitern. Er wäre juristisch schwach, politisch umstritten, militärisch schwer umsetzbar und als Präzedenzfall gefährlich. Denn wenn Aggression territoriale oder politische Zugeständnisse bringt, wird sie zu einem Instrument der Aussenpolitik.

Was «Verhandlungen ohne die Ukraine» bedeutet

Nicht jeder Kontakt ohne ukrainische Delegation ist problematisch. In der internationalen Diplomatie gibt es Sondierungen, Vermittler, technische Gespräche, Signale über Dritte und vertrauliche Kanäle. Vermittler können Positionen ausloten, humanitäre Fragen besprechen, Gefangenenaustausche vorbereiten, über die Sicherheit von Atomkraftwerken reden oder mögliche Parameter eines Waffenstillstands prüfen.

Das Problem beginnt dort, wo Drittstaaten nicht mehr vermitteln, sondern verfügen. Es ist ein Unterschied, über den Krieg in der Ukraine zu sprechen, mit der Ukraine als Kriegspartei zu verhandeln oder für die Ukraine zu entscheiden, welche Gebiete sie verlieren soll, wie gross ihre Armee sein darf, welchen Bündnissen sie beitreten oder nicht beitreten soll und welche Sicherheitsrisiken sie akzeptieren muss.

«Verhandlungen ohne die Ukraine» sind im gefährlichen Sinn also nicht einfach vertrauliche Diplomatie. Gemeint ist ein Format, in dem die Ukraine zum Objekt eines Deals zwischen anderen Hauptstädten wird. Ein Vermittler kann Türen öffnen. Er kann aber nicht über ukrainisches Territorium, ukrainische Bürgerinnen und Bürger oder ukrainische Sicherheit verfügen.

Die Ukraine ist ein souveräner Staat, kein Verhandlungsobjekt

Der wichtigste Grund, warum Verhandlungen ohne die Ukraine nicht funktionieren, ist einfach: Die Ukraine ist ein souveräner Staat. Sie ist kein Gebiet zwischen Russland und dem Westen, keine Pufferzone und kein Tauschobjekt zwischen Grossmächten.

Die internationale Ordnung nach 1945 beruht auf der UNO-Charta, territorialer Integrität und dem Verbot, Grenzen mit Gewalt zu verändern. Genau diese Prinzipien standen auch im Zentrum des Abschlusskommuniqués des Friedensgipfels in der Schweiz, in dem die Teilnehmenden ihr Bekenntnis zum Völkerrecht und zur UNO-Charta bekräftigten. Quelle: EDA Auch der Europäische Rat betonte im März 2026, ein gerechter und dauerhafter Frieden müsse die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine respektieren; der Aggressor dürfe nicht belohnt werden. Quelle: Europäischer Rat

Das sind keine abstrakten Formeln. Wenn Drittstaaten über die Übergabe ukrainischer Gebiete an Russland verhandeln, verhandeln sie faktisch darüber, ob Grenzen in Europa wieder mit militärischer Gewalt verschoben werden dürfen. Das betrifft nicht nur die Ukraine, sondern die gesamte europäische Sicherheitsordnung.

Dazu kommt die ukrainische Verfassung. Sie definiert die Ukraine als souveränen und unabhängigen Staat, erstreckt die Souveränität der Ukraine auf ihr gesamtes Territorium und bezeichnet das Staatsgebiet innerhalb der bestehenden Grenzen als unteilbar und unverletzlich. Quelle: Verfassungsgericht der Ukraine Eine Änderung des ukrainischen Territoriums kann gemäss Artikel 73 der Verfassung ausschliesslich durch ein gesamtnationales Referendum beschlossen werden. Quelle: Verfassungsgericht der Ukraine

Selbst wenn also äussere Mächte ein politisches Papier über einen «territorialen Kompromiss» unterzeichnen würden, wäre dieses Papier nicht automatisch eine legitime ukrainische Entscheidung. Es könnte eine diplomatische Illusion von Frieden erzeugen, würde aber den rechtlichen Status der Gebiete, die Verpflichtungen des ukrainischen Staates und die Zustimmung der ukrainischen Gesellschaft nicht klären.

Waffenstillstand und Anerkennung von Gebietsverlusten sind nicht dasselbe

Einer der häufigsten Fehler in der Debatte über Verhandlungen besteht darin, die Waffenstillstandslinie mit einer international anerkannten Grenze zu verwechseln. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Die Frontlinie kann ein technischer Ausgangspunkt für einen Waffenstillstand sein. Entlang dieser Linie kann man über Feuerpausen, Monitoring, den Abzug schwerer Waffen, humanitäre Korridore, Gefangenenaustausch und Mechanismen zur Verhinderung neuer Angriffe sprechen. Aber eine solche Linie muss nicht zur neuen Staatsgrenze werden. In der gemeinsamen Position der Ukraine, Grossbritanniens, Frankreichs und Deutschlands vom 7. Juni 2026 wurde die aktuelle Kontaktlinie ausdrücklich als Ausgangspunkt für Verhandlungen bezeichnet — nicht als neue internationale Grenze. Gleichzeitig hielt das Dokument fest, dass internationale Grenzen nicht mit Gewalt verändert werden dürfen. Quelle: britische Regierung

Diese Unterscheidung ist zentral für das Verständnis der ukrainischen Position. Selenskyj erklärte im Juni 2026, ein Ende der Kampfhandlungen entlang der bestehenden Linien könne der schnellste Weg zu Verhandlungen sein. Das bedeute aber keinen Verzicht der Ukraine auf ihr Territorium. Er betonte ausdrücklich, die Ukraine werde den Donbas nicht aufgeben und eine Einstellung der Kämpfe nicht in eine juristische Gebietsabtretung an Russland verwandeln. Quelle: Reuters

Anders gesagt: Es kann Verhandlungen darüber geben, wie das Schiessen jetzt gestoppt wird. Das ist aber nicht dasselbe wie eine Verhandlung darüber, wem die besetzten Gebiete «gehören». Territorium ist kein leerer Raum auf einer Karte. Es geht um Bürgerinnen und Bürger, Häuser, lokale Gemeinschaften, Eigentum, deportierte Kinder, Kriegsgefangene, Tote, zerstörte Städte und Menschen, die unter Besatzung leben.

Drittstaaten können ukrainisches Land deshalb nicht einfach gegen diplomatische Ruhe eintauschen. Jeder solche Tausch bräuchte die Zustimmung des Staates, dessen Territorium betroffen ist, und der Gesellschaft, die mit den Folgen leben muss.

Ein Abkommen ohne ukrainische Zustimmung wäre kaum umsetzbar

Ein Friedensabkommen besteht nicht nur aus Unterschriften. Es muss auch umgesetzt werden. Jemand muss Truppen zurückziehen, Gesetze ändern, die Frontlinie kontrollieren, einen Waffenstillstand absichern, der eigenen Gesellschaft Zugeständnisse erklären, politische Verantwortung übernehmen und auf Verstösse reagieren.

Wenn die Ukraine an der Ausarbeitung eines Abkommens nicht beteiligt war, wäre sie trotzdem jene Seite, die es umsetzen müsste. Daraus entsteht ein grundlegender Widerspruch: Ein Staat soll eine Entscheidung vollziehen, die ohne ihn getroffen wurde.

Die ukrainische Gesellschaft lässt sich auch nicht auf einen Präsidenten oder eine Verhandlungsdelegation reduzieren. Sie umfasst Parlament, Armee, lokale Behörden, Familien von Gefallenen, Veteranen, Freiwillige, Flüchtlinge, Menschen in frontnahen Gebieten und Menschen, die Besatzung erlebt haben. Brookings betont in einer Analyse zu möglichen Friedensbedingungen, dass jede Vereinbarung, die von einer kleinen Gruppe in einem geschlossenen Format getroffen wird, breite Unterstützung in der Ukraine braucht, um tragfähig zu sein. Quelle: Brookings

Das ist keine Symbolfrage. Wenn eine Gesellschaft ein Abkommen als Kapitulation wahrnimmt, kann es die Krise nicht beenden, sondern ins Innere des Landes verlagern. Dann existiert zwar ein Dokument, aber seine politische Grundlage bleibt zu schwach.

Dauerhafter Frieden braucht die Zustimmung jener Gesellschaft, die für den Widerstand einen enormen Preis bezahlt hat und mit den Folgen eines Kompromisses leben muss. Ein Frieden, den die Ukraine nicht als Frieden akzeptiert, bleibt ein Papierfrieden.

Nur die Ukraine kann einen Waffenstillstand an der Front umsetzen

Ein Waffenstillstand wird oft als einfacher Satz dargestellt: «Die Seiten stellen die Kampfhandlungen ein.» In der Praxis ist er ein komplexes militärisches und technisches System.

Man muss genaue Koordinaten der Kontaktlinie festlegen, Feuerregeln definieren, Mechanismen zur Erfassung von Verstössen schaffen, Zonen für den Abzug schwerer Waffen bestimmen, die Arbeit von Beobachtern regeln, Zivilisten schützen, Evakuierungsrouten sichern, Informationsaustausch organisieren und festlegen, was bei Verletzungen des Waffenstillstands geschieht. Ohne solche Details wird ein Waffenstillstand zu einer Pause, die jede Seite anders interpretiert.

Diese Fragen lassen sich ohne ukrainische militärische und politische Beteiligung nicht zuverlässig klären. Nur das ukrainische Kommando kennt das vollständige operative Bild: wo Einheiten stehen, welche Abschnitte vermint sind, wo Einkreisungsgefahr besteht, welche Verteidigungslinien haltbar sind, wo Zivilisten leben und welche Gebiete bei einem überhasteten Rückzug zur Falle werden könnten.

Chatham House warnt, ein schlecht definierter oder überstürzter Waffenstillstand könne Russland die Möglichkeit geben, sich neu zu gruppieren und aufzurüsten, während der Druck auf die Ukraine durch Cyberangriffe, Sabotage und politische Einflussnahme weitergeht. Die Analyse betont auch, dass ein Waffenstillstand ohne verlässliche Abschreckung und ohne wirksame Sanktionen bei Verstössen kontraproduktiv sein kann. Quelle: Chatham House

Die Frage lautet deshalb nicht, ob ein Waffenstillstand nötig ist. Die Frage lautet, wie er ausgestaltet wird. Werden seine Parameter der Ukraine von aussen aufgezwungen, kann er neue militärische Risiken schaffen, statt Sicherheit zu bringen.

Sicherheitsgarantien funktionieren nur, wenn die Ukraine ihnen vertraut

Die zentrale Frage jedes Friedensprozesses lautet nicht nur: Wo bleiben die Truppen stehen? Die entscheidende Frage lautet: Was passiert, wenn Russland erneut angreift?

Die Ukraine hat Erfahrung mit unzureichenden Garantien. Im Budapester Memorandum von 1994 bestätigten Russland, die USA und Grossbritannien ihre Verpflichtung, die Unabhängigkeit, Souveränität und bestehenden Grenzen der Ukraine zu respektieren und auf die Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen ihre territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit zu verzichten. Quelle: UN Security Council Report Russland verletzte diese Verpflichtungen zuerst 2014 und dann mit der grossangelegten Invasion 2022.

Darum sind für die Ukraine nicht allgemeine Versprechen entscheidend, sondern konkrete, mit Ressourcen unterlegte und überprüfbare Garantien. Dazu können langfristige Waffenlieferungen, Luftverteidigung, nachrichtendienstliche Unterstützung, Sanktionsmechanismen, der Ausbau der ukrainischen Rüstungsindustrie, internationale Präsenz oder rechtlich verankerte Verpflichtungen von Partnern gehören.

Der Europäische Rat erklärte 2025, die Ukraine müsse vor, während und nach Verhandlungen in eine möglichst starke Position gebracht werden; ihre eigenen militärischen und verteidigungspolitischen Fähigkeiten seien ein zentrales Element des Ansatzes «Frieden durch Stärke». Quelle: Europäischer Rat Auch die NATO erklärt, sie unterstütze das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung und ihr Recht, eigene Sicherheitsarrangements zu wählen. Quelle: NATO

Der Kern ist einfach: Eine Garantie, der die Ukraine nicht vertraut, garantiert nichts. Wenn ein Abkommen die Ukraine ohne reale Verteidigungsfähigkeit zurücklässt, beendet es den Krieg nicht, sondern bereitet die nächste Phase vor.

Russland hat ein Interesse am Format «über die Ukraine ohne die Ukraine»

Verhandlungen ohne die Ukraine nützen Russland nicht nur taktisch, sondern auch narrativ. Moskau versucht seit Langem, den Krieg nicht als russischen Angriff auf die Ukraine darzustellen, sondern als Konflikt Russlands mit dem Westen, den USA oder der NATO. In diesem Bild erscheint die Ukraine nicht als eigenständiger Staat, sondern als Raum, um den andere streiten.

Wenn Grossmächte über das Schicksal der Ukraine ohne die Ukraine sprechen, bestätigen sie ungewollt genau diese russische Logik. Die Ukraine verschwindet als Subjekt. Russland kann mit stärkeren Akteuren auf Kosten ukrainischer Interessen verhandeln. Militärischer Druck wird damit zu einem Mittel, diplomatische Zugeständnisse zu erzwingen.

Die Stiftung Wissenschaft und Politik warnte in einer Analyse der Verhandlungsdynamik vor einem asymmetrischen Prozess, in dem die Ukraine und Europa nicht als vollwertige Teilnehmer auftreten, sondern selbst zu Objekten von Druck werden. Die Schlussfolgerung der SWP: Für echte Verhandlungen müsse die Ukraine auf allen Ebenen gestärkt, der asymmetrische Verhandlungsprozess verlangsamt und die Beteiligung sowohl der Ukraine als auch Europas gesichert werden. Quelle: SWP Berlin

Das ist entscheidend. Wenn ein Aggressor erkennt, dass Eskalation ihm Verhandlungen zwischen Drittstaaten über die Interessen des angegriffenen Landes eröffnet, bekommt er einen Anreiz, weiterzumachen. Ein falsches Verhandlungsformat kann den Krieg nicht stoppen, sondern zeigen, dass Gewaltandrohung funktioniert.

Die Lehre aus Minsk: keinen zweideutigen Frieden unter Druck

Die Minsker Vereinbarungen werden oft als Beispiel gescheiterter Diplomatie genannt. Doch die Lehre aus Minsk lautet nicht, dass Verhandlungen unmöglich sind. Sie lautet: Ein Abkommen, das unter militärischem Druck, mit zweideutigen Formulierungen und schwachen Durchsetzungsmechanismen geschlossen wird, schafft keinen dauerhaften Frieden.

Die Minsker Vereinbarungen von 2014 und 2015 wurden von der Ukraine, Russland und einem Vertreter der OSZE unter Vermittlung Frankreichs und Deutschlands unterzeichnet. Sie sahen einen Waffenstillstand, den Abzug schwerer Waffen, OSZE-Monitoring, Gefangenenaustausch und politische Bestimmungen zum Status bestimmter Gebiete der Regionen Donezk und Luhansk vor. Quelle: ECFR

Die zentralen Probleme wurden jedoch rasch sichtbar. Carnegie hält fest, dass Minsk keine verlässlichen Mechanismen enthielt, um die Umsetzung zu erzwingen; ein echter Waffenstillstand konnte sich deshalb nicht stabil etablieren. Die politischen Bestimmungen waren wegen unvereinbarer Interessen der Parteien und der Mehrdeutigkeit des Textes schwer umsetzbar. Quelle: Carnegie Endowment

Besonders gefährlich war die Reihenfolge der Schritte. Die Ukraine vertrat die Position, dass Sicherheit und Kontrolle über die Grenze vor der politischen Regelung stehen müssten. Russland bestand darauf, dass die Ukraine zuerst politische Punkte umsetzt — darunter Sonderstatus und Wahlen in Gebieten, die faktisch von russischen Kräften und ihren Stellvertretern kontrolliert wurden. Chatham House weist darauf hin, dass gerade diese unklare Reihenfolge und das Fehlen wirksamer Sanktionen bei Verstössen Minsk zu einem Instrument des Drucks auf die Ukraine machten. Quelle: Chatham House

Ein neuer Friedensprozess muss diesen Fehler vermeiden. Man kann Klarheit nicht durch «konstruktive Mehrdeutigkeit» ersetzen, wenn es um Krieg, Besatzung, Grenzen und Sicherheit geht. Ein schnelles Abkommen ist nicht automatisch ein tragfähiges Abkommen. Manchmal verschiebt es nur den nächsten Krieg.

Europa muss beteiligt sein, aber Europa ersetzt die Ukraine nicht

Russlands Krieg gegen die Ukraine betrifft die europäische Sicherheit direkt. Es geht um Sanktionen, Flüchtlinge, Verteidigung, Energie, Grenzen, NATO, EU, den Wiederaufbau der Ukraine, eingefrorene russische Vermögen und die künftige Sicherheitsarchitektur Europas. Europa kann deshalb kein externer Beobachter sein.

Der Europäische Rat hält ausdrücklich fest: Der Weg zum Frieden in der Ukraine kann nicht ohne die Ukraine bestimmt werden; zugleich wird die EU über Fragen entscheiden, die in ihre Zuständigkeit fallen oder ihre Sicherheit betreffen. Quelle: Europäischer Rat Im Juni 2026 betonten europäische Staats- und Regierungschefs ebenfalls die Notwendigkeit einer aktiven europäischen Beteiligung an der Diplomatie und verknüpften die Sicherheit der Ukraine mit der Sicherheit Europas. Quelle: Reuters

Aber europäische Beteiligung ersetzt ukrainische Beteiligung nicht. Europa kann Garant, Geldgeber, Sanktionsakteur, Teilnehmer eines Monitorings, Waffenlieferant und Schlüsselakteur des Wiederaufbaus sein. Europa kann und muss seine eigenen Sicherheitsinteressen verteidigen. Aber Europa kann nicht anstelle der Ukraine über ukrainisches Territorium, die ukrainische Armee und die politische Zukunft der Ukraine verfügen.

Die richtige Formel lautet: Die Ukraine ist die Seite, deren Existenz auf dem Spiel steht. Europa ist die Seite, deren Sicherheit betroffen ist. Russland ist der Aggressor, ohne dessen Beteiligung ein endgültiges Ende des Krieges nicht möglich ist — der aber kein Recht erhalten darf, mit Drittstaaten über das Schicksal der Ukraine zu entscheiden.

Wie ein funktionierendes Verhandlungsformat aussehen müsste

Ein funktionierendes Format muss nicht einfach sein. Aber es muss mehrere Grundbedingungen erfüllen.

Erstens muss die Ukraine an allen Gesprächen beteiligt sein, in denen es um ihr Territorium, ihre Sicherheit, ihre Armee, Sicherheitsgarantien, ihren politischen Status, den Wiederaufbau und die Rechte ihrer Bürgerinnen und Bürger geht.

Zweitens muss Russland als Kriegspartei teilnehmen, nicht als «Vermittler» des eigenen Angriffs. Die Erfahrung von Minsk zeigte, dass der Versuch, Russland als neutralen Schiedsrichter statt als Teilnehmer der Aggression erscheinen zu lassen, eine Schieflage zugunsten Moskaus schafft.

Drittens können die USA, die EU, Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, die Türkei, die Schweiz, die UNO und andere Akteure unterschiedliche Rollen spielen: als Vermittler, Garanten, Beobachter, Sanktionsakteure, Wiederaufbaupartner oder Architekten von Sicherheitsmechanismen. Keiner dieser Akteure kann jedoch ukrainische Zustimmung ersetzen.

Viertens müssen die Verhandlungsthemen getrennt werden. Waffenstillstand, Monitoring, Gefangenenaustausch, Rückkehr deportierter Kinder, Sicherheit des Kernkraftwerks Saporischschja, Schutz kritischer Infrastruktur, Sicherheitsgarantien, Sanktionen, russische Vermögen, Entschädigungen und langfristige politische Regelungen sind unterschiedliche Spuren. Wenn man alles in ein einziges Dokument mit vagen Formulierungen packt, kann daraus ein neues Minsk werden.

Fünftens braucht jeder Waffenstillstand einen Mechanismus für den Umgang mit Verstössen. Carnegie betont, die Ukraine werde in künftigen Verhandlungen sowohl Sicherheitsgarantien als auch einen Rahmen für das Management eines Waffenstillstands benötigen; schwaches Monitoring ohne wirksame Durchsetzung habe im Minsker Prozess seine Grenzen gezeigt. Quelle: Carnegie Endowment

Ein guter Friedensprozess muss eine einfache Frage beantworten: Was geschieht, wenn Russland die Vereinbarung verletzt? Gibt es darauf keine Antwort, bleibt die Vereinbarung ein Wunsch.

Verhandlungen sind nicht gleich Kapitulation

Ein verbreitetes Argument lautet: Wenn die Ukraine auf ihrer Beteiligung besteht, blockiere sie den Frieden. Das ist falsch. Die Ukraine hat wiederholt einen diplomatischen Weg, einen Waffenstillstand und direkten Dialog unterstützt — unter der Bedingung, dass Verhandlungen nicht zur erzwungenen Kapitulation werden.

Im Juni 2026 schlug Selenskyj vor, die Kampfhandlungen entlang der bestehenden Frontlinie zu stoppen, um rasch zu Verhandlungen zu kommen. Gleichzeitig lehnte er einen Verzicht auf Territorium ab. Quelle: Reuters Europäische Staats- und Regierungschefs unterstützten einen direkten ukrainisch-russischen Dialog unter Beteiligung der USA und Europas, hielten aber zentrale Bedingungen fest: vollständiger Waffenstillstand, die Kontaktlinie als Ausgangspunkt für Verhandlungen, rechtsverbindliche Sicherheitsgarantien und Entschädigung für Schäden durch Russland. Quelle: britische Regierung

Anders gesagt: Die Frage lautet nicht, ob gesprochen wird oder nicht. Die Frage lautet, ob Verhandlungen die Aggression stoppen — oder ihre Ergebnisse nachträglich legitimieren.

Warum ein Deal ohne die Ukraine keinen dauerhaften Frieden bringt

Ein Deal ohne die Ukraine kann für jene attraktiv sein, die eine schnelle Nachricht, einen grossen Gipfel und ein Foto mit Unterschriften wollen. Dauerhafter Frieden braucht jedoch mehr.

Er braucht Rechtmässigkeit: Man kann nicht über das Territorium eines souveränen Staates verfügen, ohne diesen Staat einzubeziehen. Er braucht politische Legitimität: Die ukrainische Gesellschaft muss das akzeptieren können, was sie später umsetzen soll. Er braucht militärische Umsetzbarkeit: Ein Waffenstillstand muss an der Front kontrollierbar sein. Er braucht Sicherheit: Die Ukraine muss Garantien erhalten, die eine neue Aggression tatsächlich abschrecken. Und er braucht das richtige Signal an den Aggressor: Gewalt darf nicht belohnt werden.

Verhandlungen sind nötig. Aber Verhandlungen über die Ukraine ohne die Ukraine funktionieren nicht, weil sie die wichtigste Seite ausschliessen: jene Seite, die mit dem Ergebnis leben, die Vereinbarung umsetzen und die Folgen ihres Scheiterns tragen müsste.

Ein Frieden, der über den Kopf der Ukraine hinweg erzwungen wird, wäre kein stabiler Frieden. Er wäre ein Dokument mit hohem Risiko eines neuen Krieges. Deshalb ist der Grundsatz «nichts über die Ukraine ohne die Ukraine» kein diplomatischer Slogan. Er ist die Mindestbedingung für jeden Frieden, der länger halten soll als die Schlagzeilen über seine Unterzeichnung.

Kurz gesagt: Was «ohne die Ukraine funktioniert es nicht» bedeutet

Es bedeutet nicht, dass man nicht mit Russland sprechen darf.
Es bedeutet, dass niemand für die Ukraine entscheiden darf.

Es bedeutet nicht, dass die Ukraine Diplomatie ablehnt.
Es bedeutet, dass Diplomatie nicht zur erzwungenen Kapitulation werden darf.

Es bedeutet nicht, dass die Frontlinie kein Ausgangspunkt sein kann.
Es bedeutet, dass die Frontlinie nicht automatisch zur neuen Grenze werden darf.

Es bedeutet nicht, dass Europa am Verhandlungstisch nichts zu suchen hat.
Es bedeutet, dass Europa Garant und Teilnehmer des Prozesses sein kann — aber kein Ersatz für die Ukraine.

Es bedeutet nicht, dass Sicherheitsgarantien eine Nebensache sind.
Es bedeutet, dass jeder Waffenstillstand ohne Garantien zu einer Pause vor dem nächsten Angriff werden kann.