Nach der Recherche über Todesfälle und Misshandlungen im ukrainischen Sturmregiment «Skelja» weitet sich der Fall aus. Der Kommandeur des 425. selbständigen Sturmregiments, Oberstleutnant Jurij Harkawyj, wurde für die Dauer der Überprüfungen von seinen Aufgaben entbunden. Das bestätigte der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte gegenüber «Babel».

In der Einheit arbeiten nun Ermittler. Das Staatliche Ermittlungsbüro der Ukraine führt ein Vorverfahren wegen möglicher rechtswidriger Handlungen gegen Soldaten des Regiments. Zusätzlich setzte Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj eine Kommission ein, die von einem stellvertretenden Generalstabschef geleitet wird.

Der Generalstab erklärte, falls sich Straftaten, Machtmissbrauch oder Verletzungen der Rechte von Soldaten bestätigen, würden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Gleichzeitig betonte er, «Skelja» bleibe eine kampffähige Einheit und erfülle weiter Aufgaben an schwierigen Frontabschnitten.

«Babel» korrigiert die Zahl: 25 statt 26 — aber es könnten weitere Fälle dazukommen

Ein wichtiger Punkt: «Babel» hat die Zahl der Todesfälle präzisiert. In der ursprünglichen Recherche war von 26 Todesfällen in Ausbildungszentren des Regiments die Rede. Nach erneuter Prüfung stellte die Redaktion fest, dass ein Fall irrtümlich der «Skelja» zugerechnet worden war, obwohl der Mann in einer anderen Militäreinheit ausgebildet wurde.

Damit spricht «Babel» nun von 25 nicht kampfbedingten Todesfällen im Zusammenhang mit «Skelja». Zugleich schreibt die Redaktion, sie bearbeite neue Hinweise von Angehörigen weiterer Rekruten und werde diese Informationen an die Strafverfolgungsbehörden weitergeben. Die Zahl könnte also wieder steigen.

Sky-News-Produzent: Gepanzertes Auto mit Fahrerin beschossen

Parallel zur offiziellen Untersuchung werden weitere Vorfälle öffentlich. Der ukrainische Produzent des britischen Senders Sky News, Azad Safarov, berichtete in einem Beitrag bei NV, dass im März 2025 ein Fahrzeug des Sky-News-Teams nahe Dobropillia beschossen worden sei.

Nach seiner Darstellung war das Team für Dreharbeiten an der Front unterwegs. Ein gepanzertes Auto mit einer Fahrerin blieb an einem Kommandopunkt des Regiments «Skelja» zurück. Es sei vereinbart gewesen, dass die Fahrerin in einen geschützten Bereich gebracht werde. Stattdessen habe man ihr gesagt, sie solle im Auto bleiben.

Gegen 23.30 Uhr sei jemand an das Auto herangetreten und habe aus nächster Nähe auf die Fahrerseite geschossen. Die Frau sei nur deshalb unverletzt geblieben, weil das Fahrzeug gepanzert war. Safarov schreibt, am Auto seien zwölf Einschusslöcher gezählt worden. Danach sei ein anderer Soldat gekommen, habe Patronenhülsen eingesammelt und der Fahrerin gesagt, sie solle wegfahren, sonst würden auch die anderen Autos beschossen.

Safarov schreibt, der Regimentskommandeur habe damals versprochen, den Fall zu klären. Eine Antwort habe das Team bis heute nicht erhalten.

Dieser Vorwurf ist besonders brisant, weil er nicht aus dem Kreis mobilisierter Rekruten oder ihrer Angehörigen kommt, sondern von einem langjährigen ukrainischen Produzenten eines westlichen Fernsehsenders.

Neuer Todesfall: «bussifiziert», verschwunden, zwei Wochen später tot

Auch Angehörige und Bekannte melden nach der Recherche neue Fälle. Der Leiter der Organisation «Ukraine–India», Oleh Torgalo, beschrieb den Tod des 36-jährigen Bohdan Netschyportschuk. Der Fall wurde unter anderem auf Global Village Home dokumentiert.

Der ukrainische Ausdruck «bussifiziert» meint umgangssprachlich eine erzwungene Mobilisierung: Männer werden auf der Strasse, am Arbeitsplatz oder an Kontrollpunkten aufgegriffen und in Kleinbussen zu einem TCK gebracht. TCK steht für «Territoriales Zentrum für Rekrutierung und soziale Unterstützung» — faktisch die ukrainische Rekrutierungsbehörde.

Nach Torgalos Darstellung wurde Netschyportschuk direkt an seinem Arbeitsplatz, einer Autowerkstatt in Kiew, mobilisiert. Seine Mutter und sein Vater seien beide schwer behindert, der Bruder diene bereits an der Front. Noch am selben Tag habe er eine medizinische Kommission durchlaufen, die er als reine Formalität beschrieben habe. Danach sei er in eine Einheit der «Skelja» geschickt worden.

Die Mutter habe versucht, über einen Kommandeur wenigstens einen Telefonanruf ihres Sohnes zu erreichen. Danach sei der Kontakt abgebrochen. Zwei Wochen später habe sie aus dem Spital die Nachricht erhalten, sie solle zur Identifizierung der Leiche kommen.

Nach Torgalos Darstellung sah die Mutter eine grosse Delle am Kopf, Hämatome und verletzte Hände, die mit Klebeband am Körper fixiert gewesen seien. Das Spital habe ihr gesagt, Bohdan sei bereits im Koma eingeliefert worden. Als Todesursache sei später «toxische Enzephalopathie» beziehungsweise ein Zustand im Zusammenhang mit Entzug oder Drogen angegeben worden. Die Familie bestreitet diese Darstellung.

Dieser Fall ist bisher nicht durch eine unabhängige journalistische Recherche vollständig verifiziert. Er passt aber in das Muster, das «Babel» beschrieben hat: schnelle Mobilisierung, kaum nachvollziehbare medizinische Prüfung, Entzug von Kommunikation, Tod nach kurzer Zeit und eine offizielle Diagnose, die Angehörige für unglaubwürdig halten.

Neue Foltervorwürfe: Wasser, Urin und Schleppen hinter Fahrzeugen

Ukrainische Medien berichteten ausserdem unter Berufung auf die «eten ausserdem unter Berufung auf die «Babel»-Journalistin Kateryna Lyhohliad über weitere mutmassliche Methoden der Misshandlung. Demnach sollen Männer im Winter im Freien mit Wasser und Urin übergossen worden sein. Auch von Fällen ist die Rede, in denen Flüchtige an Quads oder andere Fahrzeuge gebunden und hinterhergeschleift worden seien.

Diese Details sind noch nicht abschliessend gerichtlich geprüft. Sie verschärfen aber den Kern des Problems: Es geht nicht nur um einzelne Schläge oder schlechte Versorgung. Es geht um den Verdacht, dass Gewalt und Erniedrigung in Teilen des Systems als Kontrollinstrument eingesetzt wurden.

Abgeordnete Bezuhla erhebt neue Vorwürfe

Auch die ukrainische Abgeordnete Mariana Bezuhla meldete sich zu Wort. Sie schrieb, der Bruder einer langjährigen Freundin sei nach der Basisausbildung in die «Skelja» gekommen und am dritten Tag verschwunden. BZVP steht für die ukrainische militärische Grundausbildung — also die Basisvorbereitung vor der Zuteilung oder dem Fronteinsatz.

Bezuhla behauptet, staatliche Stellen, Militärführung und Ermittlungsbehörden seien seit längerem über die Zustände in solchen Einheiten informiert. Ihre Aussage ist politisch zugespitzt und richtet sich auch gegen die Armeeführung. Trotzdem ist sie relevant, weil Bezuhla seit Monaten öffentlich auf Missstände in Sturmverbänden hinweist und angibt, zahlreiche Beschwerden erhalten zu haben.

Der Fall wird grösser

Damit verändert sich die Lage. Aus einer schweren journalistischen Recherche ist ein offizieller Untersuchungsfall geworden. Der Regimentskommandeur ist suspendiert, das Staatliche Ermittlungsbüro ermittelt, eine Kommission des Generalstabs arbeitet in der Einheit, der Ombudsmann ist eingeschaltet, und weitere Zeugen melden sich.

Gleichzeitig versucht das Regiment, die Vorwürfe einzuordnen. Bei einer Pressekonferenz erklärte ein Vertreter der Einheit, viele Darstellungen seien falsch oder übertrieben. Zu einzelnen Todesfällen verwies das Regiment auf Krankheiten, psychische Zustände, Selbstmord oder polizeiliche Untersuchungen. Im Fall Dmytro Kowal etwa erklärte ein Vertreter, gebrochene Rippen könnten durch Reanimationsmassnahmen entstanden sein. Zeugen hatten gegenüber «Babel» dagegen von täglichen Schlägen gesprochen.

Genau deshalb ist eine unabhängige Untersuchung entscheidend. Nicht jede neue Aussage ist automatisch bewiesen. Aber nach dem bisherigen Material reicht es auch nicht mehr, alles als Disziplinproblem einzelner Rekruten oder als «schwieriges Mobilisierungsmaterial» abzutun.

Der zentrale Befund bleibt: In einem ukrainischen Sturmregiment starben nach jetzigem Stand mindestens 25 Männer ausserhalb des Kampfes. Viele waren erst kurz zuvor mobilisiert worden. Nun melden sich weitere Angehörige, Journalisten und Politiker mit Berichten über Gewalt, Einschüchterung, Verschwindenlassen, beschossene Fahrzeuge und Tote mit fragwürdigen Diagnosen.

Das ist keine Randnotiz der Kriegsführung. Es ist ein Test dafür, ob der ukrainische Staat seine eigene Armee kontrollieren kann — auch dort, wo der Krieg, die Verluste und der Bedarf an Soldaten den Druck maximal erhöhen.