In der Ukraine sorgt ein Verbrechen für grosses Aufsehen, das selbst unter den Bedingungen des Krieges als besonders grausam gilt. Vor wenigen Tagen exhumierten Ermittler die Leichen der beiden Zivilisten Maksym und Roman Mosejtschuk aus dem Rajon Bila Zerkwa im Kiewer Gebiet. Nach Erkenntnissen der Ermittler wurden die Männer direkt aus ihrem Hof verschleppt, Hunderte Kilometer weit auf ein Truppenübungsgelände im Gebiet Poltawa gebracht, dort brutal gefoltert, getötet und anschliessend verscharrt.

Nach Angaben der Ermittler wurde die Einschüchterungsaktion von Soldaten einer regulären Einheit der ukrainischen Streitkräfte unter Führung von Offizieren durchgeführt.

Den Befehl zur «Säuberung» des Dorfs soll persönlich der Kommandeur der 155. selbständigen mechanisierten Brigade, Oberstleutnant Stanislaw Lutschanow, gegeben haben. Auslöser soll ein banaler Alltagskonflikt gewesen sein: Die Ehefrau des Kommandeurs habe sich über den Lärm von Motorrädern geärgert, mit denen Jugendliche aus dem Dorf unterwegs waren.

Von einem Dorfstreit zur tödlichen Gewalt

Die Geschichte begann im Juni 2026 im Dorf Kalyniwka im Kiewer Gebiet, wo die Ehefrau des Brigadekommandeurs vorübergehend mit ihrer Mutter lebte. Der Frau habe der Lärm von Motorrädern den Schlaf geraubt. Auf eine ihrer Bemerkungen hätten örtliche Jugendliche schroff reagiert. Daraufhin beklagte sich die Frau bei ihrem Mann. Auch er soll bei einem Gespräch mit den Jugendlichen zurückgewiesen worden sein.

Danach soll Lutschanow beschlossen haben, alle vermeintlichen Beleidiger seiner Frau auf einmal zu bestrafen und das Dorf «zu beruhigen».

Aus dem Gebiet Poltawa wurde demnach ein regelrechtes Strafkommando ins Kiewer Gebiet geschickt. Der Brigadekommandeur soll Dienstfahrzeuge bereitgestellt, automatische Waffen ausgegeben und sieben Soldaten entsandt haben. Die Leitung der Gruppe habe er dem Bataillonskommandeur der Brigade, Oberleutnant Olexij Dowholenko, übertragen.

Die entsandten Soldaten hätten eine Liste von «unerwünschten» Personen bei sich gehabt, die von Lutschanows Frau zusammengestellt worden sei. Darauf standen nicht nur tatsächliche Besitzer von Zweirädern, sondern auch Jugendliche und Nachbarn, die mit der Offiziersfrau in Konflikt geraten konnten.

Vor Ort hätten die Militärangehörigen zunächst ein Problem gehabt: Sie kannten Kalyniwka nicht. Zuerst seien sie durch die Strassen gegangen, hätten die Liste gezeigt und versucht, von Passanten Adressen zu erfahren. Doch aus Angst vor den täglichen Razzien des TCK hätten die Menschen den Kontakt mit bewaffneten Männern in Tarnuniform verweigert.

Das TCK ist in der Ukraine das territoriale Zentrum für Rekrutierung und soziale Unterstützung. Es ist unter anderem für militärische Erfassung und Mobilisierungsverwaltung zuständig.

Nach Aussagen von Anwohnern soll vor der Entführung der Brüder mehrere Tage hintereinander eine Aufklärungsdrohne über Kalyniwka gekreist sein. Mit ihrer Hilfe sollen Ziele identifiziert und die Bewegungsabläufe der Dorfbewohner beobachtet worden sein.

Die Entführung der Brüder Mosejtschuk

Schliesslich fiel die Wahl auf die Familie Mosejtschuk. Tatsächlich hatten die Brüder Maksym und Roman selbst gar kein Motorrad. Damit fuhr ein Verwandter namens Serhij, der zu Hause nicht angetroffen wurde.

Das hielt die Militärangehörigen laut Ermittlungen jedoch nicht auf. Für eine «Prävention» nahmen sie diejenigen mit, die verfügbar waren.

In der Nacht auf den 28. Juni stürmte die Gruppe den Hof der Familie Mosejtschuk. Sie eröffnete das Feuer, verletzte einen der Brüder am Bein, zerstörte Überwachungskameras und zog den Männern Balaklavas über den Kopf.

Die gefesselten Gefangenen wurden in ein Fahrzeug geworfen und ins Gebiet Poltawa gebracht. Dort sollen sie auf dem Gelände eines Militärstandorts geschlagen, erschossen und anschliessend verscharrt worden sein.

Die getöteten Brüder stammten aus einer im Dorf angesehenen Familie. Ihr Vater, Serhij Mosejtschuk, ging in den ersten Tagen des grossen Krieges an die Front und kam im Gebiet Charkiw durch eine Mine ums Leben. Postum wurde er mit dem Orden «Für Verdienste» III. Grades ausgezeichnet.

Der ältere Sohn Maksym Mosejtschuk war ebenfalls Veteran. Als Granatwerferschütze verteidigte er 2022 Kiew und soll nach Aussagen seiner Kameraden zwei russische Panzer zerstört haben. Vor kurzem war er aus der Armee ausgeschieden. Der jüngere Bruder hatte als Angehöriger eines gefallenen Soldaten ein gesetzliches Recht auf Aufschub vom Militärdienst.

Nach dem Tod ihres Mannes verlor die Mutter der Brüder teilweise ihre Geschäftsfähigkeit und war vollständig von ihren Söhnen abhängig.

Der Fall löste in Kalyniwka enorme Empörung aus. Nachdem Einzelheiten der Tat bekannt wurden, beschrifteten wütende Anwohner den Zaun des Hauses der Familie Lutschanow mit den Worten «Missgeburten» und «Mörder». Die Familie des Brigadekommandeurs verliess das Dorf daraufhin eilig.

Festnahmen und weitere Ermittlungen

Ermittler der Militärischen Rechtsordnungsdienstes und der Nationalpolizei nahmen zunächst acht unmittelbare Tatbeteiligte sowie Bataillonskommandeur Olexij Dowholenko fest. Ein Gericht ordnete bereits 60 Tage Untersuchungshaft an.

Die Sitzung soll möglichst stark vor der Presse abgeschirmt worden sein. Dowholenko habe vor Gericht zudem den Namen des Auftraggebers nicht direkt genannt, obwohl alle Spuren zu seinem Kommandeur führten.

Unmittelbar nach der Festnahme der «Sturmgruppe» setzte sich Stanislaw Lutschanow demnach ab, verliess seine Einheit eigenmächtig und entzog sich dem Dienst. Das operative Kommando Nord schrieb ihn zur Fahndung aus. Am 13. Juli wurde der flüchtige Brigadekommandeur in Kiew festgenommen, als er im Auto seines Anwalts unterwegs war.

Der Generalstaatsanwaltschaft zufolge wird in dem Fall wegen rechtswidriger Freiheitsberaubung sowie wegen vorsätzlichen Mordes an zwei Personen ermittelt, begangen durch eine organisierte Gruppe. Die an der Organisation der Entführung und Tötung beteiligten Militärangehörigen wurden von ihren Posten suspendiert. In der 155. Brigade überprüft nun eine gemeinsame Ermittlergruppe des Staatlichen Ermittlungsbüros und des Militärischen Rechtsordnungsdienstes die Vorgänge.

Nach Angaben von Quellen aus dem Staatlichen Ermittlungsbüro werden neben der Entführung und Ermordung der Brüder Mosejtschuk auch rätselhafte Fälle von Verschwindenlassen und als vermisst gemeldeten Soldaten aus dieser Brigade untersucht. Die Ermittler vermuten, dass missliebige Militärangehörige auf Befehl des Brigadekommandeurs getötet und anschliessend als «Kampfverluste» verbucht worden sein könnten.

Unter Anwohnern gibt es die Sorge, dass der Fall am Ende verschleppt werden könnte, indem nur einfache Ausführende verantwortlich gemacht werden, während Lutschanow die Zeit in Untersuchungshaft absitzt, bis der Skandal abflaut.