Der Drohnenkrieg in der Ukraine ist kein Krieg, in dem Maschinen den Menschen ersetzt haben. Es ist ein Krieg, in dem fast jede Handlung an der Front mit unbemannten Systemen verbunden ist: Aufklärung, Artilleriekorrektur, Angriff, Versorgung, Auswertung von Treffern, Suche nach Schwachstellen, elektronische Kriegführung und Schutz vor gegnerischen Drohnen.

Die wichtigste Veränderung liegt nicht darin, dass eine neue Waffe aufgetaucht ist. Entscheidend ist, dass Krieg schneller und sichtbarer geworden ist. Früher konnten zwischen dem Entdecken eines Ziels und dem Angriff Stunden oder Tage liegen. Heute kann sich dieser Ablauf manchmal auf Minuten verkürzen: sehen, Koordinaten weitergeben, zuschlagen, Ergebnis prüfen, Taktik anpassen.

Drohnen haben Artillerie, Panzer, Infanterie, Raketen, Luftwaffe, Luftverteidigung und Logistik nicht ersetzt. Sie haben die Bedingungen verändert, unter denen all das eingesetzt wird. Ein Panzer ohne Tarnung und Schutz von oben ist verwundbarer. Infanterie bewegt sich unter ständiger Beobachtung anders. Artillerie sieht ohne Drohnen schlechter. Versorgung kann den nahen rückwärtigen Raum nicht mehr als sicher betrachten. Und Luftverteidigung muss ihre Ressourcen nicht nur gegen Raketen und Flugzeuge einsetzen, sondern auch gegen massenhaft auftretende, vergleichsweise günstige Ziele.

Die politische Dimension dieser Entwicklung — wie Drohnen das Gewaltmonopol des Staates und die Architektur moderner Kriege verändern — wurde bei OstKompass bereits im Beitrag «Drohnen entmachten den Staat» ausführlicher erklärt. Dieser Text beantwortet eine praktischere Frage: Wie funktioniert der Drohnenkrieg in der Ukraine, welche Drohnentypen werden eingesetzt, warum sind sie so wichtig geworden und wo liegen ihre Grenzen?

Was bedeutet «Drohnenkrieg»?

Unter Drohnenkrieg versteht man oft etwas sehr Konkretes: Eine FPV-Drohne fliegt in einen Panzer, eine Seedrohne greift ein Schiff an, eine Shahed-Drohne nähert sich einer Stadt. Das ist aber nur der sichtbare Teil.

Drohnenkrieg bedeutet, dass unbemannte Systeme dauerhaft in militärische Abläufe integriert sind. Sie können in der Luft, am Boden, auf dem Wasser oder unter Wasser eingesetzt werden. Das ukrainische Verteidigungsministerium beschreibt die Unmanned Systems Forces als eigene Teilstreitkraft, die Luftdrohnen, bodengebundene Robotersysteme sowie unbemannte maritime Systeme an und unter der Wasseroberfläche nutzt.

Am einfachsten lassen sich Drohnen nach drei Rollen unterscheiden.

Die erste Rolle ist die des Auges. Eine Drohne sucht Ziele, beobachtet Strassen, Gräben, Lager, Artilleriestellungen oder Truppenbewegungen. Ohne Aufklärung ist präzises Feuer oft nicht möglich.

Die zweite Rolle ist die der Waffe. Eine Drohne trägt selbst einen Sprengsatz, wirft Munition ab oder wird als Einweg-Angriffssystem eingesetzt.

Die dritte Rolle ist die eines Systembausteins. Eine Drohne überträgt Signale, dient als Relaisstation, unterstützt Artillerie, prüft Treffer, lenkt Luftverteidigung ab oder wird selbst Teil der Drohnenabwehr.

Der Begriff «Drohnenkrieg» bedeutet also nicht, dass nur Drohnen kämpfen. Er bedeutet, dass unbemannte Systeme zu einem ständigen Vermittler zwischen Mensch, Information und Feuer geworden sind.

Warum wurde gerade die Ukraine zur wichtigsten Drohnen-Laborfläche?

Drohnen wurden in der Ukraine schon vor 2022 eingesetzt. Seit 2014 nutzten beide Seiten sie zur Aufklärung, Beobachtung und Artilleriekorrektur; bereits 2015 gab es Fälle, in denen Drohnen auch zum Abwurf von Sprengsätzen verwendet wurden. Nach Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 machte die Ukraine unbemannte Systeme zu einer zentralen asymmetrischen Antwort auf Russlands Überlegenheit bei Artillerie, Luftwaffe und gepanzerten Fahrzeugen. Das beschreibt unter anderem der polnische Thinktank OSW.

Die Gründe waren praktisch. Die Ukraine hatte nicht gleich viele Flugzeuge, Raketen, Panzerfahrzeuge und Artilleriegranaten wie Russland. Sie verfügte aber über zivile Ingenieure, eine starke IT-Szene, Freiwilligennetzwerke, kleine Hersteller, eine Kultur der Improvisation und direkte Rückmeldungen von der Front. Wenn eine Einheit eine neue Halterung, eine andere Kamera, eine alternative Kommunikationslösung oder eine neue Einsatzweise brauchte, konnte das nicht erst nach Jahren, sondern oft nach Tagen oder Wochen ausprobiert werden.

Das Center for Strategic and International Studies beschreibt das ukrainische Modell als Verbindung von staatlicher Institutionalisierung und Initiative von unten. Zunächst entstanden Drohnengruppen in Fronteinheiten, später wurden diese Praktiken durch eigene Strukturen, Beschaffung, Ausbildung und die Unmanned Systems Forces stärker formalisiert.

Eine wichtige Einschränkung ist nötig: Die Ukraine ist nicht die einzige Seite dieses Drohnenkriegs. Russland passte sich rasch an. Es baute den massenhaften Einsatz von FPV-Drohnen, Aufklärungsdrohnen, Shahed/Geran-Angriffsdrohnen, elektronischer Kriegführung, Schutznetzen, mobilen Abwehrmitteln und eigenen Produktionsketten aus. Das britische Royal United Services Institute weist darauf hin, dass russische Kräfte inzwischen über sehr starke Fähigkeiten zur Drohnenabwehr verfügen, darunter elektronische Kriegführung, Schusswaffen, Flugabwehrmittel, Schutzvorrichtungen für Fahrzeuge und gesicherte Infrastruktur.

Die Ukraine wurde nicht deshalb zur wichtigsten sichtbaren Laborfläche des Drohnenkriegs, weil dort alle Technologien erfunden wurden. Sondern weil sich dort ein langer industrieller Krieg, Mobilisierung, Mangel an klassischen Präzisionsmitteln, zivile Produktion, günstige Komponenten, elektronische Kriegführung, Artillerie, Raketen, Luftverteidigung und täglicher Anpassungsdruck auf engem Raum überlagern.

Welche Drohnen werden eingesetzt?

Das Wort «Drohne» ist zu allgemein. In der Ukraine kann damit ein kleiner Quadrocopter, eine FPV-Kamikazedrohne, ein schwerer nächtlicher Bomber, ein Langstreckensystem, eine Seedrohne, eine Bodenplattform oder eine Abfangdrohne gemeint sein.

Aufklärungsdrohnen

Aufklärungsdrohnen sind die Augen des Krieges. Sie suchen Stellungen, Fahrzeuge, Artillerie, Lager, Antennen, Versorgungswege, Übergänge und Infanteriebewegungen. Oft sind sie wichtiger als Angriffsdrohnen: Was nicht gefunden wird, kann auch nicht präzise getroffen werden.

Sie verändern nicht nur den Angriff, sondern das Verhalten von Truppen insgesamt. Wo früher eine Kolonne vielleicht unentdeckt blieb, kann sie heute aus der Luft gesehen werden. Wo Artillerie früher länger an einer Position bleiben konnte, riskiert sie heute, entdeckt und angegriffen zu werden. RUSI beschreibt dies als wachsende «Transparenz des Gefechtsfelds»: Ein Netz aus Sensoren, Drohnen, Satellitenkommunikation und digitalen Systemen macht Überraschung deutlich schwieriger.

FPV-Drohnen

FPV bedeutet First Person View. Der Operator sieht das Bild der Drohnenkamera so, als sässe er selbst in der Drohne. Im Ukrainekrieg wurden FPV-Drohnen zum Symbol billiger Präzision. CSIS beschreibt ein typisches FPV-System als vergleichsweise einfache Kombination aus Quadrocopter, Bodenstation und Operator-Brille; die durchschnittlichen Kosten solcher Systeme wurden im ukrainischen Kontext etwa mit 200 bis 1000 Dollar angegeben, die typische Reichweite mit rund 5 bis 15 Kilometern.

Gerade FPV-Drohnen haben den Nahbereich des Kriegs stark verändert. Sie können gepanzerte Fahrzeuge, Lastwagen, Gräben, Unterstände, Artillerie, Antennen, Soldatengruppen und einzelne Stellungen angreifen. Beide Seiten setzen sie ein. Sie brauchen keinen Flugplatz, keinen Kampfpiloten und keine teure Rakete. Sie können massenhaft gebaut, schnell verändert und schnell verloren werden.

Aber FPV-Drohnen sind keine Wunderwaffe. OSW weist darauf hin, dass trotz steigender Treffergenauigkeit ein grosser Teil der FPV-Angriffe ein Ziel nicht zerstört. Gründe sind Panzerung, Schutznetze, elektronische Kriegführung, Fehlsteuerung, Wetter und technische Grenzen. Nach OSW-Schätzung können rund 60 bis 80 Prozent der FPV-Angriffe weiterhin nicht zur Zerstörung des Ziels führen.

Bomberdrohnen

Eine eigene Kategorie bilden grössere Multicopter, die oft nachts eingesetzt werden. Sie können Munition abwerfen, zurückkehren und erneut verwendet werden. Einige dieser Plattformen gehen auf zivile oder landwirtschaftliche Drohnen zurück. CSIS nennt als Beispiel schwere ukrainische Multicopter, die unter dem Namen «Baba Yaga» bekannt wurden: Systeme, die ursprünglich landwirtschaftlichen Plattformen ähnelten und im Krieg für nächtliche Angriffe umgebaut wurden.

Ihre Wirkung ist nicht nur physisch. Eine nächtliche Drohne über einem Graben erzeugt permanenten Druck. Soldaten wissen nicht, ob sie beobachtet werden, ob ein Sprengsatz fällt, ob Bewegung sicher ist, ob Wasser geliefert, ein Verwundeter evakuiert oder eine Stellung repariert werden kann.

Shahed/Geran

Shahed/Geran-Drohnen gehören zu einer anderen Ebene des Krieges. Sie sind keine kleinen FPV-Drohnen an der Front, sondern weitreichende Einweg-Angriffsdrohnen, die Russland gegen ukrainische Städte, Energieanlagen, Lager, Häfen, Eisenbahnen und andere Ziele einsetzt.

Ihr Zweck liegt nicht nur in Präzision. Entscheidend sind Masse, Kosten und Überlastung der Verteidigung. Wenn viele Drohnen gleichzeitig eingesetzt werden, muss die Luftverteidigung sie erkennen, einordnen, verfolgen und entscheiden, womit sie bekämpft werden. Muss eine günstige Drohne mit einer teuren Rakete abgeschossen werden, entsteht eine Kostenasymmetrie.

Nach einer Analyse des Institute for Science and International Security, die sich auf ukrainische Meldungen stützt, setzte Russland im Mai 2026 insgesamt 8161 Shahed-artige UAVs einschliesslich Täuschkörpern gegen die Ukraine ein. Davon wurden rund 5181 als Angriffsdrohnen vom Typ Shahed/Geran eingeschätzt, die in Alabuga produziert worden seien. Diese Zahlen sind als offene Schätzung auf Grundlage ukrainischer Berichterstattung zu lesen. Der Trend einer starken Massierung solcher Angriffe ist jedoch klar erkennbar.

Ukrainische Langstreckendrohnen

Auch die Ukraine setzt Langstreckendrohnen ein, um Ziele tief im russischen Hinterland oder in von Russland kontrollierten ukrainischen Gebieten anzugreifen. Typische Zielkategorien sind Militärflugplätze, Munitionslager, Ölraffinerien, Logistikknoten, Radaranlagen, militärisch-industrielle Einrichtungen und Führungsinfrastruktur.

Solche Drohnen kompensieren teilweise das Fehlen einer vollwertigen strategischen Luftwaffe und grosser Bestände an weitreichenden Raketen. Sie machen die Ukraine nicht zu einer klassischen Luftmacht. Sie schaffen aber eine Bedrohung für Ziele, die früher deutlich weniger verwundbar waren.

CSIS behandelt ukrainische Langstreckendrohnen als eigene Systemkategorie und beschreibt sie als Werkzeug für tiefe Angriffe auf russisches Territorium. Ein Teil der technischen Eigenschaften solcher Programme bleibt geheim.

Seedrohnen

Seedrohnen sind eines der sichtbarsten Beispiele asymmetrischer Kriegführung. Die Ukraine verfügte nicht über eine Marine, die mit der russischen Schwarzmeerflotte klassisch vergleichbar gewesen wäre. Durch eine Kombination aus unbemannten maritimen Systemen, Raketen, Aufklärung und Küstenverteidigung konnte sie die Bewegungsfreiheit der russischen Flotte aber einschränken.

RUSI schreibt, dass der ukrainische Erfolg bei der Eindämmung der russischen Schwarzmeerflotte ohne unbemannte maritime Systeme nicht möglich gewesen wäre. Nach Einschätzung von RUSI musste die russische Flotte deutlich vorsichtiger agieren; ein Teil ihrer Schiffe blieb faktisch hinter Schutzschichten in Häfen gebunden.

Das bedeutet nicht, dass die Ukraine eine klassische Kontrolle über das Schwarze Meer erlangt hat. Präziser ist: Sie hat Bedingungen geschaffen, unter denen freie russische Flottenoperationen deutlich gefährlicher wurden.

Bodenroboter

Bodengebundene unbemannte Systeme sind medial weniger sichtbar, gewinnen aber an Bedeutung. Dabei geht es nicht zwingend um «Kampfroboter» im Science-Fiction-Sinn. Häufiger handelt es sich um Plattformen für Munition, Wasser, Nahrung, Verwundetentransport, Minenlegen, Minenräumung oder Materialtransport.

Ihre Logik ist einfach: Wenn eine Strasse von Drohnen überwacht und von Artillerie bedroht wird, ist jede Fahrt mit einem Fahrzeug riskant. Eine unbemannte Bodenplattform ersetzt den Soldaten nicht, kann aber die Zahl der Situationen verringern, in denen Menschen unter Beobachtung und Beschuss hinausmüssen.

Abfangdrohnen

Je mehr Drohnen in der Luft sind, desto wichtiger wird die Frage: Womit werden sie abgeschossen? Eine Antwort sind Abfangdrohnen. Sie sollen andere Drohnen zerstören, besonders dort, wo der Einsatz klassischer Flugabwehrraketen zu teuer oder ineffizient wäre.

Dieses Feld entwickelt sich schnell, weil traditionelle Luftverteidigung nicht für einen endlosen Kampf gegen günstige Massenziele ausgelegt ist. Wenn eine Drohne deutlich weniger kostet als die Rakete, die sie abschiesst, sucht die Verteidigung nach billigeren Abfanglösungen.

Wie funktioniert ein Drohneneinsatz?

Der wichtigste Teil des Drohnenkriegs ist nicht das einzelne Gerät. Entscheidend ist der Ablauf.

Zuerst muss ein Ziel entdeckt werden. Das kann durch eine Aufklärungsdrohne, einen Beobachter am Boden, elektronische Aufklärung, Satelliteninformationen oder andere Sensoren geschehen. Dann muss das Ziel bestätigt werden: militärisches Objekt oder ziviles Objekt, echte Stellung oder Täuschziel, eigene Technik oder fremde. Danach wird die Information an diejenigen weitergegeben, die wirken können: Artillerie, Mörser, FPV-Gruppe, Langstreckenwaffe oder eine andere Einheit. Nach dem Angriff wird das Ergebnis wieder aus der Luft geprüft.

Auf dem Papier klingt das einfach. In der Praxis bricht ständig etwas ab. Verbindung wird gestört. Das Bild fällt aus. Der Operator macht einen Fehler. Wetter stört. Das Ziel bewegt sich. Der Akku ist leer. Ein Kommandant vertraut den Koordinaten nicht. Munition fehlt. Elektronische Kriegführung greift. Die Drohne stürzt ab. Eine andere Drohne prüft den Treffer und zeigt, dass das Ziel nur beschädigt, aber nicht zerstört wurde.

Genau deshalb ist Drohnenkrieg keine Geschichte über Wundertechnik. Es ist die Geschichte eines Systems, das schneller als der Gegner aus Fehlern lernen muss.

CSIS betont, dass sich unbemannte Systeme in der Ukraine mit aussergewöhnlicher Geschwindigkeit entwickeln. Technische Änderungen und taktische Anpassungen können nicht erst nach Jahren, sondern nach Tagen oder Wochen auftauchen. Zugleich gilt: Technologie allein löst keine militärische Aufgabe. Nötig sind Ausbildung, Integration, Betrieb, Unterhalt und Organisation.

Warum FPV-Drohnen zum Symbol dieses Krieges wurden

Die FPV-Drohne wurde zum Symbol des Ukrainekriegs, weil sie den Preis von Präzision verändert hat.

Präzise Wirkung war früher oft mit teuren Raketen, gelenkten Bomben, Präzisionsartillerie oder komplexen Zielsystemen verbunden. FPV-Drohnen machten präzise Wirkung auf taktischer Ebene zugänglicher. Nicht immer zuverlässiger. Nicht immer stärker. Aber günstiger und massenhafter.

Für Soldaten am Boden bedeutet das eine neue Realität. Gefahr kommt nicht mehr nur von Artillerie, Mörsern, Scharfschützen oder Panzern. Sie kann in der Luft warten, eine Bewegung verfolgen, einem Fahrzeug nachfliegen, einen Unterstandseingang angreifen oder eine Versorgungsstrasse treffen.

Für Kommandeure bedeutet das: Kleine Fehler werden teuer. Offen abgestellte Fahrzeuge, vorhersehbare Versorgungsrouten, Menschenansammlungen vor Unterständen, aktive Antennen, Bewegungen am Tag auf bekannten Wegen — all das kann schnell gesehen und angegriffen werden.

Aber FPV-Drohnen haben Artillerie nicht ersetzt. Sie haben den Mangel an Artillerie teilweise kompensiert und dort billige Präzision hinzugefügt, wo früher ein teureres oder weniger verfügbares Wirkmittel nötig gewesen wäre. RUSI warnt ausdrücklich vor dem Schluss, Drohnen sollten klassische Feuerkraft ersetzen: In der Ukraine entfalten sie ihre Wirkung zusammen mit Minen, Artillerie, Raketen, Luft-Boden-Waffen und anderen Elementen des Gefechts.

Der unsichtbare Krieg: elektronische Kriegführung und Drohnenabwehr

Drohnenkrieg ist immer auch ein Krieg um Verbindung. Wenn eine Drohne nichts sieht, kein Bild überträgt, keine Steuerbefehle erhält oder ihre Navigation verliert, kann sie nutzlos werden.

Darum steht neben dem Drohneneinsatz immer elektronische Kriegführung. Sie versucht Steuerverbindungen zu stören, Navigation zu manipulieren, Signale zu orten, Operatoren zu behindern und eigene Kräfte zu schützen. Darauf folgen neue Antennen, Relaisdrohnen, Frequenzwechsel, autonome Funktionen, Glasfaserdrohnen und andere Gegenanpassungen.

Eine Glasfaserdrohne lässt sich einfach erklären: Die Verbindung läuft nicht über Funk, sondern über ein Kabel. Ein solches Signal ist mit gewöhnlicher elektronischer Kriegführung schwerer zu stören. Dafür bezahlt man mit Gewicht, Reichweitenbeschränkung, höherer Komplexität und geringerer Bewegungsfreiheit. CSIS beschreibt Glasfaserdrohnen als relativ einfache Antwort ukrainischer Entwickler auf Störung und Spoofing — im Vergleich zu komplexeren KI-Lösungen.

Auch Drohnenabwehr ist mehrschichtig. Sie besteht nicht aus einem Gerät oder einer einzelnen «Anti-Drohnen-Kanone». Sie umfasst Tarnung, Verteilung, Netze, Täuschziele, elektronische Kriegführung, Schusswaffen, leichte Flugabwehr, mobile Gruppen, Radare, akustische und optische Sensoren, Abfangdrohnen und Bewegungsdisziplin.

Drohnenkrieg bestraft Einförmigkeit schnell. Wenn eine Einheit immer dieselbe Strasse benutzt, auf denselben Frequenzen arbeitet, Fahrzeuge am selben Ort abstellt und Unterstände nicht verändert, lernt der Gegner schneller. Wenn sie Routen wechselt, tarnt, Täuschziele nutzt und Kommunikation schützt, steigt der Preis eines Angriffs.

Was Drohnen an der Front verändert haben

Die erste Veränderung: Das Gefechtsfeld ist sichtbarer geworden. Nicht vollständig transparent — Wald, Stadt, Wetter, Rauch, Tarnung, Gelände und elektronische Kriegführung bleiben wichtig. Aber Menschen und Technik unbemerkt zu konzentrieren, ist deutlich schwieriger geworden.

Die zweite Veränderung: Bewegung ist gefährlicher geworden. Versorgungsstrassen, Evakuierungsrouten, Zufahrten zu Stellungen, Artillerieplätze und Reparaturpunkte sind Teil der Wirkungszone geworden. RUSI weist darauf hin, dass Versorgungslinien hinter dem unmittelbaren Gefecht unter diesen Bedingungen zu vorrangigen Zielen werden, weil es oft leichter ist, Nachschub zu treffen als Kräfte in gedeckten Stellungen.

Die dritte Veränderung: Grosse Ansammlungen sind verwundbarer. Eine grosse Kolonne, ein dichter Angriff, ein offener Fahrzeugpark oder ein auffälliges Lager zieht nicht nur eine einzelne Waffe an, sondern eine ganze Kette: Aufklärung, Drohne, Artillerie, FPV, Rakete, Folgeangriff.

Die vierte Veränderung: Krieg wird kleinteiliger und verteilter. Infanterie handelt häufiger in kleinen Gruppen. Fahrzeuge bleiben verborgen und treten nur kurz hervor. Versorgung wird aufgesplittert. Angriffe können über Infiltration, kleine Gruppen, leichte Fahrzeuge, Täuschziele und ständigen Kampf um Beobachtung geführt werden.

Die fünfte Veränderung: Logistik ist näher an den Kampf gerückt. Krieg entscheidet sich nicht nur im Graben, sondern auch auf dem Weg zum Graben. Wasser, Akkus, Munition, Treibstoff, Nahrung, Reparatur und Evakuierung stehen unter permanenter Beobachtungs- und Angriffsdrohung.

Warum Angriffe trotzdem möglich bleiben

Aus dem Drohnenkrieg wird oft ein zu einfacher Schluss gezogen: Wenn alles sichtbar ist, kann niemand mehr angreifen. Das stimmt nicht.

Drohnen machen Angriffe teurer, langsamer und riskanter. Sie erhöhen den Preis von Fehlern. Aber sie machen offensive Operationen nicht unmöglich. Russische Truppen griffen weiter an und passten sich an ein drohnengesättigtes Gefechtsfeld an: mit kleinen Gruppen, Verteilung, Infiltration, leichten Fahrzeugen, elektronischer Kriegführung, Täuschzielen, Nachtaktionen und eigenen Aufklärungs-Wirkungs-Ketten.

Auch ukrainische Kräfte suchen neue Modelle offensiven Handelns unter Bedingungen eines transparenten Gefechtsfelds. RUSI beschreibt ukrainische Experimente mit verbundenem Manöver, bei dem es nicht um den klassischen massierten Durchbruch geht, sondern um die Kombination aus Beobachtung, Unterdrückung gegnerischer Sensoren, Isolierung eines Abschnitts, Angriff auf Versorgung, Bindung von Kräften und anschliessender Einnahme von Gelände.

Das ist ein wichtiger Punkt: Drohnen haben die Verteidigung nicht absolut gemacht. Sie haben schlechte Angriffe fast selbstmörderisch und gute Angriffe sehr viel komplexer gemacht.

Russlands Anpassung

In der ersten Phase der Vollinvasion wurde oft von ukrainischer Innovationsüberlegenheit bei Drohnen gesprochen. Das war teilweise richtig, besonders bei Freiwilligennetzwerken, kleinen Herstellern und schneller Erprobung an der Front. Bis 2025 und 2026 ist das Bild aber komplexer geworden.

Russland hat Produktion und Einsatz unbemannter Systeme stark skaliert. CSIS schreibt, Russland baue ein breiteres Ökosystem aus unbemannten Systemen und angewandter künstlicher Intelligenz auf: staatliche Programme, zivile Entwicklungen, Operator-Ausbildung, Industrie, Komponenten, Tests und Frontfeedback würden schrittweise enger verbunden.

Auch die Produktion weitreichender Shahed/Geran-Angriffsdrohnen wurde ausgebaut. CSIS dokumentierte anhand von Satellitenbildern die Erweiterung von Anlagen in der Sonderwirtschaftszone Alabuga: Seit Ende 2021 sei die mit UAV-Produktion verbundene Infrastruktur zu einem grossen Komplex gewachsen, und die Produktion habe nach Einschätzung der Autoren schneller skaliert als ursprünglich erwartet.

Russland wurde zudem stärker in der Drohnenabwehr: elektronische Kriegführung, Schutzkonstruktionen, Netze, Kurzstrecken-Luftverteidigung, Ausbildung der Infanterie, Schutz von Fahrzeugen und Härtung militärischer Objekte. Das macht ukrainische Drohnen nicht nutzlos. Es zeigt aber, dass ein Vorteil im Drohnenkrieg selten dauerhaft ist. Eine technische Lösung, die im Frühling funktioniert, kann im Herbst deutlich weniger wirksam sein.

Ukrainische Anpassung

Die ukrainische Anpassung beruht auf einer anderen Mischung: Fronterfahrung, staatliche Formalisierung, kleine Hersteller, Freiwillige, digitale Systeme und schnelle Beschaffung. OSW schätzt, dass die Ukraine 2024 rund 2,2 Millionen Drohnen verschiedener Typen produzierte. Für 2025 erwartete OSW mehr als 4,5 Millionen Systeme, darunter über 2 Millionen FPV-Drohnen. Diese Zahlen zeigen den Massstab: Die Drohne ist keine seltene Spezialtechnik mehr, sondern ein Verbrauchsgut des Krieges.

Dieses Modell hat aber auch Schwächen. Dezentralisierung beschleunigt Innovation, verringert das Risiko, dass ein einzelner grosser Betrieb ausgeschaltet wird, und erlaubt Anpassung an konkrete Bedürfnisse einzelner Einheiten. Gleichzeitig entstehen Probleme bei Standards, Qualität, Zertifizierung, Reparatur und Kompatibilität. OSW weist darauf hin, dass Einheiten der ukrainischen Unmanned Systems Forces mehr als 250 UAV-Modelle nutzen. Diese Vielfalt wird selbst zu einer Führungs- und Organisationsfrage.

Offizielle ukrainische Einschätzungen zur Wirksamkeit von Drohnen müssen als Aussagen einer Kriegspartei gelesen werden. So erklärte der ukrainische Präsident im Januar 2026, mehr als 80 Prozent der gegnerischen Ziele würden durch Drohnen zerstört, die meisten eingesetzten Systeme seien ukrainischer Produktion. Diese Zahl ist wichtig als Hinweis darauf, wie die ukrainische Führung die Rolle von Drohnen einschätzt. Sie sollte aber nicht automatisch als unabhängige Statistik militärischer Wirksamkeit verstanden werden. Die Aussage findet sich auf der Website des ukrainischen Präsidenten.

Drohnen gegen Städte und Zivilpersonen

Drohnenkrieg findet nicht nur an der Front statt. Russland setzt weitreichende Angriffsdrohnen zusammen mit Raketen gegen ukrainische Städte, Energieanlagen, Häfen, Eisenbahnen und andere Infrastruktur ein. Eine solche Kampagne verfolgt mehrere Ziele: physischen Schaden, Druck auf die Luftverteidigung, wirtschaftliche Erschöpfung, Störung des Alltags und psychologische Wirkung.

Die humanitäre Dimension ist zentral. Eine Kamera an einer Drohne macht einen Angriff nicht automatisch präzise, rechtmässig oder sicher für Zivilpersonen. Das humanitäre Völkerrecht verlangt weiterhin Unterscheidung zwischen militärischen Zielen und Zivilpersonen, Verhältnismässigkeit und Vorsichtsmassnahmen.

Nach Angaben der UN Human Rights Monitoring Mission in Ukraine stieg die Zahl ziviler Opfer durch Kurzstreckendrohnen im Jahr 2025 gegenüber 2024 um 120 Prozent: 577 getötete und 3288 verletzte Zivilpersonen gegenüber 226 Getöteten und 1528 Verletzten im Vorjahr. Die UNO wies zudem darauf hin, dass lange nächtliche Angriffe mit weitreichenden Waffen, darunter Raketen und Loitering Munitions, eine wichtige Ursache ziviler Schäden in ukrainischen Städten wurden.

Im April 2026 waren laut HRMMU Angriffe mit weitreichenden Waffen — Raketen und Drohnen — die Hauptursache ziviler Opfer in der Ukraine. Kurzstreckendrohnen töteten in diesem Monat 80 und verletzten 481 Zivilpersonen und waren damit die zweitwichtigste Waffenart nach Opferzahlen.

Neutralität verlangt zugleich, Datenlücken offenzulegen. HRMMU hielt fest, russische Behörden hätten über steigende zivile Opfer durch Kurzstreckendrohnen innerhalb Russlands berichtet, besonders Anfang 2025. Die Mission konnte aber nicht alle diese Fälle unabhängig überprüfen, weil Zugang und offene Informationen begrenzt waren. Diese Einschränkung wird im HRMMU-Bericht zu Kurzstreckendrohnen ausdrücklich erwähnt.

Der Punkt ist hier nicht Sympathie für eine Seite. Es geht um die Eigenschaft der Waffe. Eine Drohne kann dem Operator ein Bild des Ziels geben. Das hebt die Pflicht zur Unterscheidung zwischen militärischem Objekt und zivilem Objekt nicht auf. Im Gegenteil: Gerade die vorhandene Kamera macht die Frage der Verantwortung noch schärfer.

Drohnenkrieg auf See

Auf See zeigen Drohnen eine andere Seite der Asymmetrie. Die russische Schwarzmeerflotte war den ukrainischen Seestreitkräften nach klassischen Kriterien überlegen: Schiffe, Stützpunkte, Raketen, Erfahrung, Infrastruktur. Durch die Kombination aus Seedrohnen, Raketen, Aufklärung und Küstenverteidigung konnte die Ukraine aber die Bewegungsfreiheit der russischen Flotte einschränken.

Das ist kein einfacher «Sieg der Drohnen über die Flotte». Es ist ein Beispiel dafür, wie unbemannte Systeme das Verhalten einer stärkeren Seite verändern können. Schiffe müssen weiter weg operieren, Stützpunkte dichter geschützt werden, Operationen vorsichtiger geplant werden, und die Kosten der Verteidigung steigen.

Der Unterschied zwischen Seekontrolle und Seezugangsverweigerung ist hier wichtig. Seekontrolle bedeutet, in einem Seegebiet frei handeln zu können. Seezugangsverweigerung bedeutet, dem Gegner diese Freiheit zu nehmen oder sie sehr gefährlich zu machen. Die Ukraine wurde nicht zu einer klassischen Seemacht, machte die russische Überlegenheit im Schwarzen Meer aber deutlich weniger nutzbar.

Produktion als Teil des Kampfes

Drohnenkrieg findet nicht nur an der Front statt. Er findet auch in Fabriken, Werkstätten, Beschaffungsstellen, Komponentenketten, Batterien, Motoren, Kameras, Platinen, Antennen, Kabeln, Software, Zertifizierung und Reparatur statt.

Wenn Drohnen zu Tausenden verbraucht werden, kann man sie nicht wie seltene Spezialtechnik behandeln. Sie ähneln eher Munition: Sie werden ständig gebraucht, in verschiedenen Varianten, mit schneller Reparatur und raschem Ersatz. Hersteller müssen verstehen, was an der Front geschieht. Einheiten müssen schnell das passende Modell erhalten. Der Staat muss schneller beschaffen, als sich die Technologie verändert. Sonst ist ein System veraltet, bevor es bei den Truppen ankommt.

OSW zeigt, wie schnell der ukrainische Drohnensektor wuchs: Die Zahl neuer Unternehmen in der Luft- und Raumfahrt- sowie Drohnenbranche stieg von 41 im Jahr 2022 auf 132 im Jahr 2023 und 183 im Jahr 2024. Allein in den ersten vier Monaten 2025 wurden weitere 107 neue Akteure registriert.

Produktion ist aber nicht nur Menge. Millionen Drohnen nützen wenig ohne Operatoren, Akkus, Reparatur, Logistik, geschützte Kommunikation, Ersatzteile, Qualitätsstandards und eine klare Einsatzdoktrin. Drohnenkrieg wird nicht in einer einzelnen Fabrik und nicht in einem einzelnen Graben entschieden, sondern in der Kette zwischen Ingenieur, Lager, Ausbildungszentrum, Operator, Kommandeur und Auswertung.

Warum Drohnen nicht alles ersetzen

Der häufigste Fehler lautet: «Panzer sind tot», «Artillerie wird nicht mehr gebraucht», «Luftwaffe ist nicht mehr wichtig», «die Zukunft gehört nur Drohnen».

Die Ukraine zeigt das Gegenteil. Drohnen sind kritisch wichtig geworden, aber nicht selbstgenügsam. Sie brauchen Aufklärung, Verbindung, Operatoren, Sprengköpfe, Akkus, Reparatur, Schutz, elektronische Kriegführung, Nachschubwege, Führung und andere Wirkmittel.

Der Panzer verschwindet nicht. Aber ein Panzer ohne Schutz von oben wird zu einem teuren Ziel. Artillerie verschwindet nicht. Aber ohne Drohnen sieht sie schlechter und korrigiert langsamer. Infanterie verschwindet nicht. Aber ihre Bewegung ist gefährlicher geworden. Luftverteidigung verschwindet nicht. Aber sie muss nicht nur Flugzeuge und Raketen bekämpfen, sondern auch massenhaft günstige Drohnen. Logistik verschwindet nicht. Aber sie muss aufgeteilt, getarnt und unter ständiger Beobachtung organisiert werden.

RUSI formuliert die Balance präzise: Drohnen wurden in der Ukraine zu einer der wichtigsten Ursachen russischer Verluste. Diese Wirkung entsteht aber im Zusammenhang mit Minenfeldern, Artillerie, Raketen, weitreichenden Angriffen, Luft-Boden-Waffen und anderen Kriegselementen.

Der richtige Schluss lautet nicht, dass Drohnen den alten Krieg ersetzt haben. Er lautet: Eine moderne Armee ohne Drohnen und ohne Schutz vor Drohnen verliert rasch Kampffähigkeit.

Künstliche Intelligenz und «Schwärme»: Was ist real, was übertrieben?

Die nächste Phase des Drohnenkriegs wird oft mit dem Wort «Schwarm» beschrieben. Der Begriff wird aber sehr ungenau verwendet. Manchmal meint er nur den gleichzeitigen Einsatz vieler Drohnen. Im engeren Sinn wäre ein Schwarm eine Gruppe von Systemen, die mit hoher Autonomie koordiniert handelt.

In der Ukraine werden bereits autonome Funktionen eingesetzt oder getestet: Hilfe bei Objekterkennung, Stabilisierung der Zielverfolgung, Arbeiten unter Störbedingungen, Bildanalyse an Bord und autonome Navigation in Teilabschnitten. Das bedeutet aber nicht, dass das Gefechtsfeld bereits vollständig autonomen Robotern überlassen wurde, die ohne Menschen Ziele auswählen.

CSIS weist darauf hin, dass KI-Funktionen im ukrainischen Kontext oft mit Computer Vision, Objekterkennung und Unterstützung des Operators verbunden sind — nicht mit dessen vollständiger Ersetzung.

Auch Russland entwickelt angewandte künstliche Intelligenz für unbemannte Systeme. Nach Einschätzung von CSIS geht es dabei weniger um einen Durchbruch bei «grosser» künstlicher Intelligenz, sondern um die pragmatische Integration enger KI-Funktionen in reale Drohnensysteme, Ausbildung, Produktion und Führung.

Die wahrscheinlichere nahe Zukunft ist nicht der Science-Fiction-Krieg vollständig autonomer Schwärme. Wahrscheinlicher ist eine nüchternere und gefährlichere Realität: mehr teilautonome Funktionen, mehr Abfangdrohnen, mehr Täuschziele, mehr elektronische Kriegführung, mehr Glasfaserlösungen, mehr günstige Angriffssysteme und ein noch schnellerer Anpassungszyklus.

Warum das für Europa und die Schweiz wichtig ist

Für Europa besteht die Lehre aus der Ukraine nicht darin, das ukrainische Frontmodell einfach zu kopieren. Jede Armee hat eigene Aufgaben, Geografie, Rechtsgrundlagen, Ressourcen und politische Grenzen. Der allgemeine Schluss ist aber klar: Günstige unbemannte Systeme können teure Verwundbarkeiten schaffen.

Das betrifft nicht nur Streitkräfte. Gefährdet sein können Flugplätze, Lager, Kraftwerke, Bahnknoten, Häfen, Logistikzentren, Kommunikation, Regierungsgebäude und Grossveranstaltungen. Eine Drohne muss ein Objekt nicht zerstören, um ein Problem zu erzeugen. Manchmal reichen Aufklärung, eine vorübergehende Flughafenschliessung, Sabotagedrohung oder der erzwungene Einsatz teurer Schutzmittel.

Die Schweiz zieht daraus bereits praktische Konsequenzen. Im Rüstungsprogramm 2026 sind Investitionen in die Abwehr von Mini-Drohnen vorgesehen: 70 Millionen Franken für ein verlegbares System zur Erkennung und Abwehr von Mini-Drohnen sowie grössere Investitionen in die bodengestützte Luftverteidigung kurzer und mittlerer Reichweite. In den Unterlagen der Schweizer Armee heisst es, kleine und schwer erkennbare Drohnen könnten zur Aufklärung, zur Störung von Abläufen und im Extremfall für Angriffe auf kritische Infrastruktur wie Flughäfen oder Energieanlagen eingesetzt werden.

Das bedeutet nicht, dass der Schweiz ein ukrainisches Szenario droht. Es bedeutet etwas anderes: Der niedrige Luftraum — Dutzende bis Hunderte Meter über dem Boden — wird zu einem Sicherheitsraum, den man nicht ignorieren kann. Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass Drohnenabwehr kein einzelnes Gerät ist, sondern ein System: Erkennung, Klassifikation, elektronische Kriegführung, physischer Schutz, Abfangmittel, Verfahren, Ausbildung und rechtliche Einsatzregeln.

Fazit

Der Drohnenkrieg in der Ukraine ist nicht das Ende des alten Krieges. Er ist eine neue Verbindung von altem und neuem Krieg.

Drohnen haben die Front sichtbarer gemacht. Sie haben Präzision günstiger gemacht. Sie haben Logistik zu einem ständigen Ziel gemacht. Sie zwangen Panzer, Artillerie, Infanterie und Luftverteidigung, ihre Taktik zu verändern. Sie gaben der Ukraine asymmetrische Möglichkeiten gegen einen grösseren Gegner. Sie gaben Russland ein Mittel für massiven Druck auf ukrainische Städte und Infrastruktur. Sie schufen ein Wettrennen bei elektronischer Kriegführung, Abfangdrohnen, Glasfaserlösungen, Täuschzielen und industrieller Skalierung.

Aber sie haben Menschen, Industrie, Munition, Führung, Disziplin, Recht und Politik nicht ersetzt. Eine Drohne gewinnt keinen Krieg für sich allein. Entscheidend ist das System, das sehen, entscheiden, zuschlagen, schützen, produzieren, Operatoren ausbilden, Technik reparieren und schneller als der Gegner lernen kann.

Die kürzeste Erklärung des Drohnenkriegs lautet daher: Es ist ein Krieg, in dem günstige Augen und günstige Präzision massenhaft verfügbar wurden. Genau deshalb sind Artillerie, Luftverteidigung, elektronische Kriegführung, Logistik, Produktion und menschliche Entscheidung nicht weniger wichtig geworden, sondern wichtiger.