In den vergangenen Wochen haben sowohl die Ukraine als auch Russland ihre Luftangriffe verstärkt.
Zahlreiche Einschläge gab es im Hinterland beider Kriegsparteien.
In Russland haben sie bereits einen akuten Treibstoffmangel ausgelöst, auf der Krim zusätzlich auch anhaltende Stromabschaltungen.
Schwere Folgen gibt es auch in der Ukraine. Wolodymyr Selenskyj betont immer wieder den grossen Mangel an Raketen für die ukrainische Luftabwehr, weshalb ballistische Raketen nicht abgefangen werden können. Die ukrainischen Behörden erklären in der Regel, dass Wohnhäuser, zivile Betriebe und Lager mit friedlicher Produktion getroffen werden. Die Sekundärdetonation nach einem Einschlag in Wyschnewe, die mehrere Strassenzüge zerstörte, zeigt jedoch, dass dies bei weitem nicht immer so ist.
Zugleich unterscheiden sich die Angriffe auf Russland und auf die Ukraine mit Blick auf ihre Wirkung auf die Fähigkeit beider Länder, den Krieg zu führen, deutlich.
Russland finanziert den Krieg aus eigenen Mitteln. Deshalb kann jeder Schaden durch Angriffe, der sich auf Wirtschaft und Staatshaushalt auswirkt, seine Kriegsanstrengungen in gewissem Mass untergraben. Oder er zwingt zu Kürzungen bei zivilen Ausgaben, was soziale Spannungen verschärfen kann.
Die Ukraine führt den Krieg dagegen mit direkter finanzieller und militärischer Unterstützung westlicher Staaten. Deshalb kann der Schaden für ihre Wirtschaft durch russische Angriffe zwar sehr gross sein, wirkt sich aber auf die Kriegsanstrengungen nicht im gleichen Mass aus wie im Fall Russlands, weil Ausfälle im ukrainischen Budget von europäischen Partnern ausgeglichen werden können. Ein erheblicher Teil der Waffenproduktion befindet sich zudem in Europa, wenn auch längst nicht alles.
Allerdings gibt es in der Ukraine mehrere Punkte, deren Beschuss kritische Folgen für die Kriegsanstrengungen Kiews haben und sie deutlich schwächen könnte.
Drei verwundbare Bereiche
Erstens betrifft das die Energieversorgung. Sollte es Russland gelingen, einen langfristigen Blackout herbeizuführen, würde das zu einem Kollaps von Wirtschaft und sozialer Infrastruktur führen, eine noch stärkere Abwanderung der Bevölkerung auslösen, den Haushalt einbrechen lassen und die Produktion stürzen lassen, auch in der Rüstungsindustrie. Städte würden nicht nur ohne Strom bleiben, sondern auch ohne Wasser, Kanalisation und im Winter ohne Heizung. Der zusätzliche Finanzierungsbedarf, um diese Verluste abzufedern, könnte selbst für Europa sehr gross werden.
Allerdings ist es den Russen während des gesamten Krieges trotz aller Bemühungen nicht gelungen, einen vollständigen und dauerhaften Blackout herbeizuführen. Ob diese Gefahr jetzt besteht, angesichts des Mangels an Abfangraketen für die Luftabwehr, ist möglich. Russland fliegt derzeit jedoch anders als im Winter keine massiven Angriffe auf die Energieinfrastruktur, mit Ausnahme frontnaher Regionen. Im Moment ist die Lage im ukrainischen Energiesystem daher vergleichsweise stabil. Zudem ist insgesamt unklar, ob sich für ein ganzes Land oder auch nur für den grösseren Teil davon ein permanenter Blackout erzeugen lässt.
Zweitens wäre eine vollständige Blockade des Seeexports und -imports entscheidend. Die Wiederaufnahme der Schifffahrt zu ukrainischen Häfen im Jahr 2023 wurde zu einem der wichtigsten Faktoren für die höhere Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Kriegswirtschaft. Zudem spielen die Donauhäfen eine Schlüsselrolle bei der Versorgung der Ukraine mit Treibstoff. Seitdem greift Russland regelmässig sowohl Häfen als auch Schiffe an, die diese anlaufen oder verlassen. Eine vollständige Einstellung der Schifffahrt ist jedoch schwer zu erreichen.
Wie die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf Öl- und Gasterminals in russischen Häfen gezeigt haben, ist es selbst dort schwierig, solche Anlagen für längere Zeit ausser Betrieb zu setzen. Um Hafenanlagen vollständig zu zerstören, reichen Drohnen und selbst Raketen nicht aus. Dafür wären massive Bombardierungen mit Gleitbomben nötig, die ukrainische Häfen derzeit nicht erreichen. Schiffe flächendeckend zu treffen, kann Russland ebenfalls nicht. Erstens aus geografischen Gründen: Die Routen verlaufen mehr als hundert Kilometer von den von Russland kontrollierten Küsten entfernt, und sie dort zu erreichen ist schwierig, weil es sich nicht um eine enge Meerenge wie die Strasse von Hormus handelt. Zweitens möglicherweise aus politischen Gründen: Gemeint sind wahrscheinliche Komplikationen mit Handelspartnern Russlands wie der Türkei und China, sollte Russland damit beginnen, massenhaft zivile Schiffe zu versenken.
Drittens geht es um die Zerstörung der grössten Produktionsstätten für Drohnen. Gemäss offenen Daten wird der grösste Teil der Drohnen weiterhin in der Ukraine hergestellt. Der Aufbau von Produktionsstandorten in EU-Staaten läuft, erreicht dort aber noch längst nicht die Mengen, die die Ukraine selbst abdeckt. Das russische Verteidigungsministerium meldet regelmässig Angriffe auf Produktions- und Lagerorte für Drohnen, von denen einige auch von ukrainischer Seite bestätigt werden. Bisher schlägt sich das jedoch nicht in der Dynamik der ukrainischen Drohnenangriffe auf Russland nieder, im Gegenteil: Sie nehmen zu. Zudem liegen einige Produktionsstätten unter der Erde und sind schwer zu treffen. Ob Russland die grössten oberirdischen Drohnenproduktionen vollständig zerstören kann, nachdem deren Standorte zuverlässig aufgedeckt wurden, bleibt offen. Da die Drohnenproduktion in der Ukraine zudem im Kern auf der Montage chinesischer Komponenten beruht, lässt sie sich wiederherstellen, auch wenn das viel Geld und Zeit kostet.
Was weitere Ziele bewirken würden
In russischen öffentlichen Debatten gibt es zudem immer wieder Forderungen, Brücken, Lokomotiven und Rollmaterial, Tankstellen, städtische Wasserversorgungssysteme sowie Grenzübergänge an den westlichen Grenzen der Ukraine zu zerstören.
Doch auch hier gibt es Einschränkungen. Brücken fern der Front, etwa über den Dnipro, mit den vorhandenen Mitteln zu zerstören, ist für Russland nicht einfach. Dafür wären starke und in Echtzeit steuerbare Angriffsdrohnen mit thermobarischem Gefechtskopf nötig, wie sie die ukrainischen Streitkräfte zum Angriff auf Brücken auf der Krim einsetzen. Mit gewöhnlichen Drohnen, Raketen oder Gleitbomben eine Brücke zu treffen und zu zerstören, ist schwierig, wie zahlreiche russische Versuche gezeigt haben. Und selbst wenn alle Brücken über den Dnipro zerstört würden, entstünden zwar grosse Probleme für Zivilisten, die militärische Versorgung würde aber über Pontonübergänge weiterlaufen. Das würde die Logistik einschränken, aber nicht stoppen.
Ähnliches gilt für Angriffe auf die Wasserversorgung. Sie würden der Zivilbevölkerung Leid zufügen, hätten aber auf den militärischen Bereich nur begrenzte Auswirkungen.
Die Zerstörung von Tankstellen und Rollmaterial der Eisenbahn kann zweifellos ernste Probleme sowohl für die Logistik der Armee als auch für die Treibstoffversorgung des Landes schaffen, allerdings nur dann, wenn um ein Vielfaches mehr Tankstellen und Lokomotiven ausser Betrieb gesetzt werden als bisher. Wie viel Zeit dafür nötig wäre, unter Berücksichtigung von Ersatz und Reparaturen, ist unklar. Angriffe auf Grenzübergänge würden die grenzüberschreitenden Ströme erschweren, die Folgen liessen sich aber relativ rasch beheben. Eine Ausnahme wäre der Einsatz des belarussischen Territoriums für solche Angriffe. Wegen der kurzen Flugzeit von dort könnten Grenzübergänge an der ukrainischen Grenze dauerhaft unter Beschuss gehalten werden. Belarus zeigt jedoch mit aller Deutlichkeit, dass es nicht in den Krieg eintreten will.
Das vorläufige Fazit
Zusammengefasst führen Angriffe auf das ukrainische Hinterland zu grossen Problemen, hohen Verlusten und zu Leid für die Zivilbevölkerung. All das könnte bei einer weiteren Intensivierung der Angriffe noch zunehmen.
Die Führung in Kiew hat das allerdings bislang nie zu Zugeständnissen bei den Bedingungen für ein Kriegsende veranlasst.
Kritisch für die Fähigkeit der Ukraine, ihre Kriegsanstrengungen auf dem jetzigen Niveau aufrechtzuerhalten, könnten die Angriffe nur in drei Fällen werden: wenn es gelingt, das Land in einen permanenten Blackout zu stürzen, wenn die Schifffahrt vollständig blockiert wird oder wenn die Drohnenproduktion in grossem Stil zerstört wird.
In allen drei Bereichen unternimmt Russland Anstrengungen, bislang aber ohne die genannten Ziele zu erreichen.
Deshalb bleibt insgesamt beim Einfluss von Fernangriffen auf die Fähigkeit, Krieg zu führen, ein Ungleichgewicht zulasten Moskaus bestehen.
Russland könnte das entweder durch eine radikale Verbesserung seiner Luftabwehr ändern, um die Folgen ukrainischer Angriffe zu minimieren, oder durch eine radikale quantitative und qualitative Ausweitung seiner Raketen- und Drohnenangriffe auf die Ukraine, um das Land in einen Blackout zu stürzen, die Häfen zu blockieren und die Rüstungsindustrie zu lähmen. Eine weitere Möglichkeit wäre ein militärischer Zusammenbruch der ukrainischen Streitkräfte in naher Zukunft, dessen Perspektive sich derzeit nicht abzeichnet, oder eine Ausweitung des Krieges nach Europa, oder aber ein Kriegsstopp entlang der Frontlinie.




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