Forbes widerspricht einer strengeren Reuters-Einschätzung

In Russland droht nach Einschätzung des russischen Forbes trotz ukrainischer Angriffe auf Ölraffinerien vorerst kein schwerer Benzinmangel. Das Magazin widerspricht damit einer jüngeren Darstellung von Reuters, wonach durch Drohnenangriffe Kapazitäten ausgefallen seien, die für rund 30 Prozent der Benzinproduktion und etwa 25 Prozent der Dieselproduktion stehen.

Reuters hatte argumentiert, solche Ausfälle könnten in der Hochsaison der Treibstoffnachfrage zu einem spürbaren Schlag für die russische Wirtschaft werden. Die von Forbes befragten Experten halten den tatsächlich entstandenen Schaden jedoch für geringer und die in einzelnen Veröffentlichungen genannten Zahlen für überhöht.

Experten verweisen auf unterschiedlich schwere Schäden

Der Experte der Stiftung für nationale Energiesicherheit, Stanislaw Mitrachowitsch, sagt laut Forbes, Reuters rechne zu pauschal mit der Gesamtkapazität aller Raffinerien, die in irgendeiner Form von Angriffen betroffen waren. Zwar entspreche deren Anteil zusammengerechnet tatsächlich etwa einem Viertel der gesamten russischen Verarbeitung. Der reale Produktionsrückgang könne aber deutlich kleiner ausfallen, weil einzelne Werke unterschiedlich stark beschädigt worden seien und ein Teil der Schäden innerhalb weniger Tage behoben werden könne.

Die Erfahrung zeigt, dass es in den vergangenen Jahren keine Angriffe auf russische Raffinerien gab, deren Schäden langwierige Reparaturen erfordert hätten. Ich nehme an, dass es auch jetzt keine Möglichkeiten gibt, grosse Verarbeitungsvolumen für lange Zeit ausser Betrieb zu setzen.

Stanislaw Mitrachowitsch · Stiftung für nationale Energiesicherheit

Mitrachowitsch zufolge können die Angriffe zwar die Preise beeinflussen. Der wichtigste Faktor für steigende Treibstoffpreise bleibe jedoch die saisonal höhere Nachfrage.

Auch Belarus gilt als möglicher Ausgleich

Zu einem ähnlichen Schluss kommt laut Forbes auch Maxim Schewyrenkow, Leiter des Zentrums für Rohstoffmarktanalyse am Institut für Energie und Finanzen. Er geht ebenfalls nicht von einem Benzinmangel in Russland aus.

Angriffe und selbst Treffer auf Verarbeitungsanlagen bedeuten nicht automatisch einen Stillstand der Werke, und die Schäden lassen sich in relativ kurzer Zeit beseitigen, von einem Tag bis zu zwei Wochen.

Maxim Schewyrenkow · Institut für Energie und Finanzen

Nach seiner Einschätzung könnte ein möglicher Engpass zudem durch Lieferungen aus Belarus abgefedert werden. Das Nachbarland könne monatlich mehr als 200'000 Tonnen Benzin nach Russland liefern.

Forbes verweist zugleich auf steigende Preise an der Börse in St. Petersburg: Vom 20. bis 26. Mai stieg der Preis für Benzin der Sorte AI-92 um rund 2 Prozent, jener für AI-95 um 3 Prozent. Die befragten Experten sehen darin vor allem eine Reaktion auf Defiziterwartungen und nicht auf einen bereits eingetretenen realen Treibstoffmangel.