Im ukrainischen öffentlichen Narrativ wird die sowjetische Vergangenheit meist über das Bild des Opfers beschrieben. Die Ukraine ist Opfer des Imperiums, Opfer Moskaus, Opfer der Russifizierung, des Holodomor, der Repressionen, des KGB, der Parteidiktatur und des sowjetischen Totalitarismus.

In diesem Bild steckt eine grosse Wahrheit. Ohne sie lässt sich das ukrainische 20. Jahrhundert nicht verstehen.

Das Problem beginnt aber dort, wo Wahrheit zu einem bequemen Mythos wird. Zu einer Formel wie: Wir haben nur gelitten, alles hat Moskau getan. Zu einer Haltung, die historische Infantilität begünstigt: Ein Volk ist bereit, sich an seine Wunden zu erinnern, aber nicht bereit, auf die eigene Beteiligung an jenem System zu schauen, das diese Wunden anderen und auch sich selbst zugefügt hat.

Nicht nur Opfer, sondern auch Teil des Systems

Die Sowjetunion war nicht einfach Russland mit Kolonien. Sie war ein multinationales Imperium, in dem Ukrainer nicht nur den Platz der Opfer einnahmen. Sie dienten in der sowjetischen Armee, in der Parteinomenklatura, in den Sicherheitsorganen, im industriellen und militärisch-technischen Komplex, im ideologischen Apparat sowie in der Verwaltung der Republiken und des Zentrums.

Nach verschiedenen Schätzungen durchliefen in der Sowjetzeit Millionen Einwohner der Ukrainischen SSR die Reihen der KPdSU; Ende der 1980er Jahre zählte die Kommunistische Partei der Ukraine mehr als 3 Millionen Mitglieder und war nach der RSFSR die grösste republikanische Parteiorganisation. Millionen Ukrainer dienten in der Sowjetarmee, und in einzelnen Perioden stellten Menschen aus der Ukraine rund einen Fünftel des Personalbestands der Streitkräfte der UdSSR. Aus der Ukraine stammende Kader wurden Marschälle, Minister, Parteiführer, Tschekisten, Zensoren, Werkdirektoren, Propagandisten und Generalsekretäre.

Das hebt das ukrainische Leiden nicht auf. Aber es zerstört ein allzu einfaches Schema.

Die Ukraine war zugleich Opfer des sowjetischen Imperiums, seine Ressource, sein Personalreservoir, sein kulturelles Labor und eine seiner Mitautorinnen.

Eine ältere imperiale Verflechtung

Diese Doppelstellung begann nicht erst im 20. Jahrhundert. Schon in der Zeit des Russischen Imperiums spielten Menschen aus den ukrainischen Gebieten eine sichtbare Rolle im Aufbau des Reiches. Feofan Prokopowytsch, ein Kiewer Intellektueller und einer der Ideologen der petrinischen Monarchie, wurde zum Symbol dafür, wie die intellektuelle Ressource Kiews in das Projekt einer neuen imperialen Macht eingebaut wurde. Später wiederholte sich diese Logik immer wieder: Ukrainische Eliten widersetzten sich dem imperialen Zentrum nicht nur, sie dienten ihm auch, stärkten es, sprachen seine Sprache und wirkten in seinen Institutionen mit.

Wie die Sowjetmacht ukrainische Kultur zugleich förderte und kontrollierte

Gerade die Sowjetzeit ist für einen einfachen nationalen Mythos besonders unbequem. Denn gerade in der Ukrainischen SSR erhielt die ukrainische Kultur eine massenhafte institutionelle Form. In den 1920er- bis 1980er-Jahren wurden in der Republik Tausende Schulen eröffnet oder auf Ukrainisch umgestellt; war das Netz ukrainischer Bildungseinrichtungen zu Beginn der Sowjetzeit noch begrenzt, wurde bereits Ende der 1920er Jahre die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler der Ukrainischen SSR auf Ukrainisch unterrichtet. Selbst nach späteren Wellen der Russifizierung arbeiteten in der Republik weiter Tausende ukrainischsprachige Schulen. In den sowjetischen Jahrzehnten erschienen Hunderte Millionen Exemplare ukrainischsprachiger Bücher, grosse Verlage, akademische Institute, Theater, Filmstudios und wissenschaftliche Zentren wurden aufgebaut. Gerade in der Sowjetzeit verfestigten sich die Normen der modernen ukrainischen Literatursprache, es entstand eine umfangreiche wissenschaftliche und technische Terminologie, und Generationen ukrainischer Wissenschaftler, Ingenieure, Lehrpersonen und Kulturschaffender wurden ausgebildet.

Die sowjetische Macht zerstörte also nicht einfach nur das Ukrainische. Sie schuf, standardisierte und verbreitete es auch, allerdings als kontrollierte Kultur: national in der Form und sowjetisch im Inhalt.

Die Tragödie bestand nicht darin, dass die ukrainische Kultur einfach ausgelöscht werden sollte. Alles war komplizierter. Sie wurde entwickelt, aber an der kurzen Leine gehalten. Sie wurde ausgeweitet, aber der Partei untergeordnet. Sie erhielt Institutionen, verlor jedoch ihre Autonomie. Und jene, die versuchten, die sowjetische Ukrainität in eine eigenständige ukrainische Subjektivität zu verwandeln, wurden vom System repressiert, gebrochen, marginalisiert oder zur Anpassung gezwungen.

Die Ukrainische SSR war die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, also die sowjetische Republik Ukraine innerhalb der UdSSR.

Ukrainischer Anteil am sowjetischen Projekt

Gleichzeitig lässt sich das Ausmass des ukrainischen Beitrags zur Entwicklung der Sowjetunion nicht leugnen. Zu den bekanntesten Kulturschaffenden der Sowjetzeit gehörten Oleksandr Dowschenko, der eine Weltschule des poetischen Films schuf, Oles Hontschar, Pawlo Tytschyna, Maksym Rylskyj, Borys Ljatoschynskyj, Serhij Paradschanow und Leonid Bykow. In Wissenschaft und Technik spielten Sergei Koroljow, der Chefkonstrukteur des sowjetischen Raumfahrtprogramms, Jewhen und Borys Paton, die eine weltweit bekannte wissenschaftliche Schule des Schweissens und Brückenbaus begründeten, Wiktor Gluschkow, einer der Pioniere der sowjetischen Kybernetik, sowie Wladimir Wernadski eine herausragende Rolle. Dessen Erbe wurde zur Grundlage vieler Richtungen der modernen Wissenschaft. In Wirtschaft und Industrie spielten ukrainische Ingenieurs- und Führungskader eine enorme Rolle beim Aufbau der metallurgischen, energetischen, luftfahrttechnischen, raketen- und raumfahrtbezogenen sowie maschinenbaulichen Komplexe von Dnipropetrowsk, Charkiw, Kiew, Saporischschja, dem Donbass und anderen Regionen.

Nicht weniger aufschlussreich ist die politische Dimension. Die Sowjetunion wurde in verschiedenen Jahren von Menschen aus der Ukraine geführt oder in Schlüsselpositionen mitgestaltet: Nikita Chruschtschow leitete über viele Jahre die Parteiorganisation der Ukrainischen SSR, Leonid Breschnew begann seine politische Karriere in Dnipropetrowsk, und viele Mitglieder des Politbüros, Minister, Marschälle und Leiter von Unionsbehörden waren durch Herkunft oder Karriere mit der Ukraine verbunden. Die Ukraine war keine Peripherie des sowjetischen Projekts, sondern eines seiner wichtigsten Zentren.

Warum die Dekommunisierung unvollständig wirkt

Gerade deshalb wirkt die heutige Dekommunisierung oft unvollendet. Sie reisst bereitwillig Denkmäler ab, benennt Strassen um, verbietet Symbole und verabschiedet sich von sowjetischen Daten. Viel seltener stellt sie jedoch die schmerzhaftere Frage: Wer genau hat die sowjetische Ukraine aufgebaut? Wer schrieb Denunziationen? Wer leitete Fabriken, Schulen, Redaktionen, Rajonkomitees, Gerichte, Miliz und Armeeeinheiten? Wer produzierte den sowjetischen Menschen nicht nur in Moskau, sondern auch in Kiew, Charkiw, Dnipropetrowsk, Donezk, Lwiw und Odessa?

Mit Dekommunisierung ist in der Ukraine der staatliche und gesellschaftliche Umgang mit sowjetischen Symbolen, Ortsnamen, Denkmälern und Erinnerungspolitik gemeint.

Erinnerung braucht auch Ehrlichkeit

Europäische Erinnerungskultur verlangt in ihrer besten Form nicht nur, an das eigene Leiden zu erinnern, sondern auch die eigene Verantwortung anzuerkennen. Deutschland hat ein schmerzhaftes Gespräch über den Nationalsozialismus geführt. Österreich bezeichnete sich jahrzehntelang als erstes Opfer Hitlers, bis es anerkennen musste, dass Österreicher nicht nur Opfer, sondern auch aktive Teilnehmer des nationalsozialistischen Projekts waren. Belgien, Frankreich, Grossbritannien, die Niederlande und andere europäische Länder sahen sich schrittweise mit der Frage nach kolonialem und imperialem Erbe konfrontiert. Nicht immer ehrlich, nicht immer tief, oft unter Widerstand, aber die Frage wurde gestellt.

Die Ukraine wählt bislang häufiger die bequemere Position: Wir waren Opfer, also ist ein Gespräch über Mitverantwortung unangebracht.

Doch eine reife Nation hat keine Angst vor einer komplizierten Biografie. Sie muss die Erinnerung an ihre Opfer nicht aufgeben. Sie muss nur aufhören, diese Erinnerung in eine moralische Rüstung gegen unbequeme Fragen zu verwandeln.

Die Ukraine war tatsächlich Opfer des sowjetischen Projekts. Aber sie war auch Teil dieses Projekts. Ukrainer litten unter dem Imperium und dienten ihm zugleich. Die ukrainische Sprache wurde unterdrückt, und gleichzeitig halfen gerade sowjetische Institutionen dabei, sie in eine massenhafte literarische Norm zu verwandeln. Ukrainische Eliten wurden vernichtet, und gleichzeitig verwalteten, bauten, befehligten und repressierten ukrainische sowjetische Eliten.

Darin steckt keine antiukrainische These. Im Gegenteil: Es ist eine erwachsenere Version der ukrainischen Geschichte. Denn echte Subjektivität beginnt nicht mit einer Unschuldsdeklaration, sondern mit der Fähigkeit zu sagen: Unsere Geschichte ist komplizierter als der Mythos vom ewigen Opfer.

Die Ukraine wird nicht weniger ukrainisch, wenn sie ihre Rolle im sowjetischen Imperium anerkennt. Sie wird erwachsener.

Die Erinnerung an die Opfer verlangt Respekt. Aber die Erinnerung an die Vergangenheit verlangt auch Ehrlichkeit. Und Ehrlichkeit beginnt dort, wo an die Stelle des bequemen Wir hatten damit nichts zu tun das schwierige Ja tritt: Ja, auch das war ein Teil von uns.