Der 11. Juli 1943
Am 11. Juli wird in Polen der Gedenktag für die Opfer des Wolhynien-Massakers begangen – der Massenmorde an Polen durch ukrainische Nationalisten während des Zweiten Weltkriegs.
Das Thema war in den vergangenen Jahren immer wieder eine Ursache für Spannungen zwischen Polen und der Ukraine. Zuletzt spitzte sich der Konflikt zu, nachdem Selenskyj einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte die Bezeichnung «Helden der UPA» verliehen hatte.
Am 11. Juli 1943 begann die grösste und am stärksten organisierte Vernichtungsaktion gegen die polnische Bevölkerung in Wolhynien. In die polnische Geschichte ging der Tag als Krwawa niedziela – «Blutiger Sonntag» – ein.
Am Morgen jenes Sonntags griffen Einheiten der Ukrainischen Aufstandsarmee gleichzeitig rund hundert polnische Ortschaften in mehreren Kreisen Wolhyniens an. Die Angriffe waren gezielt auf den Zeitpunkt abgestimmt, als sich die Bewohner in katholischen Kirchen befanden.
Was mit dem Wolhynien-Massaker gemeint ist
Die Strafaktionen der UPA zur Vernichtung der polnischen Bevölkerung begannen im Februar 1943 und dauerten bis 1945 an, also teilweise auch noch nach der Rückkehr der sowjetischen Herrschaft. Deshalb werden zu den Opfern des «Wolhynien-Massakers» nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 60'000 und 140'000 Polen gezählt, die in diesem Zeitraum durch ukrainische Nationalisten getötet wurden.
Warum gerade Wolhynien
Wolhynien und Galizien wurden fast gleichzeitig Teil des nach dem Ersten Weltkrieg wiedererstandenen Polen, nämlich in den Jahren 1919 bis 1920. Zwischen beiden Regionen bestanden jedoch grundlegende Unterschiede.
Galizien, genauer Ostgalizien, gehörte bis zur letzten Teilung Ende des 18. Jahrhunderts zur polnisch-litauischen Adelsrepublik und fiel danach an das Habsburgerreich. Die Region bewahrte so ihre soziokulturellen Verbindungen zu Westgalizien mit dem Zentrum Krakau. Dadurch behielten die Polen in Galizien starke Positionen und stellten einen bedeutenden Teil der Bevölkerung.
Wolhynien dagegen war schon nach der zweiten Teilung an das Russische Reich gefallen und wurde als mehrheitlich orthodoxe Region rasch in den gesamtrussischen politischen und soziokulturellen Raum eingebunden. Anfang des 20. Jahrhunderts galt die Region sogar als eine der Hochburgen des Bundes des Russischen Volkes, der sogenannten Schwarzhunderter, und entsandte Wassili Schulgin und andere russische Nationalisten in die Reichsduma.
Auch Polen lebten dort, machten aber nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus. Nach dem Anschluss Wolhyniens an die Zweite Polnische Republik stellte sich deshalb die Frage der «Polonisierung» der Region.
Warschau versuchte damals zwei Ziele zugleich zu erreichen und vergab Landparzellen aus staatlichen Fonds in Wolhynien, im belarussischen Polesien und im Wilnaer Gebiet an Veteranen der polnischen Armee, die 1918 bis 1920 gekämpft hatten. So entstand in der Region die Kategorie der «Osadniks», die zu einer Stütze der polnischen Herrschaft und zugleich zu einem Objekt des Hasses für die lokale Bevölkerung wurden.
Was zur Eskalation führte
Unmittelbar vor dem Beginn der Massaker war vor allem die Aktivierung des polnischen und sowjetischen Untergrunds in Wolhynien im Februar 1943 entscheidend. Auslöser war der Sieg der Roten Armee bei Stalingrad und die rasche Gegenoffensive danach, die Ende Januar die östlichen Gebiete der Ukraine erreicht hatte.
Das markierte eine Wende im Krieg, und viele kamen zum Schluss, dass das nationalsozialistische Deutschland seiner Niederlage entgegenging.
In dieser Phase wurden Abteilungen sowjetischer Partisanen und der polnischen Heimatarmee koordiniert. Die Folge waren gemeinsame Angriffe auf Ortschaften in Wolhynien, bei denen meist Vertreter der von den Deutschen eingesetzten Verwaltung und der Hilfspolizei getötet wurden – überwiegend westukrainische Kräfte, die mit der nationalistischen Bewegung sympathisierten.
Das gab den ersten antipolnischen Aktionen den Anstoss, die zunächst von der Hilfspolizei und später von der UPA durchgeführt wurden.
Auch die UPA formierte sich im Kern unter dem Eindruck des Stimmungswandels nach Stalingrad. In der OUN-B war man der Ansicht, dass sich die Waage zugunsten der Anti-Hitler-Koalition neige. Deshalb begannen viele Nationalisten, die in der Hilfspolizei unter den Nationalsozialisten dienten, sich in die Wälder zurückzuziehen.
Die Rolle der OUN und der UPA
Für die Tragödie werden auch tieferliegende Ursachen genannt. Ein Teil der Historiker nimmt an, dass die massenhafte Vernichtung der nichtukrainischen Bevölkerung bereits im Programm der damals noch geeinten OUN von 1939 angelegt war, in dem von der Notwendigkeit eines monoethnischen Staates die Rede war.
Damals war das allerdings ein rein theoretisches Dokument, weil die OUN keine Möglichkeit hatte, ein solches Programm umzusetzen. Eine erste solche Gelegenheit sah die Banderowzi-OUN im Juni und Juli 1941, als ihre Aktivisten hinter den Deutschen nach Galizien vorrückten und die ersten ethnischen Säuberungen organisierten – jüdische Pogrome. Wie bekannt, beendeten die deutschen Besatzungsbehörden das Projekt einer «unabhängigen Ukraine» unter Bandera jedoch rasch.
Als die OUN-B Anfang 1943 die UPA aufbaute, entstand aus ihrer Sicht endlich ein Instrument, mit dem ethnische Säuberungen durchgeführt und mit den Polen «abgerechnet» werden konnte.
Zu den zentralen Fragen in der Debatte gehört, ob es einen ausdrücklichen Befehl zur Vernichtung der Polen gab. Verteidiger der UPA verweisen darauf, dass kein entsprechendes Dokument gefunden worden sei und das Wolhynien-Massaker daher ein «Exzess der Ausführenden» vor Ort gewesen sei. Gegner der UPA widersprechen dem.
Der organisierte Charakter der antipolnischen Aktionen spricht gegen diese Deutung. Heute geht die Mehrheit der Historiker davon aus, dass ein solcher Befehl erteilt wurde – möglicherweise mündlich – im April 1943, als Roman Schuchewytsch die regionale Führung der OUN-B übernahm. Seit diesem Zeitpunkt nahmen die antipolnischen Aktionen Massencharakter an. Am 11. Juli erfolgte dann der gleichzeitige Angriff auf rund hundert Dörfer und Siedlungen, der nur auf der Grundlage eines einheitlichen Befehls möglich gewesen sein dürfte.
Offiziell gilt die Ukrainische Aufstandsarmee als am 14. Oktober 1942 gegründet. Tatsächlich war im Verlauf des Jahres 1942 jedoch nur eine UPA bekannt – jene, die Ende 1941 von Bulba-Borowez geschaffen worden war, einem typischen Ataman aus der Zeit des Bürgerkriegs, der nie Mitglied der OUN war.
Diese UPA nahm tatsächlich an Angriffen auf die Deutschen teil und hatte den Winter 1942/43 hindurch sogar einen «Neutralitätspakt» mit sowjetischen Partisanen. Mit jener UPA, die heute verherrlicht wird, hatten die Einheiten von Bulba-Borowez nichts zu tun. Mehr noch: Sie wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 1943 von der «banderistisch-schuchewytschschen» UPA zerschlagen, weil sie sich der regionalen Führung der OUN-B nicht unterordnen wollten.
In den Dokumenten der «Bulbowzi» finden sich bis zum Frühjahr 1943 Hinweise auf Verhandlungen mit sowjetischen Partisanen und mit der regionalen Führung der OUN-B, aber kein einziges Mal wird eine andere UPA erwähnt.
Die «alternative» UPA entstand de facto erst im April und Mai 1943, als die regionale Führung der OUN-B anwies, sich von den Deutschen zu distanzieren.
Bis April 1943 stellten OUN-Leute einen bedeutenden Teil der von den Nationalsozialisten organisierten Hilfspolizei in den westukrainischen Gebieten – eben jener Kräfte, die die ersten ethnischen Säuberungen gegen Polen ausführten. Im Frühjahr 1943 begann dann ihre massenhafte Flucht in Wälder und abgelegene Dörfer.
Mit den Deutschen kam es nur selten zu Zusammenstössen, da der Kommandeur der neu geschaffenen Armee, Klym Sawur, und der Leiter der regionalen Führung der OUN-B, Roman Schuchewytsch, die Hauptgegner in dieser Phase vor allem in den Polen sahen. Die «neue» UPA spielte daher eine entscheidende Rolle beim Wolhynien-Massaker und setzte dabei die Erfahrungen aus den antipolnischen Aktionen ein, die ihre Angehörigen im Dienst in der deutschen Hilfspolizei gesammelt hatten.
Die Rolle der deutschen Besatzungsmacht
Die Deutschen verhielten sich zum Wolhynien-Massaker ähnlich wie OUN und UPA zu den Deutschen selbst: neutral, genauer gesagt wohlwollend neutral. Sie waren zwar nicht erfreut darüber, dass OUN-Leute in grosser Zahl aus der Polizei desertierten und dabei Waffen mitnahmen. Noch weniger gefiel ihnen jedoch, dass polnische Dörfer als Basis für polnische und sowjetische Partisanen dienten.
Als die UPA die Massenaktion zur Vernichtung der polnischen Bevölkerung Wolhyniens entfaltete, schauten die Deutschen deshalb weg. Obwohl die deutsche Führung mit ihrer administrativen Macht und beträchtlichen militärischen Kräften das Massaker relativ leicht hätte stoppen können, fehlte ihr dazu der Wille. De facto wurde mit den Händen der UPA die soziale Stütze der Heimatarmee in Wolhynien vernichtet – ein Ziel, bei dem beide Seiten übereinstimmten.
Zum Krieg der banderistischen UPA gegen die Einheiten von Bulba-Borowez in der zweiten Hälfte des Sommers 1943 trug neben deren Weigerung, sich der regionalen Führung der OUN-B zu unterwerfen, auch ihre Ablehnung bei, sich am Wolhynien-Massaker zu beteiligen. Auch das kam den Deutschen zugute, weil es den antideutschen Widerstand schwächte.
Die polnische Antwort und das Gedenken nach 1991
Auf dem Höhepunkt der Massentötungen, Ende August, wurden mehrere Einheiten der Heimatarmee aus Westgalizien nach Wolhynien verlegt.
Sie entfalteten daraufhin einen massiven Gegenterror, bei dem nicht selten ukrainische Dörfer vernichtet wurden, die als Stützpunkte der UPA galten. Nach Schätzungen von Historikern lag die Zahl der Opfer dieses Terrors, der bis Ende Herbst 1943 andauerte und parallel zum antipolnischen Terror der UPA verlief, zwischen 4'000 und 10'000 Menschen.
Bis 2015 wurde in Polen und in der Ukraine an das Wolhynien-Massaker überwiegend als historische Tragödie erinnert, ohne das Thema direkt in die aktuelle Politik zu übertragen.
Zum 60. Jahrestag verabschiedeten die Präsidenten Leonid Kutschma und Aleksander Kwasniewski eine gemeinsame Erklärung, die vom Geist der Versöhnung getragen war.
Wir neigen unsere Köpfe vor den Opfern der Verbrechen und aller tragischen Ereignisse, die in unserer Geschichte stattgefunden haben, und bekräftigen immer wieder unsere Überzeugung, dass gegenseitige Vergebung der Weg zur vollständigen Versöhnung der heutigen und künftigen Generationen der Ukrainer und Polen ist. Die Konflikte der Vergangenheit dürfen nicht auslöschen, was die Ukraine und Polen über Jahrhunderte verbunden hat, und sie dürfen den Weg zum Wohlstand unserer Staaten und zum Wohlergehen unserer Völker nicht versperren.
Leonid Kutschma und Aleksander Kwasniewski · Gemeinsame Erklärung zum 60. Jahrestag
Der 70. Jahrestag im Jahr 2013 war nur von grossen Gottesdiensten und einigen obligatorischen Resolutionen des Sejm begleitet. Als einige radikale Nationalisten damals beantragten, das Wolhynien-Massaker als Genozid anzuerkennen, erhielt der Vorstoss 222 von 460 Stimmen und scheiterte.
Warum das Thema in den letzten Jahren eskalierte
Am 9. April 2015 verabschiedete die Werchowna Rada ein Gesetz zur Heroisierung der UPA – ausgerechnet an dem Tag, an dem der polnische Präsident Bronislaw Komorowski vor dem ukrainischen Parlament sprach. Es war der erste Auftritt eines polnischen Präsidenten in der Werchowna Rada überhaupt.
Wahrscheinlich war dieser Schritt nicht gezielt gegen Polen gerichtet. Die postmaidanische Führung dachte im Zuge ihrer ideologischen Agenda schlicht nicht über die Folgen nach. In Polen hatte das Ereignis jedoch enorme Resonanz und veränderte die politische Landschaft des Landes grundlegend.
Die Werchowna Rada ist das Parlament der Ukraine. Sie verabschiedet Gesetze und spielt eine zentrale Rolle in der historischen Erinnerungspolitik des Landes.
Die Lage verschärfte sich zusätzlich dadurch, dass damals nur noch ein Monat bis zur polnischen Präsidentschaftswahl blieb. Während Komorowski, der Kandidat der Bürgerplattform von Tusk und klarer Favorit, versuchte, die für ihn unangenehme Episode kleinzuhalten, taten seine Konkurrenten von Recht und Gerechtigkeit alles, um daraus einen «Schlag ins Gesicht Polens» zu machen und zugleich das Thema UPA als «Kriegsverbrecher», die einen Genozid am polnischen Volk begangen hätten, zu aktualisieren.
Bereits die Abstimmung vom 10. Mai zeigte, dass ihnen das gelungen war: Der PiS-Kandidat Andrzej Duda erhielt 34,8 Prozent, Komorowski 33,8 Prozent. Zwei Wochen später wurden daraus in der Stichwahl 51,6 Prozent für Duda und 48,5 Prozent für Komorowski.
Entscheidend war weniger das Ende der Karriere des damaligen Präsidenten als die politische Lehre daraus. Seit diesem Zeitpunkt begriffen PiS und noch radikalere rechte Kräfte, dass das Thema Wolhynien-Massaker und der Kampf gegen den «Banderismus» zu einem wichtigen Instrument der Gegenwartspolitik geworden waren.
Im Herbst 2015 verlor Tusks Partei nach der Präsidentschaftswahl auch die Parlamentswahl. Bis zum Sommer 2016 hatte die Partei von Kaczynski und Duda die Stimmung im Land so stark aufgeheizt, dass am 22. Juli 432 Abgeordnete des Sejm für das Gesetz zur Anerkennung des Wolhynien-Massakers als Genozid stimmten. Dagegen war niemand. Das bedeutete, dass selbst Tusks europäisch orientiertes Lager die neue Stimmung in der Gesellschaft nicht mehr ignorieren konnte.
Seither ist sich die gesamte politische Elite Polens in der Bewertung des Wolhynien-Massakers und der UPA weitgehend einig, auch wenn es Nuancen zwischen Premier Tusk und Präsident Nawrocki gibt.
Auch der jüngste Konflikt um die Verleihung des Namens «Helden der UPA» an eine Einheit der ukrainischen Streitkräfte wirkt aus Kiewer Sicht wie ein weiterer Schritt ohne Abwägung der Folgen, ähnlich wie 2015. Die mögliche Reaktion Polens wurde offenbar nicht bedacht oder nicht ernst genommen.
Das Ergebnis ist ein neuer grosser Skandal zwischen beiden Ländern, der sich mit der innenpolitischen Lage in Polen überlagert. PiS, die 2023 die Regierung verlor und an die Macht zurückkehren will, ist bereit, auf der antiukrainischen Welle zu reiten.
Dass Tusk – wenn auch widerwillig – den Erlass Nawrockis zur Aberkennung des Ordens vom Weissen Adler an Selenskyj unterstützte, zeigt nach dieser Darstellung, wie stark diese Welle inzwischen geworden ist und dass ihr in der polnischen Politik derzeit kaum jemand entgegentritt.
Vor dem Hintergrund der Vorbereitung auf die Parlamentswahlen in Polen im Herbst 2027 spricht deshalb vieles dafür, dass der aktuelle Konflikt nicht abflaut, sondern sich weiter verschärft. Denn Warschau wird – unabhängig von der Regierung – in seiner «antibanderistischen» Rhetorik kaum einen Schritt zurück machen können, während Kiew zumindest unter der derzeitigen Führung nicht auf die Verherrlichung von Bandera und UPA verzichten kann.




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