Vorstösse in mehreren Richtungen

Die Lage für die ukrainische Verteidigung von Kostjantyniwka hat sich nach Einschätzung des ukrainischen Militärexperten Kostjantyn Maschowez deutlich verschlechtert. Er geht davon aus, dass die Kämpfe um die Stadt in eine entscheidende Phase eintreten.

Was die weiteren taktischen Perspektiven der Verteidigung von Kostjantyniwka betrifft, so sehen sie für die ukrainischen Streitkräfte, vorsichtig gesagt, sehr ungünstig aus.

Kostjantyn Maschowez · ukrainischer Militärexperte

Nach seiner Darstellung gelang russischen Truppen der Durchbruch an mehreren Abschnitten bis in zentrale Teile der Stadt. Besonders weit sollen Einheiten von den Richtungen Illiniwka und Berestok aus vorgerückt sein. Demnach erreichten russische Sturmgruppen über das Gebiet eines Einkaufszentrums und den Jubilejnyj-Park die Jemeljanow-Strasse sowie den Fluss Krywyj Torez nordwestlich des Bahnhofs.

Zugleich sollen Einheiten des 3. Armeekorps im Osten und Südosten von Kostjantyniwka vorgerückt sein. Maschowez schreibt, russische Kräfte hätten sich im Gebiet von Nowodmytriwka sowie an den Strassen Minska und Radischtschewa festgesetzt und seien bis nahe an den Bahnhof Kostjantyniwka gelangt.

Mögliche Folgen für die Front weiter westlich

Nach Einschätzung des Experten beendet das russische Kommando derzeit die Phase, in der kleinere Sturmgruppen in die Stadt eindringen, und bereitet eine massenhafte Verlegung grösserer Kräfte nach Kostjantyniwka vor. Der Abstand zwischen den vordersten Einheiten zweier russischer Gruppierungen, die aus unterschiedlichen Richtungen angreifen, soll inzwischen auf weniger als zwei Kilometer geschrumpft sein.

Sollten sich diese Kräfte im Stadtzentrum verbinden und den Fluss Krywyj Torez überwinden, könnte sich die Lage der ukrainischen Einheiten im südlichen Teil der Stadt stark verschlechtern.

Maschowez sieht darin ein Muster, das Russland bereits bei früheren Angriffen auf grössere Städte angewandt habe: Angriffe über die Flanken, das Eindringen kleiner Sturmgruppen in die Bebauung und anschliessend ein schrittweiser Ausbau der Präsenz innerhalb der Stadt.

Für den Fall, dass ukrainische Truppen aus Kostjantyniwka verdrängt werden, erwartet er weitere russische Vorstösse in Richtung Druschkiwka sowie den Versuch, den ukrainischen Frontvorsprung bei Tschassiw Jar zu beseitigen. Damit würden aus seiner Sicht Voraussetzungen für weiteren Druck auf die Agglomeration Slowjansk-Kramatorsk entstehen.

Maschowez rechnet in den kommenden Monaten mit zunehmendem russischem Druck entlang des gesamten Verteidigungsbogens rund um die Agglomeration Slowjansk-Kramatorsk, darunter in den Richtungen Lyman, Slowjansk, Kostjantyniwka und Dobropillja.

Bereits zuvor hatten ukrainische Militärs vor der Gefahr gewarnt, dass Kostjantyniwka verloren gehen könnte.