Walerij Saluschnyj warnt davor, anzunehmen, Russland habe den Krieg faktisch bereits verloren. In einer Kolumne für The Telegraph schreibt der frühere Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte und heutige Botschafter in Grossbritannien, immer mehr westliche Analysten verträten derzeit genau diese Ansicht.

Immer mehr westliche Analysten behaupten derzeit, dass Russland den Krieg faktisch verloren habe. Das ist eine gefährliche Fehleinschätzung des Kriegsverlaufs. Sie spiegelt die Tendenz wider, Ereignisse durch das Prisma einzelner Erfolge auf dem Schlachtfeld zu interpretieren und nicht unter Berücksichtigung des breiteren strategischen Bildes.

Walerij Saluschnyj · ukrainischer Botschafter in Grossbritannien

Saluschnyj erklärt, die Entwicklung militärischer Technologien habe schnelle Durchbrüche an der Front unmöglich gemacht, und der Krieg sei in eine Phase der Erschöpfung übergegangen. Die ukrainischen Angriffe auf russisches Gebiet fügten Moskau zwar realen Schaden zu, seien jedoch kostspielig, technologisch komplex und lösten letztlich Gegenmassnahmen aus, die stärker ausfallen könnten.

Keine der beiden Seiten kann damit rechnen, dass eine solche Form der Kriegsführung zu einem entscheidenden strategischen Ergebnis führt.

Nach Einschätzung Saluschnyjs hat sich auf dem Schlachtfeld etwas herausgebildet, das einem Gleichgewicht nahekommt: Russland könne die Ukraine nicht einnehmen, während die Ukraine nicht alle ihre Gebiete zurückerobern könne.

Entscheidend ist, welche Gesellschaft die wirtschaftliche, militärische und psychologische Last eines langwierigen Konflikts länger tragen kann und dabei die internationale Unterstützung bewahrt, die für seine Fortsetzung nötig ist. Genau das und nicht irgendein einzelner taktischer Erfolg wird bestimmen, wie und wann dieser Krieg endet.

Walerij Saluschnyj · ukrainischer Botschafter in Grossbritannien