Wechsel an der Spitze der Armee
Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ausgetauscht und Mychajlo Drapatyj an die Spitze der Armee berufen. Der Schritt folgt auf Tage innenpolitischer Spannungen und fällt in eine Phase, in der über die weitere Führung des Militärs und die Rolle des Verteidigungsministeriums offen gerungen wird.
Der Personalentscheid wird in Kiew auch als Machtfrage gelesen: Wer die Armee führt, entscheidet nicht nur über operative Prioritäten, sondern auch über Einfluss im sicherheitspolitischen Zentrum des Staates. Nach der Ablösung von Olexandr Syrskyj bleibt deshalb entscheidend, wie sich das Verhältnis zwischen Präsidialamt, Generalstab und Verteidigungsministerium entwickelt.
Wer Mychajlo Drapatyj ist
Drapatyj, 43, gilt seit Jahren als profilierter Kommandeur. Grössere Bekanntheit erlangte er 2014 in Mariupol, als ein gepanzertes Fahrzeug unter seinem Kommando Barrikaden prorussischer Separatisten durchbrach. Später führte er seine Einheit aus dem Kessel bei Iswaryne an der russischen Grenze heraus.
Im grossangelegten Krieg hatte er mehrere Schlüsselposten inne. Er war im operativen Kommando «Süd» tätig, kommandierte die Gruppierung «Cherson» und war an der Rückeroberung des rechtsufrigen Teils der Region Cherson beteiligt. Im Mai 2024 übernahm er die operativ-taktische Gruppierung «Charkiw», als Russland im Grenzgebiet der Region Charkiw angriff. Von November 2024 bis Juni 2025 führte er die Landstreitkräfte, später wurde er Kommandeur der Vereinigten Kräfte der Ukraine.
Innerhalb der Armee galt Drapatyj zuletzt als Gegenspieler von Syrskyj. Sein Name wurde mit Kritik an Führungsstil, Verantwortlichkeit und Verlusten in Verbindung gebracht. Nach einer Reihe von Angriffen auf Ausbildungszentren hatte er seinen Rücktritt eingereicht und Kommandanten vorgeworfen, das Leben von Soldaten nicht ausreichend zu schützen. Zudem sprach er von gegenseitiger Deckung und Straflosigkeit in den Streitkräften.
Syrskyjs Abschied mit politischer Botschaft
In seiner Abschiedserklärung sagte Syrskyj, er übergebe seinem Nachfolger eine Armee, die nicht nur verteidige, sondern sich «im Zustand der Offensive» befinde. Nach seinen Angaben hätten ukrainische Truppen in diesem Jahr 700 Quadratkilometer Territorium befreit.
Die Armee, die vor zwei Jahren eine schwere Verteidigung führte, greift heute an. Ich übergebe meinem Nachfolger eine Armee, die nicht nur die Verteidigung hält, sondern sich im Zustand der Offensive befindet – mit Initiative, mit Struktur, mit Menschen, die wissen, wie man den Feind schlägt.
Olexandr Syrskyj · Abschiedserklärung als Oberbefehlshaber
Syrskyj liess zudem erkennen, dass er der Armee in anderer Funktion erhalten bleiben könnte. Damit endet sein Einfluss auf die militärische Debatte nicht zwingend mit dem Postenwechsel.
Streit über Offensive und Kontrolle
Mit dem Führungswechsel dürfte auch der Streit über die operative Linie schärfer hervortreten. In Teilen des Militärs und unter ukrainischen Beobachtern ist umstritten, ob derzeit überhaupt von einer breiteren Offensive gesprochen werden kann. Eher ist von begrenzten Vorstössen auf einzelnen Abschnitten die Rede.
Ebenso umkämpft ist die Frage, ob die Ukraine unter Bedingungen knapper Personalreserven auf offensive Operationen setzen soll. Kritische Stimmen in der Armee argumentieren, solche Einsätze könnten die Truppen weiter auszehren, ohne den strategischen Ertrag wesentlich zu erhöhen. Wenn Drapatyj die operative Linie anpasst, könnte ihm dies von Gegnern als Führungsversagen ausgelegt werden; führt er sie unverändert fort, trägt er das Risiko hoher Belastungen mit.
Der Wechsel ist damit mehr als eine Personalie. Er verschiebt die Gewichte innerhalb des militärisch-politischen Apparats und könnte neue Konflikte zwischen Armeeführung, Präsidialamt und anderen Machtzentren auslösen.




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