Wenn man die Erklärungen der ukrainischen und russischen Führung zu den Bedingungen für ein Kriegsende analysiert, ergibt sich das Bild, dass sich der ganze Streit auf 25 Prozent des Gebiets Donezk verengt hat, die derzeit von der Ukraine kontrolliert werden.

Die Grundlage der Position Kiews ist der Aufruf, den Krieg entlang der Frontlinie zu beenden.

Im Kreml heisst es dagegen, dass die ukrainische Führung zur Beendigung der Kampfhandlungen eine «ihr gut bekannte Entscheidung» treffen müsse. Gemeint ist damit der Abzug der Truppen aus dem Donbass.

Darauf baut auch die Informationskampagne beider Länder auf. Kiew richtet sich an die Russen mit der Frage, ob sie wirklich bereit seien, für die Eroberung von Kramatorsk und Slowjansk noch ein, zwei oder drei Jahre weiterzukämpfen, enorme Verluste hinzunehmen, möglicherweise mobilisiert zu werden, für Benzin anzustehen und wegen Angriffen auf Marktplätze ruiniert zu werden. Ein Stopp des Kriegs entlang der Frontlinie würde nach dieser Logik alle diese Probleme sofort beenden.

Ähnlich argumentiert auch Moskau gegenüber den Ukrainern: Wollen sie wirklich dafür, Slowjansk und Kramatorsk zu behalten, die Russland nach eigener Darstellung ohnehin in ein bis zwei Jahren einnehmen werde, weiter unter Beschuss leiden, in der Metro übernachten, im Winter ohne Licht und Heizung dasitzen, Zwangsrekrutierungen hinnehmen, mit geschlossenen Grenzen leben und gefallene Angehörige begraben? Ein Rückzug aus dem Donbass würde nach dieser Darstellung alle Probleme sofort beenden.

Unbekannt ist, wie das Ergebnis ausfiele, wenn in beiden Ländern Referenden mit geheimer Abstimmung über die Frage stattfänden, ob man auf 25 Prozent des Gebiets Donezk verzichten wolle, um das Leiden des Kriegs zu beenden. Entscheidend ist das allerdings kaum, denn solche Referenden wird es nicht geben. Die Entscheidung werden die Staatsführungen treffen.

Aber selbst in ihrem Fall stellt sich die Frage, warum diese 25 Prozent des Gebiets Donezk so wichtig sind, dass man dafür bereit ist, unter Inkaufnahme von Verlusten weiterzukämpfen.

Warum das Gebiet so wichtig erscheint

In Russland wird die Bedeutung dieses Territoriums damit erklärt, dass dort der Ursprung des Kanals Siwerskyj Donez-Donbass liegt, von dem die Wasserversorgung von Donezk und anderen Städten des Gebiets abhängt.

Für die Mittel jedoch, die Russland derzeit für den Krieg aufwendet, liesse sich Wasser für den Donbass auch aus sibirischen Flüssen heranführen, ganz zu schweigen von günstigeren Möglichkeiten, das Problem zu lösen.

In Kiew heisst es, Slowjansk und Kramatorsk seien ein «Festungsgürtel», der die übrige Ukraine abschirme. Das treffe jedoch nicht zu. Rein militärisch würde die Eroberung des restlichen Teils des Gebiets Donezk Russland keine bedeutenden Vorteile bringen und für die Ukraine keine kritischen Gefahren schaffen, weil zentrale Logistikwege nicht abgeschnitten würden und die russische Armee sich keinen grossen Städten nähern, sondern auf ein Befestigungsgebiet bei Barwinkowe stossen würde.

Worin liegt also der Sinn des Kampfs um den noch von den ukrainischen Streitkräften kontrollierten Teil des Gebiets Donezk?

Darauf gibt es zwei Antworten.

Die Frage nach Sieg und Niederlage

Die erste Antwort betrifft die Deutung, wer den Krieg gewonnen hat. Selbst ein Stopp des Kriegs entlang der jetzigen Frontlinie wäre ein militärischer Sieg Russlands, weil damit die Besetzung von 20 Prozent des ukrainischen Territoriums festgeschrieben würde.

Bis März 2025 hatte Wolodymyr Selenskyj Aufrufe zu einem Waffenstillstand entlang der Frontlinie als «kapitulantisch» interpretiert und erklärt, man sei bereit, bis zu den Grenzen von 1991 zu kämpfen. Später stimmte er unter Druck von Donald Trump einem Waffenstillstand zu, und seither ist dies die offizielle Position der ukrainischen Führung.

Wenn der Krieg tatsächlich entlang der Frontlinie endet, könnte Kiew das als eigenen Sieg darstellen, auch wenn es formal ein Sieg Russlands wäre. Wenn die ukrainische Führung dagegen gezwungen wäre, ihre Truppen aus dem Gebiet Donezk abzuziehen, liesse sich das nicht mehr als Sieg präsentieren. Darin liegt wahrscheinlich eines der wichtigsten Motive des Kremls, auf dieser Bedingung zu beharren. Und eines der wichtigsten Motive Selenskyjs, nicht darauf einzugehen.

Grössere Ziele hinter dem Streit

Die zweite Antwort lautet, dass die tatsächlichen Ziele Kiews und Moskaus im Krieg weit über die Kontrolle über 25 Prozent des Gebiets Donezk hinausgehen. Kiew und seine europäischen Partner wollen Russland eine «strategische Niederlage» zufügen oder zumindest Zeit gewinnen und russische Ressourcen erschöpfen, während Europa wiederaufrüstet. Dahinter steht die Theorie, dass Russland nach einem Ende des Kriegs in der Ukraine sofort die EU angreifen würde.

Russland wiederum will die ukrainische Staatlichkeit vollständig nach seinen Vorstellungen umgestalten. Hinzu kommt die geopolitische Konfrontation zwischen Russland und dem Westen: Der Kreml stellt dessen bestimmenden Einfluss auf die weltpolitischen Prozesse aktiv infrage und wirbt für eine multipolare Weltordnung. Der Westen versucht das entsprechend zu verhindern und unterstützt deshalb die Ukraine im Krieg gegen Russland, indem er russische Kräfte und Ressourcen bindet.

Weil keine der Seiten ihre strategischen Ziele aufgegeben hat, werden auch die Bedingungen für ein Kriegsende in einer Form vorgeschlagen, die von der Gegenseite mit Sicherheit zurückgewiesen wird.

Sollte jedoch eines der beiden kriegführenden Länder seine Haltung plötzlich ändern und dem Vorschlag der Gegenseite zustimmen – für die Ukraine wäre das der Abzug aus dem Donbass, für Russland die Zustimmung zu einem Waffenstillstand entlang der Frontlinie –, dann wäre es für die andere Seite sehr schwer, wieder zurückzurudern und zusätzliche Bedingungen für eine Fortsetzung des Kriegs zu stellen. Die Bereitschaft, die Kampfhandlungen nach Erfüllung der eigenen Forderungen zu beenden, wurde bereits zu oft ausgesprochen. Ein Rückzieher wäre deshalb besonders angesichts der Kriegsmüdigkeit in beiden Ländern und weltweit äusserst problematisch.

Bislang gibt es jedoch keine Anzeichen für eine Annäherung der Positionen. Russland hofft, die Ukraine militärisch niederzuringen, ihre Kräfte zu erschöpfen und mindestens den Donbass vollständig einzunehmen, womöglich auch weitere Gebiete. Kiew will seinerseits mit einer Kampagne militärischer Angriffe Russlands Kräfte auszehren und Moskau zu eigenen Friedensbedingungen zwingen oder im Maximalfall eine breite innere Destabilisierung in Russland auslösen, damit sich die Bedingungen für ein Kriegsende aus Moskauer Sicht noch radikaler verschlechtern.

All das führt zu neuen Opfern und Zerstörungen, die vermeidbar wären, wenn man sich schon jetzt auf Frieden einigen würde. Hinzu kommen die Risiken einer Ausweitung des Kriegs auf Europa oder sogar eines Einsatzes von Atomwaffen, die mit jeder Verlängerung des Kriegs zunehmen.

Vor diesem Hintergrund unterstreicht der Umstand, dass sich der Streit nach aussen und formal auf das Schicksal von 25 Prozent des Gebiets Donezk konzentriert, nur die Absurdität des Geschehens.

Und wenn sich der Krieg in der Ukraine – Gott bewahre – zu einem globalen Atomkonflikt auswachsen sollte und nach vielen Jahren oder Jahrhunderten Ausserirdische auf einer von radioaktiven Ruinen bedeckten Erde landen würden, dann wären sie beim Studium der erhaltenen Spuren dieser Katastrophe wohl nicht wenig erstaunt festzustellen, dass sie an einem Streit darüber entzündet wurde, wem Slowjansk und Kramatorsk gehören sollen. Vielleicht würden sie diesen Fall in ihr Buch der Negativrekorde aufnehmen – als dümmsten Untergang einer Zivilisation in der Geschichte der Milchstrasse.