Kurzantwort
Russland hat die Ukraine nicht aus nur einem Grund angegriffen. Offiziell begründete Moskau die Invasion mit dem Schutz der Bevölkerung im Donbass, einer Bedrohung durch die NATO, der Notwendigkeit einer «Demilitarisierung» und «Denazifizierung» der Ukraine sowie mit dem Verweis auf das Recht auf Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UNO-Charta.
Doch diese Erklärungen sind unvollständig. Sie zeigen, wie Russland den Krieg rechtfertigte, erklären ihn aber nicht vollständig.
Die treffendere Formel lautet: Russland begann den grossangelegten Krieg, weil seine Führung entschied, den endgültigen Austritt der Ukraine aus der russischen Einflusssphäre mit Gewalt zu stoppen. In dieser Logik wurde die Ukraine nicht als gewöhnlicher Nachbarstaat gesehen, sondern als zentraler Teil des postsowjetischen Raums, dessen Verlust das Kräfteverhältnis in Europa verändern und Russlands Selbstbild als Grossmacht untergraben würde.
Die NATO spielte eine wichtige Rolle. Die Erweiterung des Bündnisses und die Perspektive einer ukrainischen Mitgliedschaft waren für Moskau tatsächlich einer der zentralen Reizpunkte. Doch die Erklärung, der Krieg habe «nur wegen der NATO» begonnen, ist zu eng. Sie erklärt weder die russischen Ansprüche an die ukrainische Staatlichkeit selbst, noch die Rhetorik von der «historischen Einheit» von Russen und Ukrainern, noch den Versuch, in den ersten Tagen der Invasion Kiew anzugreifen, noch das Bestreben, den politischen Kurs der gesamten Ukraine zu verändern.
Anders gesagt: Donbass, NATO, ukrainischer Nationalismus und Identitätskonflikte waren wichtige Elemente der Krise. Doch die Entscheidung zum grossangelegten Einmarsch traf Russland. Und die Ziele dieses Kriegs gingen weiter als der Schutz des Donbass oder die formelle Verhinderung eines NATO-Beitritts der Ukraine.
Warum es auf diese Frage keine einzige ehrliche Antwort gibt
Die Frage, warum Russland die Ukraine angegriffen hat, wird oft nicht zu einer Analyse, sondern zu einem politischen Test.
Das eine Lager antwortet: Putin ist ein Imperialist, alles andere ist zweitrangig. Das andere sagt: Der Westen hat Russland mit der NATO-Erweiterung provoziert. Beide Formeln enthalten einen Teil der Realität. Doch beide werden falsch, wenn sie den Anspruch erheben, die ganze Erklärung zu liefern.
Ja, in der russischen Politik gibt es eine starke imperial geprägte Logik. Die Ukraine war für Moskau lange nicht «einfach nur ein Nachbarstaat». Sie wurde als historisch, kulturell, wirtschaftlich und militärisch verbundenes Gebiet gesehen, das sich dem russischen Einfluss nicht endgültig entziehen sollte.
Ja, auch die NATO war ein Faktor. 2008 erklärte die NATO am Gipfel in Bukarest, dass die Ukraine und Georgien Mitglieder des Bündnisses «werden», auch wenn ihnen damals weder ein Membership Action Plan gewährt noch ein Zeitrahmen genannt wurde.
Doch der Krieg von 2022 lässt sich nicht auf die Linie «Russland gegen NATO» reduzieren. Wenn es nur um militärische Infrastruktur der NATO gegangen wäre, dann wären Garantien der Neutralität, Rüstungsbegrenzungen, der Status von Militärbasen und Raketen das logische Konfliktthema gewesen. Die russische Rhetorik war jedoch viel breiter. Sie sprach von der «Künstlichkeit» der ukrainischen Staatlichkeit, von «einem Volk», von «Denazifizierung» und von der Notwendigkeit, die Ukraine als politisches Projekt selbst zu verändern.
Eine ehrliche Antwort muss deshalb mehrere Ebenen gleichzeitig festhalten:
- Russland hatte reale Ängste und strategische Interessen.
- Die Ukraine hatte eigene Handlungsfähigkeit und das Recht, ihren Weg selbst zu wählen.
- Der Westen weitete seinen Einfluss in der Region tatsächlich aus.
- Moskau hatte nicht das Recht, darauf mit einer grossangelegten Invasion zu reagieren.
- Die Ukraine lieferte Russland nach 2014 selbst argumentative Anlässe – durch Sprachpolitik, historische Konflikte, die Heroisierung umstrittener Figuren und die Rolle nationalistischer Gruppen.
- Doch diese Anlässe waren keine Ursache, die automatisch zum Krieg führte.
Was Russland offiziell sagte
Schutz des Donbass
Die erste offizielle Rechtfertigung Moskaus war der Schutz der Bevölkerung im Donbass.
Russland erklärte, die Bewohner der selbsternannten «DNR» und «LNR» seien acht Jahre lang Gewalt durch die Ukraine ausgesetzt gewesen, und Kiew habe angeblich die Minsker Vereinbarungen nicht umgesetzt. Am 21. Februar 2022 erkannte Russland die Unabhängigkeit dieser Gebilde an, am 24. Februar verkündete Putin die «militärische Spezialoperation».
Wichtig ist: Der Krieg im Donbass war real. Seit 2014 gab es dort eine Frontlinie, Beschuss, zivile Tote und zerstörte Häuser und Infrastruktur. Man kann die Ereignisse nicht ehrlich so beschreiben, als sei der Donbass bloss eine Erfindung russischer Propaganda gewesen.
Doch daraus folgt nicht, dass Russland das Recht erhielt, eine grossangelegte Invasion gegen die gesamte Ukraine zu beginnen.
Ende 2021 lag die Intensität des Konflikts deutlich unter jener von 2014 bis 2015. Nach Angaben des UNO-Hochkommissariats für Menschenrechte wurden im ganzen Jahr 2021 insgesamt 110 zivile Opfer des Konflikts erfasst: 25 Tote und 85 Verletzte. Das war der niedrigste Jahreswert seit Beginn des Konflikts bis zur grossangelegten Invasion.
Diese Zahlen entwerten das Leid der Menschen nicht. Doch sie passen schlecht zur russischen Darstellung einer akuten humanitären Katastrophe, die einen Schlag gegen Kiew, Charkiw, Tschernihiw, Cherson, Mariupol und andere Städte erforderlich gemacht hätte.
Der Donbass war ein reales Problem. Er wurde aber auch zu einem rechtlichen und emotionalen Hebel für einen wesentlich breiteren Krieg.
«Genozid»
Die russische Führung verwendete im Zusammenhang mit dem Donbass das Wort «Genozid». Es war eine der stärksten emotionalen Formeln zur Rechtfertigung der Invasion.
Hier müssen drei Dinge getrennt werden.
Erstens: Zivile Opfer im Donbass gab es tatsächlich.
Zweitens: Die ukrainische Armee und die von Russland unterstützten bewaffneten Formationen führten tatsächlich Kampfhandlungen, und Verstösse gegen Waffenruhen wurden über Jahre dokumentiert.
Drittens: Internationale Daten bestätigten die These eines Genozids als massenhafte Vernichtung einer Bevölkerungsgruppe nicht.
Der Internationale Gerichtshof befasste sich im März 2022 mit einem Fall unter der Völkermordkonvention und hielt fest, dass die Ukraine die russischen Vorwürfe eines Genozids bestreite. Das Gericht ordnete zudem an, dass Russland die am 24. Februar 2022 begonnenen Militäroperationen unverzüglich einstellen müsse.
Der Punkt ist nicht, dass im Donbass «nichts geschah». Es geschah sehr wohl etwas. Doch der Begriff «Genozid» war keine präzise juristische Beschreibung der Lage, sondern ein politischer Verstärker. Er verwandelte einen lokalen und komplexen Konflikt in ein moralisches Schema: Wir müssen eingreifen, sonst werden Menschen vernichtet.
Genau ein solches Schema erlaubte es Moskau, die Invasion nicht als Aggression, sondern als erzwungene humanitäre Operation darzustellen.
«Demilitarisierung»
Der zweite grosse Begriff war die «Demilitarisierung».
Oberflächlich klang das wie die Forderung, die militärische Bedrohung von ukrainischer Seite zu reduzieren. Praktisch meinte Moskau mit «Demilitarisierung» jedoch nicht bloss das Fehlen von Raketen oder NATO-Stützpunkten. Gemeint war, der Ukraine die Fähigkeit zu nehmen, als eigenständiges militärisches Subjekt zu handeln.
Nach 2014 veränderte sich die ukrainische Armee tatsächlich rasch. Die Ukraine erhielt westliche Hilfe, führte Reformen durch, entwickelte ihre Kompatibilität mit der NATO weiter und stärkte ihren Verteidigungssektor. Aus Sicht Moskaus bedeutete das die Verwandlung der Ukraine in einen militärischen Brückenkopf des Westens.
Aus Sicht der Ukraine sah alles anders aus. Nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass wurde die eigene Armee zu einer Frage des Überlebens. Die ukrainische Logik war einfach: Ein Land, dem bereits ein Teil seines Territoriums genommen wurde, kann sich nicht allein auf diplomatische Garantien verlassen.
Hier entstand der zentrale Konflikt der Wahrnehmungen. Russland nannte die ukrainische Bewaffnung eine Bedrohung. Die Ukraine verstand sie als Schutz vor Russland.
Deshalb bedeutete «Demilitarisierung» in der russischen Formel nicht Neutralität im schweizerischen Sinn, sondern eingeschränkte Souveränität: Die Ukraine durfte existieren, sollte aber keine Armee, keine Aussenbeziehungen und keine Verteidigungspolitik haben, die Moskau als gefährlich ansah.
Für Russland bedeutete eine «sichere Ukraine» eine Ukraine, deren Militärpolitik kontrollierbar ist. Für die Ukraine bedeutete das den Verlust realer Unabhängigkeit.
«Denazifizierung»
Der ideologisch am stärksten aufgeladene Begriff war die «Denazifizierung».
Er richtete sich vor allem an das russische Publikum, in dessen staatlicher Identität die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle spielt. Wird der Gegner als «nazistisch» bezeichnet, erscheint der Krieg gegen ihn nicht nur als zulässig, sondern als moralisch geboten.
Im Fall der Ukraine ist das Bild jedoch komplizierter.
In der Ukraine gab und gibt es tatsächlich ultrarechte Gruppen. Nach 2014 gewann ein Teil nationalistischer Organisationen Einfluss im öffentlichen Raum, einzelne Vertreter beteiligten sich am Krieg, und Strukturen rund um Asow, den Rechten Sektor, das Nationale Korps und andere Organisationen wurden zu sichtbaren Elementen der öffentlichen Politik und der Sicherheitskultur.
Dieses Problem lässt sich nicht einfach als «russische Propaganda» wegwischen. Es existierte.
Doch der russische Schluss daraus stand in keinem Verhältnis zur Realität. Die Ukraine war kein nationalsozialistischer Staat. Ultrarechte Parteien kontrollierten weder Parlament noch Regierung noch das Präsidentenamt. Bei den Wahlen 2019 erhielt die vereinigte Liste ukrainischer ultrarechter Kräfte, darunter Swoboda, der Rechte Sektor und das Nationale Korps, rund 2,15 Prozent der Stimmen und schaffte den Einzug ins Parlament über die Parteilisten nicht.
Zudem wurde 2019 Wolodymyr Selenskyj Präsident der Ukraine – ein russischsprachiger Politiker jüdischer Herkunft, der in freien Wahlen mit grossem Abstand gewann. Die Beobachtermission der OSZE wertete die Präsidentschaftswahlen als kompetitiv, verwies aber auch auf Probleme wie Missbrauch administrativer Ressourcen, den Einfluss oligarchischer Medien und das Fehlen einer substanziellen Debatte.
Das macht die Ukraine nicht zu einer idealen Demokratie. Es widerlegt aber die These eines «Nazi-Regimes».
Eine genauere Formel verlangt deshalb Nuancen. Die Ukraine lässt sich nicht korrekt als nationalsozialistischer Staat bezeichnen: Ultrarechte Kräfte kontrollieren nicht das gesamte politische System und besitzen kein Machtmonopol. Genauso falsch wäre es jedoch, den Einfluss rechter nationalistischer Geschichtsnarrative auf die offizielle Erinnerungspolitik und den symbolischen Raum des Landes vollständig zu ignorieren. Nach 2014 erhielten mehrere historische Figuren aus der ukrainisch-nationalistischen Bewegung des 20. Jahrhunderts, darunter Personen, deren Biografien wegen Vorwürfen des Antisemitismus, der Beteiligung an Pogromen, der Kollaboration mit dem Dritten Reich oder der Mitverantwortung für ethnische Gewalt umstritten bleiben, einen sichtbaren Platz im staatlichen Pantheon und in der öffentlichen Geschichtspolitik. Das führte wiederholt zu Protesten und diplomatischen Demarchen aus Israel und Polen. Das Paradox besteht darin, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj mit jüdischer Herkunft und familiärem Bezug zur Tragödie des Holocaust sich von vielen Elementen dieser Erinnerungspolitik nicht distanzierte, sondern sie weitgehend fortführte oder mit ihr koexistierte. Treffender ist es daher, nicht von einer «nazistischen Ukraine» zu sprechen, sondern von einer komplexen und widersprüchlichen Verbindung demokratischer Institutionen mit einem sichtbaren Einfluss nationalistischer historischer Narrative, die im Land selbst und darüber hinaus umstritten bleiben.
Die tatsächliche Logik: Imperium, Sicherheit, Kontrolle
Die Ukraine als Teil der russischen historischen Landkarte
Wer die russische Entscheidung zum Krieg verstehen will, muss nicht nur auf NATO und Donbass schauen, sondern auch darauf, wie die russische Führung die Ukraine selbst beschrieb.
Im Juli 2021 veröffentlichte Putin den programmatischen Text «Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer». Darin wurde die Ukraine nicht als vollständig eigenständiges historisches Subjekt beschrieben, sondern als Teil eines gemeinsamen Raums von Russen, Ukrainern und Belarussen.
Im Februar 2022, noch vor der Anerkennung von «DNR» und «LNR», ging Putin weiter. Er erklärte, die Ukraine habe «nie eine stabile Tradition echter Staatlichkeit» gehabt, und die moderne Ukraine sei angeblich von bolschewistischem Russland geschaffen worden.
Das ist eine sehr wichtige Ebene. Denn sie zeigt: Der Streit drehte sich nicht nur um die NATO. Die russische Führung stellte die Legitimität ukrainischer Staatlichkeit in ihren heutigen Grenzen und ihrer politischen Form selbst in Frage.
Hier beginnt die imperiale Logik.
Ein Imperium strebt nicht immer zwingend die formelle Annexion des gesamten Territoriums an. Oft genügt ihm das Recht auf das entscheidende Wort: Wer das Nachbarland regiert, welchen Bündnissen es beitritt, welche Sprache und welche historische Erinnerung es fördert, welche Armee es aufbaut und wo die Grenze seiner Souveränität verläuft.
In dieser Logik durfte die Ukraine formell unabhängig sein, aber nicht strategisch unabhängig.
Genau das wurde nach 2014 zum Hauptkonflikt. Die Ukraine entfernte sich politisch, kulturell, wirtschaftlich und militärisch immer schneller von Russland. Russland versuchte zunächst mit Druck, dann mit der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass, danach mit Drohungen und schliesslich 2022 mit der grossangelegten Invasion, diesen Prozess aufzuhalten.
Sicherheit oder Einflusssphäre
Russland erklärte seine Position in der Sprache der Sicherheit. Für Nachbarstaaten wirkte russische «Sicherheit» jedoch oft wie die Forderung, ihre Souveränität einzuschränken.
Moskau sagte: Wir können eine militärische Erschliessung der Ukraine durch den Westen nicht zulassen.
Kiew antwortete: Wir können nicht auf Schutz verzichten, weil Russland bereits die Krim besetzt und einen bewaffneten Konflikt im Donbass unterstützt hat.
Beide Seiten sprachen von Sicherheit, meinten aber Unterschiedliches.
Für Russland bedeutete Sicherheit die Abwesenheit eines feindlichen Militärbündnisses an seinen Grenzen und den Erhalt einer Pufferzone.
Für die Ukraine bedeutete Sicherheit Garantien gegen eine erneute russische Invasion.
Nach 2014 wurden diese beiden Logiken unvereinbar. Je stärker Russland auf die Ukraine Druck ausübte, desto überzeugender wurde für viele Ukrainer die Westorientierung. Je enger sich die Ukraine der NATO annäherte, desto mehr sah Moskau darin einen strategischen Verlust.
Wichtig ist jedoch, Erklärung und Rechtfertigung nicht zu verwechseln. Man kann anerkennen, dass Russland die NATO-Erweiterung als Bedrohung wahrnahm. Daraus folgt aber nicht, dass Russland das Recht hatte, die Aussenpolitik der Ukraine zu kontrollieren.
Russlands Angst vor der NATO zu verstehen, bedeutet nicht, Russlands Recht anzuerkennen, über das Schicksal der Ukraine zu entscheiden.
Kontrolle über die Ukraine als zentrales Ziel
Die Anfangsgeografie der Invasion zeigt, dass es nicht nur um den Donbass ging.
Wäre das Ziel ausschliesslich der Schutz von «DNR» und «LNR» gewesen, hätten die Kampfhandlungen auf die Gebiete Donezk und Luhansk beschränkt bleiben können.
Wäre das Ziel allein die Neutralisierung von militärischer NATO-Infrastruktur gewesen, hätte sich Moskau auf Verhandlungen über Neutralität, Waffen, Basen und internationale Garantien konzentrieren können.
Doch am 24. Februar 2022 griff Russland gleichzeitig aus mehreren Richtungen an: aus dem Norden, auf Kiew, auf Charkiw, im Donbass, im Süden und an der Schwarzmeerküste. Das deutete auf eine breitere Aufgabe hin: nicht bloss die Frontlinie im Donbass zu verändern, sondern den politischen Willen der Ukraine zu brechen und sie zu zwingen, ein neues Modell untergeordneten Status zu akzeptieren.
Besonders wichtig war der Schlag auf Kiew. Mit der Version vom «Schutz des Donbass» lässt er sich schlecht erklären. Kiew liegt nicht im Donbass. Die Bedrohung der Hauptstadt deutete auf den Versuch hin, das Verhalten der Zentralmacht rasch zu verändern und möglicherweise die ukrainische Führung zu ersetzen oder zu zwingen.
Die genauere Formel lautet deshalb: Russland wollte nicht nur ihm loyale Gebiete schützen. Es wollte die ukrainische Frage insgesamt entscheiden.
Krim, Schwarzes Meer und der südliche Korridor
Eine weitere Ebene betrifft die Krim und den Süden der Ukraine.
Die Krim hat für Russland enorme militärische und symbolische Bedeutung. Sie ist Basis der Schwarzmeerflotte, bedeutet Kontrolle über einen Teil des Schwarzen Meers, ist ein wichtiges Element russischer militärischer Projektion und ein starkes Symbol in der russischen Innenpolitik.
Nach 2014 kontrollierte Russland die Krim, doch ihre Lage blieb verwundbar. Die Halbinsel war mit Russland über eine Brücke verbunden, verfügte aber nicht über einen Landkorridor durch den Süden der Ukraine. Wasser, Logistik, Sicherheit des Asowschen Meers und die Verbindung zum Donbass machten die südliche Richtung strategisch besonders wichtig.
Deshalb lässt sich der Vorstoss auf Mariupol, Cherson, in Richtung Saporischschja und an die Asowsche Küste nicht nur ideologisch erklären. Es ging auch um militärische Geografie.
Der Süden der Ukraine verband russisches Territorium, den Donbass und die Krim zu einer einheitlichen Kontrollzone. Gerade deshalb war er für Moskau nicht weniger wichtig als der Donbass selbst.
Die Ukraine als handelndes Subjekt
Die Ukraine war nicht bloss eine Spielfigur des Westens
Die russische Version zeichnet die Ukraine oft als Werkzeug der USA oder der NATO. In diesem Bild hat die Ukraine keinen eigenen Willen, sondern wird angeblich gegen Russland «benutzt».
Dieses Schema ist bequem, aber unvollständig.
Die Ukraine war nach 1991 ein schwacher, korrupter, regional vielfältiger, oligarchisch geprägter Staat. Es gab tiefe Unterschiede zwischen Regionen, Sprachen, Erinnerungskulturen und politischen Orientierungen. Der Westen beeinflusste ukrainische Reformen, die Zivilgesellschaft, die Armee und die Aussenpolitik tatsächlich.
Doch die Ukraine war keine bloss äussere Konstruktion.
1991 wurde die Unabhängigkeit der Ukraine in einem Referendum bestätigt: Mehr als 90 Prozent der Abstimmenden unterstützten sie. In den folgenden Jahrzehnten wechselte die Macht in der Ukraine mehrfach durch Wahlen. Das politische System war schmutzig, von Oligarchen abhängig und oft ineffizient, aber es war kompetitiver als das russische.
Auch die Entscheidung der Ukraine für EU und NATO lässt sich nicht nur mit «westlicher Steuerung» erklären. Nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass wurde Russland für einen grossen Teil der ukrainischen Gesellschaft nicht mehr als Bruderland wahrgenommen, sondern als Quelle der Bedrohung. Unter solchen Bedingungen wirkte die Annäherung an den Westen nicht nur als ideologische Wahl, sondern auch als Versuch, Schutz zu finden.
Die Ukraine war ein schwacher und widersprüchlicher Staat. Doch die Schwäche eines Staates hebt seine Handlungsfähigkeit nicht auf.
Die Ukraine lieferte Russland Anlässe – aber keine Ursachen
Ein objektiver Text darf die Ukraine nicht in ein ideales Opfer ohne Fehler verwandeln.
Nach 2014 wurde die ukrainische Identitätspolitik oft härter. Der Staat förderte die ukrainische Sprache stärker, revidierte die Erinnerungspolitik, schränkte den russischen Kultureinfluss ein, veränderte den symbolischen Raum, benannte Strassen um und baute sowjetisches Erbe ab.
In vielen Fällen war das nachvollziehbar: Die Ukraine verteidigte sich gegen russischen Einfluss und versuchte nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass die eigene Identität zu festigen.
Doch diese Politik hatte auch eine problematische Seite. Sie berücksichtigte nicht immer fein genug die tatsächliche Zweisprachigkeit des Landes, die komplexe Identität von Millionen Bürgern und den Unterschied zwischen dem russischen Staat und der russischen Sprache, zwischen der imperialen Politik Moskaus und der kulturellen Biografie russischsprachiger Ukrainer.
Die Venedig-Kommission erkannte 2019 das Recht der Ukraine an, die Staatssprache zu stärken, verwies aber zugleich auf die Notwendigkeit von Ausgleich und Schutz sprachlicher Minderheitenrechte.
Das ist ein wichtiger unbequemer Punkt. Die Ukraine lieferte Russland tatsächlich argumentative Vorlagen. Russische Propaganda konnte Sprachgesetze, nationalistische Rhetorik, Streit um Bandera, den Druck radikaler Strassengruppen und Konflikte der Erinnerungspolitik ausnutzen.
Doch Anlässe sind keine Ursachen.
Die Sprachpolitik der Ukraine konnte umstritten sein. Doch sie erklärt keinen Schlag gegen Kiew. Die ukrainische Geschichtspolitik konnte Teile der Bevölkerung irritieren. Doch sie gibt Russland kein Recht, Territorien zu besetzen. Das Vorhandensein ultrarechter Gruppen konnte eine innere Bedrohung für die ukrainische Demokratie sein. Doch es machte die Ukraine nicht zu einem nationalsozialistischen Staat.
Die Ukraine lieferte Russland Material für Propaganda. Doch die Entscheidung zum Krieg traf Russland.
Warum die Erklärung «nur NATO» unvollständig ist
Die NATO war ein Faktor
Man kann über die Ursachen des Kriegs nicht ehrlich sprechen und so tun, als habe die NATO nichts damit zu tun.
Für Russland war die Osterweiterung der NATO seit den 1990er-Jahren einer der grössten Reizpunkte. In russischer Wahrnehmung sah das nach einer schrittweisen Annäherung westlicher Militärinfrastruktur an die russischen Grenzen aus.
Die Ukraine war dabei besonders sensibel. Sie ist ein grosses Land an der Grenze zu Russland, historisch eng mit ihm verbunden, mit Zugang zum Schwarzen Meer und in Nachbarschaft zu zentralen russischen Regionen. Wenn ein solches Land endgültig in den westlichen militärisch-politischen Raum eintritt, wirkt das in Moskau nicht wie eine gewöhnliche Bündniserweiterung, sondern wie eine strategische Niederlage.
Vertreter der realistischen Schule der internationalen Beziehungen argumentieren seit langem so. John Mearsheimer schrieb bereits 2014, der Kern der ukrainischen Krise liege in der westlichen Strategie der NATO- und EU-Erweiterung sowie in der Verwandlung der Ukraine in einen prowestlichen Vorposten.
Dieses Argument lässt sich nicht einfach als «kremlnah» abtun. Es existiert in der westlichen akademischen Debatte und spiegelt eine reale Logik von Grossmächten: Grosse Staaten reagieren empfindlich, wenn benachbarte Räume in die Umlaufbahn eines Rivalen geraten.
Das Problem beginnt dort, wo dieses Argument in eine vollständige Rechtfertigung des Kriegs verwandelt wird.
Die Ukraine stand nicht unmittelbar vor dem Beitritt
2008 erklärte die NATO zwar tatsächlich, dass die Ukraine und Georgien Mitglieder des Bündnisses werden sollen. Doch das war eine politische Formel ohne konkretes Datum. Die Ukraine erhielt keinen Membership Action Plan. Innerhalb der NATO gab es keinen Konsens über eine rasche Aufnahme. Bis 2022 blieb der ukrainische NATO-Beitritt eine politische Perspektive und kein unmittelbar laufendes Verfahren.
Die NATO selbst verweist darauf, dass die Ukraine von 2010 bis 2014 eine blockfreie Politik verfolgte und erst als Reaktion auf die russische Aggression davon abrückte. 2017 stellte die Ukraine den NATO-Beitritt wieder als strategisches Ziel her, 2019 verankerte sie diesen Kurs in der Verfassung.
Diese Chronologie ist wichtig.
Sie zeigt, dass sich der ukrainische Kurs Richtung NATO nicht vor dem Konflikt mit Russland verstärkte, sondern in wesentlichen Teilen als Folge dieses Konflikts. Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass veränderten die ukrainische Sicherheitswahrnehmung grundlegend.
Russland behauptete: Die Ukraine bewegt sich auf die NATO zu, also sind wir zum Handeln gezwungen.
Die Ukraine konnte antworten: Wir bewegen uns auf die NATO zu, weil Russland bereits gegen uns gehandelt hat.
Hier entsteht ein Kreis. Russischer Druck drängte die Ukraine in Richtung Westen. Die Annäherung der Ukraine an den Westen verstärkte wiederum den russischen Druck.
Doch im Februar 2022 stand die Ukraine nicht vor einem formellen NATO-Beitritt. Präziser ist deshalb: Russland führte nicht Krieg gegen eine bereits in die NATO eingetretene Ukraine, sondern gegen die Aussicht auf den endgültigen Verlust der Ukraine.
Russlands Forderungen gingen über die Ukraine hinaus
Im Dezember 2021 legte Russland den USA und der NATO Vertragsentwürfe zu Sicherheitsgarantien vor. Dabei ging es nicht nur um die Ukraine. Moskau verlangte, dass die NATO auf weitere Erweiterung, einschliesslich der Ukraine, verzichtet und ihre militärische Aktivität im postsowjetischen Raum einschränkt.
Das zeigt die Grössenordnung des Konflikts. Russland strebte nicht bloss einen neutralen Status der Ukraine an. Es verlangte eine Revision der gesamten europäischen Sicherheitsarchitektur nach dem Kalten Krieg.
Aus russischer Sicht war das der Versuch, ein Gleichgewicht wiederherzustellen.
Aus Sicht der Staaten Ost- und Mitteleuropas sowie des postsowjetischen Raums wirkte es wie die Forderung, Russland eine besondere Einflusssphäre anzuerkennen.
Gerade deshalb konnten westliche Staaten russischen Forderungen nicht einfach zustimmen. Das hätte faktisch bedeutet, dass die Sicherheit kleiner und mittlerer Staaten nicht von ihnen selbst, sondern durch die Verständigung der Grossmächte bestimmt wird.
Für die Ukraine hätte das eingeschränkte Souveränität bedeutet.
Auch der Mythos vom «gegebenen Versprechen» ist komplizierter
In der russischen Argumentation heisst es oft, der Westen habe Moskau versprochen, die NATO nicht nach Osten zu erweitern, und dieses Versprechen später gebrochen.
Diese Frage ist kompliziert. 1990 diskutierten westliche Politiker mit der sowjetischen Führung tatsächlich Beschränkungen im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung und der Stationierung von NATO-Kräften. Eine formelle rechtliche Verpflichtung, die NATO «niemals nach Osten» zu erweitern, erhielt Russland jedoch nicht.
Chatham House weist darauf hin, dass die Sowjetunion keine formelle Garantie über die Grenzen einer NATO-Erweiterung nach 1990 erhielt und dass eine Erweiterung über das Gebiet des vereinten Deutschlands hinaus damals kein Gegenstand eines konkreten Vertrags war.
Das bedeutet nicht, dass Russland kein Gefühl des Betrogenwerdens hatte. Dieses Gefühl existierte. Doch ein Gefühl des Betrugs und eine rechtliche Verpflichtung sind verschiedene Dinge.
In der internationalen Politik haben auch Wahrnehmungen Gewicht. Aber ein Recht auf Krieg lässt sich nicht darauf gründen, dass eine Seite sich historisch getäuscht fühlt.
Warum Russland sich irrte
Eine eigene Frage ist, weshalb Moskau sich zu einer grossangelegten Invasion entschloss, obwohl die Risiken enorm waren.
Wahrscheinlich ging die russische Führung von mehreren Annahmen aus.
- Der ukrainische Staat sei schwach und könne rasch zusammenbrechen.
- Die ukrainischen Eliten seien gespalten und ein Teil von ihnen sei zu Absprachen mit Moskau bereit.
- Die Bevölkerung im Süden und Osten der Ukraine werde keinen massenhaften Widerstand leisten.
- Der Westen werde sich auf Sanktionen beschränken und die Ukraine nicht rasch und umfassend unterstützen können.
- Die russische Armee sei in der Lage, eine schnelle Operation durchzuführen und Kiew zur Kapitulation oder zu politischen Zugeständnissen zu zwingen.
Diese Kalkulationen erwiesen sich als falsch.
Der ukrainische Staat brach nicht zusammen. Selenskyj floh nicht. Die Armee leistete Widerstand. Die Gesellschaft mobilisierte sich. Selbst viele russischsprachige Ukrainer, die Moskau als potenziell «eigene» ansah, nahmen die Invasion als Aggression wahr. Die westliche Hilfe fiel deutlich grösser aus, als der Kreml vermutlich erwartet hatte.
Russlands grösster Fehler war nicht nur militärisch. Er war politisch und anthropologisch: Moskau verstand die Ukraine falsch.
Russland war es gewohnt, die Ukraine als schwaches, künstliches und gespaltenes Gebiet zu sehen, in dem starker Druck genügt, damit alles auseinanderfällt. Doch die Ukraine erwies sich als widerstandsfähiger, als das russische Modell annahm.
Fazit
Russland griff die Ukraine an, weil seine Führung entschied, den endgültigen Austritt der Ukraine aus der russischen Einflusssphäre mit Gewalt zu stoppen.
Die offiziellen Erklärungen – Donbass, «Genozid», «Denazifizierung», «Demilitarisierung», NATO – waren Teile dieses Narrativs. Einige davon stützten sich auf reale Elemente: den Krieg im Donbass, die ukrainische Militarisierung nach 2014, den Kurs Richtung NATO, Sprach- und Identitätskonflikte sowie das Vorhandensein ultrarechter Gruppen.
Doch keiner dieser Faktoren erklärt oder rechtfertigt die grossangelegte Invasion.
Der Donbass war eine reale Tragödie, aber kein Grund für einen Schlag gegen die ganze Ukraine.
Die NATO war ein wichtiger Faktor, doch die Ukraine stand nicht vor einem unmittelbaren Beitritt zum Bündnis.
Die ukrainische Identitätspolitik hatte harte und umstrittene Elemente, doch sie machte die Ukraine nicht zu einem nationalsozialistischen Staat.
Russland hatte Sicherheitsinteressen, verlangte aber nicht bloss Sicherheit, sondern das Recht, die strategische Entscheidung eines Nachbarlands zu kontrollieren.
Die präziseste Formel lautet:
Russland griff nicht an, weil die Ukraine bereits zu einer unmittelbaren militärischen Bedrohung geworden war, sondern weil Moskau in einer eigenständigen, westlich orientierten Ukraine einen irreversiblen Kontrollverlust sah.
Gerade deshalb ist die Erklärung «nur NATO» unvollständig. Die NATO war Teil des Problems. Doch Gegenstand des Kriegs war nicht nur die NATO. Gegenstand des Kriegs war die Ukraine als handelndes Subjekt: ihr Recht, ein eigener Staat zu sein, Bündnisse zu wählen, eine Armee aufzubauen, ihre Identität zu formen und die russische historische Umlaufbahn zu verlassen.
Für Moskau erschien das als strategische Bedrohung.
Für die Ukraine als Recht auf Unabhängigkeit.
Gerade der Zusammenprall dieser beiden Logiken führte zum Krieg.
Häufige Fragen
Warum hat Russland die Ukraine angegriffen?
Weil die russische Führung beschlossen hatte, den endgültigen Ausbruch der Ukraine aus der russischen Einflusssphäre mit Gewalt zu stoppen. Offiziell sprach Moskau vom Schutz des Donbass, von «Entnazifizierung», «Entmilitarisierung» und von der Bedrohung durch die NATO. Die tatsächlichen Ursachen reichen aber weiter: Kontrolle, Sicherheit, imperiale Logik, die Krim, das Schwarze Meer und die Ablehnung eines eigenständigen ukrainischen Westkurses.
War die NATO der Hauptgrund für den Krieg?
Die NATO war ein wichtiger Faktor, aber nicht die einzige Ursache. Russland nahm die Annäherung der Ukraine an die NATO tatsächlich als Bedrohung wahr. Doch die russische Rhetorik und das russische Handeln gingen weit über die Frage militärischer Infrastruktur hinaus: Moskau stellte die ukrainische Staatlichkeit infrage und versuchte, den gesamten politischen Kurs der Ukraine zu verändern.
Gab es einen Genozid im Donbass?
Im Donbass gab es einen realen Krieg, zivile Opfer und schwere humanitäre Folgen. Internationale Daten bestätigten jedoch nicht die russische These eines Genozids als Begründung für eine grossflächige Invasion.
Wollte Russland nur den Donbass schützen?
Nein. Die anfängliche Geografie der Invasion — Kiew, Charkiw, Tschernihiw, der Süden der Ukraine und die Schwarzmeerregion — zeigt, dass die Ziele deutlich über den Donbass hinausgingen.
War die Ukraine einfach ein Werkzeug des Westens?
Nein. Der Westen hatte Einfluss auf die Ukraine, unterstützte Reformen, die Zivilgesellschaft, die Armee und den euroatlantischen Kurs. Aber die Ukraine hatte ihre eigene politische Dynamik, Wahlen, gesellschaftliche Bewegungen und Erfahrungen im Konflikt mit Russland. Ihre Westorientierung war nicht nur ein externes Projekt, sondern auch eine Reaktion auf den russischen Druck seit 2014.
Kann man Russlands Motive verstehen, ohne den Krieg zu rechtfertigen?
Ja. Die Analyse der Kriegsursachen ist nicht dasselbe wie eine Rechtfertigung des Krieges. Man kann anerkennen, dass Russland die NATO als Bedrohung wahrnahm, dass der Donbass ein realer Konflikt war und dass die Ukraine Fehler in ihrer Identitätspolitik machte — und gleichzeitig festhalten, dass die grossflächige Invasion eine Entscheidung Russlands war und die Souveränität der Ukraine verletzte.




Diskussion
Kommentare
Bitte bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema.
Registrieren oder anmelden, um mitzudiskutieren.
Registrieren oder anmelden