Die vergangene Woche war von schweren und besonders aufsehenerregenden Angriffen auf die russische Treibstoff- und Industrieinfrastruktur geprägt.
Gleich zweimal wurde die Moskauer Raffinerie getroffen. Zuvor waren praktisch alle Versuche ukrainischer Drohnen, sie zu erreichen, erfolglos geblieben. Am Ende gelang der Durchbruch jedoch.
Gestern brannten ein Treibstofflager in Kertsch, Fähren über die Strasse von Kertsch und der Hafen «Kawkas». Danach wurde auf der Halbinsel der Verkauf von Treibstoff vollständig eingestellt. Nach Drohnenangriffen fielen zudem in mehreren Bezirken der Krim Strom und Wasser aus.
Auch in mehreren russischen Regionen werden Beschränkungen für den Benzinverkauf eingeführt.
Heute wurde ein Werk in Woronesch mit Raketen angegriffen.
Vor diesem Hintergrund fällt die äusserst knappe Reaktion der russischen Behörden auf. Die Angriffe auf Moskau kommentierte Dmitri Peskow nur kurz. Er sagte, Wladimir Putin werde über die Lage informiert, während die russische Armee starke «Vergeltungsschläge» ausführe. Zur Treibstoffknappheit äussern sich vor allem lokale Behörden oder die Produzenten selbst.
Bezeichnend ist auch, dass die grössten föderalen Fernsehsender den Angriff auf Moskau vom 18. Juni in ihren Nachrichtensendungen kaum erwähnten. Putin trat an jenem Tag auf dem Russland-ASEAN-Forum in Kasan auf und kommentierte die Attacke ebenfalls nicht – auch später nicht.
In der mehr als zweistündigen gestrigen Ausgabe von «Westi Nedeli» mit Dmitri Kisseljow auf Rossija-1 waren den Angriffen der ukrainischen Streitkräfte auf Russland und die Krim rund fünf Minuten Sendezeit gewidmet, wenn auch direkt zu Beginn der Sendung. Die wichtigsten Aussagen lauteten: Mit Angriffen auf Russland wolle Kiew den falschen Eindruck erwecken, die Initiative in den Kampfhandlungen sei auf seine Seite übergegangen; das stimme nicht, die russische Armee greife an allen Fronten an. Getroffene russische Objekte würden rasch wiederhergestellt. Die ukrainischen Angriffe auf Russland seien terroristische Attacken, die die russischen Behörden dazu bewegen sollten, Kiews Bedingungen anzunehmen und einem Waffenstillstand entlang der Frontlinie zuzustimmen, weil die Ukraine dringend eine Atempause brauche. Diese werde man ihr aber nicht geben, und der Sieg werde Russland gehören.
Diese Art des Informations-Ignorierens hat bereits verschiedene Deutungen ausgelöst. Unter Putins Gegnern ist besonders die Ansicht verbreitet, er wisse gar nicht, was geschehe, habe den Bezug zur Realität verloren und lebe in der Überzeugung, dass «alles gut» sei, ohne die wachsenden Probleme zu bemerken.
Dagegen spricht allerdings, dass die Behörden auf der Krim offiziell die Einstellung des Treibstoffverkaufs und andere harte Einschränkungen angekündigt haben. Das wäre kaum ohne Abstimmung mit dem Kreml möglich gewesen. Auch ist schwer vorstellbar, dass Putin nichts von den Problemen der grössten Treibstoffkonzerne weiss, an deren Spitze seine engen Vertrauten Igor Setschin und Alexei Miller stehen.
Deshalb ist auch eine andere Lesart verbreitet: Der Kreml versucht einerseits, einen Anstieg der Panik in der Bevölkerung zu verhindern, indem er signalisiert, dass alles unter Kontrolle sei und «wir auf den Sieg zusteuern». Andererseits will er keine schnelle Lösung versprechen und bereitet alle auf «schwere Prüfungen um des Sieges willen» vor.
Nicht zufällig werden ukrainische Angriffe in Moskau ständig als «terroristische Attacken» bezeichnet. Damit werden Parallelen zu den Anschlägen tschetschenischer Separatisten in den Nullerjahren gezogen, die ebenfalls regelmässig stattfanden, ohne dass der Kreml Zugeständnisse machte. Am Ende wurde der Nordkaukasus «befriedet», während die Anschläge zugleich als Vorwand dienten, das innenpolitische Regime zu verschärfen. Auch jetzt wird der russischen Gesellschaft faktisch dasselbe Szenario angeboten: eine schwierige Phase zu überstehen und «den Sieg zu erringen».
Diese Lage kann auch für harte Massnahmen genutzt werden – sowohl für zusätzliche Einschränkungen und mehr Kontrolle als auch für eine mögliche neue Mobilisierung und ein weiteres «Engerschnallen des Gürtels» für die Bevölkerung und den zivilen Sektor insgesamt, falls eine solche Entscheidung getroffen wird. Zugleich werden Parallelen zur Ukraine gezogen: Wenn dort trotz deutlich stärkerer Angriffe auf das Land – vor allem in frontnahen Regionen – das Leben weitergeht und es weder Aufstände noch Destabilisierung gibt, warum sollte es in Russland anders sein?
Allerdings birgt dieser Ansatz in der aktuellen Lage offensichtliche Risiken für den Kreml – in zweierlei Hinsicht.
Risiken für die Stimmung in Russland
Erstens betrifft das die gesellschaftliche Stimmung.
Vor allem gibt es grosse Unterschiede in der Wahrnehmung des Krieges in der Ukraine und in Russland. Selbst wenn man beiseitelässt, dass der Krieg durch den russischen Angriff auf die Ukraine begann und also auf Initiative der russischen Führung, gibt es mehrere Punkte, die die Lage, vorsichtig gesagt, nur wenig vergleichbar machen.
Russland hat bisher kein eigenes Gebiet verloren, sondern Teile ukrainischer Regionen erobert. Der Krieg wird auf dem Territorium eines Nachbarstaates geführt und nicht auf russischem Boden. Das löst bei einem Teil der Russen sofort die Frage aus, warum man nicht einfach an der Frontlinie anhalten und so den russischen Sieg festschreiben kann. Wozu um Kramatorsk und Slowjansk kämpfen oder gar um die ganze Ukraine, wenn das viele Opfer kosten wird?
Seit dem Frühling des vergangenen Jahres wirkt es im öffentlichen Raum so, als spreche sich die Ukraine für eine möglichst rasche Waffenruhe und einen Waffenstillstand entlang der Front aus, während Russland dagegen ist. Tatsächlich würde die ukrainische Führung eine solche Variante selbst kaum wollen, weil sie, wie oben erwähnt, den militärischen Sieg Russlands festschreiben würde. Sie bringt sie jedoch in der Erwartung ins Spiel, dass der Kreml ablehnt. Falls er zustimmen sollte, wäre es für Kiew schwer, sich einem Waffenstillstand zu entziehen. Deshalb könnte unter Russen ebenfalls die Frage aufkommen: Warum stimmt man einer Beendigung des Krieges nicht zu, wenn der Gegner einverstanden ist?
Die Ukraine verfügt – anders als Russland – nicht über Atomwaffen. Deshalb stellt in Kiew nach einem weiteren russischen Beschuss niemand der militärisch-politischen Führung die Frage: Warum haben wir Moskau nicht längst mit einer Atombombe getroffen? In Russland tauchen solche Fragen nach jedem Beschuss regelmässig auf. Dabei würde der Einsatz von Atomwaffen, wie bereits mehrfach dargelegt wurde, erhebliche Risiken gerade für Russland selbst mit sich bringen. In bestimmten Kreisen ist diese Idee dennoch populär, und Forderungen, die Ukraine «mit Atombomben zu überziehen», sind ständig zu hören.
Wenn also die Lasten des Krieges für die Russen zunehmen und erst recht, wenn Mobilisierung und Sparzwang beginnen, dürften all diese Fragen noch häufiger und lauter gestellt werden. Ein Teil der Gesellschaft wird fragen, warum kein Waffenstillstand geschlossen wird. Ein anderer, warum bisher keine Atomwaffen eingesetzt wurden und ob der Kreml überhaupt weiss, wie man weiterkämpfen soll, um «den Sieg zu erringen».
Hinzu kommt ein Unterschied in der Reaktion der ukrainischen und russischen Behörden auf Beschuss.
Nach jedem Angriff verspricht Wolodymyr Selenskyj Vergeltung, und Raketen und Drohnen fliegen nach Russland. Danach erscheinen zahlreiche eindrückliche Fotos und Videos von brennenden Raffinerien, Häfen, Fabriken und anderen Anlagen.
Auch die russischen Behörden versprechen Vergeltung. Doch nach russischen Angriffen erscheint deutlich weniger so eindrückliches Material wie nach Schlägen gegen Russland. Ein Grund ist, dass in der Ukraine – anders als in Russland – bereits im März 2022 Strafbarkeit für die Veröffentlichung der Folgen von Treffern eingeführt wurde, auch wenn die Ziele womöglich tatsächlich in grossem Ausmass getroffen werden.
Massierte Angriffe auf Kiew, die in Moskau als «Vergeltung» etwa für den Beschuss eines Studentenwohnheims in Starobilsk angekündigt wurden, erfolgen zudem mit grossen zeitlichen Abständen und unterscheiden sich in ihrem Charakter kaum von den zahlreichen Angriffen auf Kiew seit Beginn des Krieges.
Das Bild der «Vergeltungsschläge» ist also nicht vergleichbar.
Dazu kommen die knappen Kommentare der russischen Behörden zu Beschuss, Benzinknappheit und anderen Folgen ukrainischer Angriffe – und vor allem das Fehlen von Erklärungen, wie diese Probleme grundsätzlich gelöst werden sollen.
Das kann in der Gesellschaft Fragen aufwerfen, wie angemessen der Kreml die Lage wahrnimmt und ob dort überhaupt bekannt ist, was als Nächstes zu tun ist.
Allerdings ist nicht sicher, dass diese Fragen mit besonderem Nachdruck gestellt werden und zu ernsthaften Gärungen in der russischen Gesellschaft führen. Diese hat in den vergangenen Jahren eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber verschiedenen Belastungen und Herausforderungen gezeigt.
Wirtschaftlicher Druck und mögliche Antworten
Es gibt aber auch ein zweites Problem, das durch ukrainische Angriffe entsteht und für den Kreml potenziell sogar gefährlicher ist als die Stimmung in der Gesellschaft: der direkte wirtschaftliche Schaden für Russland.
Wie gross dieser Schaden derzeit ist, lässt sich schwer einschätzen. Schon bei der Treibstoffknappheit unterscheidet sich die Lage stark von Region zu Region. Wie schnell die Schäden an Raffinerien behoben werden können, ist unklar. Auch das Ausmass der Zerstörung vieler Objekte bleibt unbekannt.
Fest steht jedoch, dass diese Angriffe nicht folgenlos bleiben.
Damit zeigt sich erneut der grundlegende Unterschied zwischen der Ukraine und Russland bei der Frage, wie sich Angriffe auf das Hinterland auf die Fähigkeit auswirken, den Krieg fortzusetzen.
Russland finanziert den Krieg aus eigenen Mitteln. Deshalb wirkt sich wirtschaftlicher Schaden durch Angriffe auf Infrastruktur direkt auf die Staatseinnahmen und damit auch auf die Kriegsanstrengungen aus. Das gilt umso mehr, als gerade die Infrastruktur mit den höchsten Erträgen – Öl und Gas – selbst für Angriffe mit Drohnen besonders verwundbar ist.
Die Ukraine kämpft dagegen mit europäischem Geld. Deshalb trifft russischer Beschuss von Industrieanlagen und Infrastruktur die Fähigkeit Kiews, den Krieg zu führen, nicht in gleichem Mass, solange der finanzielle Zufluss aus dem Westen anhält. Eine Ausnahme wäre allenfalls ein langanhaltender Blackout im ganzen Land. Ob ein solcher überhaupt erreichbar ist, ist unklar. Kritischen Schaden könnten auch Atomschläge anrichten, falls sie massiert eingesetzt würden. Im Übrigen können die Angriffe zwar zweifellos sehr schweren Schaden verursachen, doch solange das Hauptzentrum der Finanzierung im Ausland liegt und sich dort auch ein bedeutender Teil der militärischen Produktionskapazitäten befindet, kann Kiew den Krieg ohne radikale Probleme fortsetzen. Natürlich birgt die Abhängigkeit von externer Hilfe für die Ukraine strategische Risiken, weil diese Unterstützung aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen irgendwann stark zurückgehen könnte. Solange jedoch Geld und Waffen fliessen, stärkt das die Widerstandsfähigkeit der Ukraine.
Russland hätte eine ähnliche Lage, wenn China gegenüber Moskau dieselbe Politik verfolgen würde wie Europa derzeit gegenüber der Ukraine – also Haushaltslöcher direkt finanzieren, fehlende Waren in nötigem Umfang liefern und Waffen für die russische Armee in grossem Stil in chinesischen Fabriken produzieren würde. China unterstützt Moskau im Krieg jedoch nicht in dieser direkten Form.
Deshalb wird die Begrenzung des Schadens durch ukrainische Angriffe für den Kreml nun zur Priorität Nummer eins – sowohl im Hinblick auf direkte Haushalts- und Wirtschaftsschäden als auch mit Blick auf gesellschaftliche Stimmung und die Desorganisation des sozioökonomischen Lebens.
Russland kann dieses Problem, wie bereits mehrfach beschrieben, auf drei Wegen angehen.
Der erste ist ein militärisch-technischer Weg: den Schaden durch Angriffe so weit einzudämmen, dass fast 100 Prozent der unbemannten Fluggeräte abgeschossen werden. Diesen Weg scheinen die Russen derzeit zu verfolgen, unter anderem durch den verstärkten Einsatz von Abfangdrohnen. Ob ein solches Resultat grundsätzlich erreichbar ist, ist offen. Auch die Ukraine schiesst nicht 100 Prozent aller Drohnen ab, die von Zeit zu Zeit sogar die Westukraine erreichen. Ausserdem könnte die Ukraine bald ballistische Raketen erhalten. Andererseits ist unklar, wie gross die Zahl solcher Raketen sein wird und ob die ukrainischen Streitkräfte über genügend weitreichende Drohnen verfügen, um die Intensität der Angriffe weiter zu steigern.
Der zweite Weg wäre eine scharfe Eskalation: der Einsatz von Atomwaffen gegen die Ukraine oder Angriffe auf Europa, um die EU zum Verzicht auf Unterstützung für Kiew zu zwingen. Vereinfacht gesagt könnte Russland nach jedem Angriff auf russische Raffinerien und Häfen europäische Raffinerien und Umschlagplätze für Öl und Flüssiggas angreifen. Diese Variante würde allerdings ebenfalls voraussetzen, dass Russland bereit wäre, Atomwaffen einzusetzen, falls Europäer sich – anders als die Staaten des Persischen Golfs nach iranischen Angriffen – zu Gegenschlägen entschliessen oder eine Bodenoffensive gegen Kaliningrad und St. Petersburg beginnen würden. In einem solchen Fall bliebe Russland, dessen Armee fast vollständig in der Ukraine gebunden ist, praktisch nur der Einsatz von Atomwaffen. Für einen solchen Schritt gibt es zwar sehr starke hemmende Faktoren, dennoch lässt er sich nicht ausschliessen, falls die russische Führung zum Schluss kommt, dass die Lage kritisch wird.
Der dritte Weg, der eine katastrophale atomare Entwicklung vermeiden könnte, wären Vereinbarungen über ein rasches Kriegsende.
Diese könnten in zwei Formen erfolgen.
Erstens, falls Donald Trump Wolodymyr Selenskyj doch noch unter Druck setzt und ihn dazu bringt, die Truppen aus dem Donbass abzuziehen und damit die in Anchorage mit Putin besprochenen Bedingungen umzusetzen. Schon früher wirkte das wenig realistisch; nun erst recht vor dem Hintergrund aktiver Bemühungen Selenskyjs und der Europäer, Trump davon zu überzeugen, dass im Krieg eine Wende zugunsten der Ukraine eintritt.
Zweitens, falls Putin einem Stopp des Krieges entlang der Frontlinie zustimmt. Das wäre, wie bereits mehrfach dargelegt, eine Festschreibung des militärischen Siegs Russlands: Die Kontrolle über den eroberten Teil der Ukraine bliebe erhalten, und die Zustimmung zu einem Kriegsstopp könnte gegen weitreichende Zugeständnisse Trumps etwa bei Sanktionen eingetauscht werden.
Bisher geht Putin weder diesen Weg noch treibt er die Eskalation rasch voran.
Offenbar bleibt er in der Logik des ersten Weges: den Schaden ukrainischer Angriffe zu begrenzen, ohne auf Massenvernichtungswaffen zurückzugreifen, den Krieg aber auch nicht zu beenden, sondern den Abnutzungskrieg fortzusetzen. Dafür müssten die Angriffe auf das russische Hinterland jedoch weder den Haushalt noch die russische Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt destabilisieren.
Ob Russland das erreichen kann, ist offen.
Wenn sich die Lage verschlechtert, dürfte der Kreml vor einer Wahl zwischen zwei Alternativen stehen. Wie die Praxis zeigt, kann eine solche Entscheidung in Moskau lange hinausgezögert werden. Danach können die Beschlüsse aber scharf und für viele überraschend ausfallen – wie der Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 oder die Mobilmachung im September 2022.
Die nächsten Monate dürften deshalb für den weiteren Kriegsverlauf entscheidend werden. Kann Russland die ukrainischen Angriffe eindämmen und damit die Strategie des Abnutzungskriegs fortsetzen? Wird Trump Selenskyj unter Druck setzen, die Bedingungen von Anchorage zu erfüllen? Und falls weder das eine noch das andere geschieht: Welchen Weg wählt Putin dann – Eskalation oder einen Waffenstillstand entlang der Frontlinie?




Diskussion
Kommentare
Bitte bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema.
Registrieren oder anmelden, um mitzudiskutieren.
Registrieren oder anmelden