Eines der rätselhaften Phänomene der aktuellen Kriegsphase ist das ständige Bestreben von Wolodymyr Selenskyj, sich persönlich mit Wladimir Putin zu treffen, um, wie er in seinem jüngsten Schreiben formulierte, den Krieg «im Format von Verhandlungen zwischen uns und Ihnen» zu beenden, da «genau die Staatschefs die Schlüsselfragen entscheiden – so war es und so wird es immer sein».

Doch welche «Schlüsselfragen» will Selenskyj bei einem Treffen mit Putin eigentlich lösen?

Die öffentlich bekannten Positionen Kiews und Moskaus sind gut bekannt und wurden in Verhandlungsgruppen vielfach diskutiert, zuletzt in einem trilateralen Format unter Beteiligung der USA. Ebenso ist bekannt, dass sie grundlegend nicht übereinstimmen.

Selenskyj sagt, der Krieg müsse entlang der Frontlinie beendet werden, danach sollten Verhandlungen über ein Friedensabkommen beginnen. Zugleich lehnt er es ab, zusätzliche territoriale Zugeständnisse oder Änderungen in der Innenpolitik zu diskutieren.

Moskau besteht dagegen auf dem Abzug der ukrainischen Streitkräfte aus dem Gebiet Donezk als Bedingung für eine Feuerpause und hat zudem einen eigenen Forderungskatalog zu Änderungen der ukrainischen Innenpolitik, etwa bei Sprache und Kirche, sowie der Aussenpolitik, insbesondere bei NATO und Neutralität. Putin erklärt seinerseits, ein Treffen mit Selenskyj nicht auszuschliessen, aber nur, falls dieser bereit sei, solche oder ähnliche Bedingungen zu unterschreiben, einschliesslich eines Truppenabzugs aus dem Donbass.

Auch die Argumente, mit denen beide Seiten den Gegner zur Annahme ihrer Bedingungen bewegen wollen, sind bekannt. Russland verweist darauf, dass es die Initiative an der Front halte und die Bedingungen später nur schlechter würden. Selenskyj wiederum sagt, er werde die Angriffe auf Russland verstärken und Russland werde bald vollständig erschöpft sein.

Unter solchen Voraussetzungen, bei kategorischen Gegensätzen in den Positionen, finden Treffen auf höchster Ebene in der Regel nicht statt, weil das Ergebnis praktisch von vornherein null wäre, zumal es um zwei Personen geht, die einander offenkundig hassen.

Was ein solches Treffen theoretisch bringen könnte

Ein anderer, produktiver Ausgang eines Treffens wäre theoretisch nur in zwei Fällen möglich: wenn die Seite, die es initiiert, also Selenskyj, bereit ist, ihre öffentlich vertretene Position zu ändern, oder wenn sie der Gegenseite Argumente anbieten kann, damit diese ihre Position akzeptiert.

Solche Angebote und Argumente müssten dabei einen derart «intimen» Charakter haben, politisch gesprochen, dass sie Putin weder über ukrainische Unterhändler noch über ausländische Vermittler übermittelt werden können, um seine Reaktion vorab auszuloten, sondern nur bei einem Vieraugengespräch ohne zusätzliche Zuhörer ausgesprochen werden sollten.

Das heisst: Selenskyj müsste Putin etwa anbieten, die Truppen aus dem Donbass abzuziehen, dafür aber im Gegenzug etwas Bestimmtes verlangen. Oder umgekehrt sagen: Wenn Russland bereit ist, den Krieg entlang der Frontlinie zu stoppen, wäre er im Gegenzug zu weitreichenden politischen Zusagen bereit, etwa zu einer Rolle als eine Art «ukrainischer Iwanischwili», zur schrittweisen Schwächung der Nationalisten und zu Garantien, dass Russland von der Ukraine künftig weder militärische noch geopolitische Probleme zu erwarten habe und Kiew nicht der NATO beitreten werde.

Jede dieser Varianten wirkt derzeit allerdings schon deshalb fantastisch, weil Putin Zusagen und Garantien Selenskyjs kaum glauben dürfte, so wie umgekehrt auch Selenskyj russischen Zusagen kaum trauen würde. Und selbst wenn beide Seiten sich auf einen «Deal» verständigen würden, wäre keineswegs sicher, dass Selenskyj seinen Teil der Abmachungen umsetzen und die Lage in der Ukraine unter Kontrolle halten könnte, angesichts des starken äusseren Einflusses und der schwierigen innenpolitischen Situation mit Korruptionsskandalen und anderem.

Völlig ausschliessen lässt sich derzeit zwar wenig. Dennoch erscheint die Wahrscheinlichkeit solcher Szenarien äusserst gering.

Ein Signal an Trump, Europa und Russland

Plausibler wirkt deshalb eine andere Erklärung: Das Schreiben und andere Äusserungen Selenskyjs über die Notwendigkeit eines persönlichen Treffens mit Putin bedeuten demnach nicht, dass der ukrainische Präsident wirklich hofft, den russischen Präsidenten zu treffen und mit ihm etwas Konkretes zu vereinbaren. Vielmehr hätten sie vor allem einen Informations- und Signalcharakter. Sie sollen zeigen, dass nicht Kiew, sondern der Kreml den Friedensprozess bremst.

Die wichtigsten Adressaten dieser Botschaft seien Donald Trump, damit er sich vom «Geist von Anchorage» entfernt, die ukrainische Gesellschaft, in der der Wunsch nach einem raschen Frieden zunimmt, und die russische Gesellschaft, in der Kriegsmüdigkeit und die Frage wachsen, warum der Krieg überhaupt noch weitergeht. Letztere Zielgruppe dürfte beim jüngsten Schreiben sogar die wichtigste gewesen sein, da es zahlreiche Anspielungen auf Stimmungen in Russland enthielt und diese Tendenzen offenbar verstärken sollte.

Nach einer weiteren in den vergangenen Tagen geäusserten Version sollte das Schreiben zudem den Europäern die Sinnlosigkeit von Verhandlungen mit Putin vor Augen führen, über die in der EU zuletzt häufiger gesprochen wurde. Zwar erklären europäische Staaten, sie würden sich bei den Bedingungen zur Beendigung des Krieges an Kiew orientieren. In der Ukraine werden jedoch Befürchtungen geäussert, dass Europäer aus eigenen Interessen in Gesprächen mit Moskau zu deutlich grösseren Zugeständnissen bereit sein könnten, als Kiew es möchte. Als Beispiel dafür wurde der frühere Aussenminister Dmytro Kuleba genannt. Deshalb ist nicht ausgeschlossen, dass Selenskyj diese Möglichkeit vorsorglich weiter verkleinern will.

Das Schreiben selbst, das offenkundig in einem betont herabsetzenden Ton gegenüber Putin gehalten war, scheint gerade darauf berechnet gewesen zu sein, dass der russische Präsident die darin enthaltenen Vorschläge – eine Feuerpause entlang der Frontlinie und ein persönliches Treffen – mit Sicherheit zurückweist, selbst wenn er sie davor theoretisch hätte erwägen können.

Warum die Debatte um die Frontlinie so heikel ist

Seit Selenskyj und die Europäer im Frühling 2025 unter dem Druck Trumps einer Beendigung der Kämpfe entlang der Frontlinie zustimmten, zielten viele ihrer Initiativen darauf ab, gerade eine Zustimmung Putins zu diesem Modell zu verhindern. Sichtbare Anzeichen dafür, dass der Kreml dazu bereit wäre, gab es zwar ohnehin nicht, da Moskau stets weitreichendere Forderungen stellte. Offenbar hielten Kiew und die Europäer die Möglichkeit einer russischen Zustimmung zu einem Waffenstillstand entlang der Front aber nicht für völlig ausgeschlossen und versuchten deshalb, eine Situation zu schaffen, in der es für Russland äusserst demütigend wäre, dieses Angebot anzunehmen.

Diese Linie zeigte sich schon beim inzwischen fast vergessenen «Ultimatum» von Selenskyj, Emmanuel Macron, Keir Starmer und Friedrich Merz mit der Forderung an Putin, am 12. Mai 2025 einen Waffenstillstand auszurufen. Das jüngste Schreiben erscheint als Fortsetzung derselben Logik.

Auch innerhalb Russlands wird aktiv die These verbreitet, ein Waffenstillstand entlang der Frontlinie wäre eine «Kapitulation» Russlands. Nach dieser Sicht trifft das jedoch nicht zu: Formal wäre ein solcher Ausgang ein militärischer Sieg Moskaus, weil Russland einen Teil des Territoriums des Nachbarstaats besetzt hätte, ohne eigenes Territorium zu verlieren, und genau so würde es die Mehrheit der Russen wahrnehmen. Zudem würden damit enorme Risiken wegfallen, die der gegenwärtige Abnutzungskrieg für Russland mit sich bringt, während die ursprünglichen Kriegsziele ohne radikale Szenarien wie einen Atomkrieg oder eine totale Mobilmachung schwer erreichbar erscheinen, was wiederum für Russland selbst grosse Gefahren bergen würde.

Selbst wenn kein tragfähiges Friedensabkommen erreicht würde und die Lage in einen eingefrorenen Konflikt oder in eine Form hybrider Kriegführung überginge, wie im Donbass in den Jahren 2015 bis 2021, würde dies für Russland deutlich weniger Ressourcen und Anstrengungen erfordern als der heutige umfassende Krieg. Für die Ukraine wäre ein solcher Zustand zugleich gefährlicher als für Russland. Darüber hinaus könnte Moskau im Gegenzug für seine Zustimmung zu einer Feuerpause von Trump viel erhalten, der vor den Kongresswahlen ein Ergebnis brauche – und dabei gehe es nicht nur um Sanktionen.

Die Frage der Deutung

Wenn tatsächlich jemand die Aufgabe hätte, Putin zu einer Zustimmung zu einer Beendigung des Krieges entlang der Frontlinie zu bewegen, dann wäre der naheliegendste Weg, ihm zu vermitteln, dass ein solcher Ausgang ein Sieg für Russland und für ihn persönlich wäre. Ukrainische Amtsträger werden mit solchen Thesen selbstverständlich nicht auftreten, doch im Westen und innerhalb Russlands selbst könnte dieses Thema durchaus vorangetrieben werden, etwa im Vergleich mit Stalins Entscheidung von 1940, auf die ursprüngliche Kontrolle über ganz Finnland zu verzichten und sich mit dem «Spatz in der Hand» zu begnügen – der Verschiebung der Grenze weg von Leningrad.

Stalin habe damals bereits verstanden, dass früher oder später ein grosser Krieg mit Deutschland komme. Unter dieser Perspektive wäre ein langes und zermürbendes Ringen mit Finnland für die Sowjetunion äusserst gefährlich gewesen. Auch heute wächst die geopolitische Spannung in der Welt schnell. Unter solchen Bedingungen in einem Abnutzungskrieg mit der Ukraine zu bleiben, birgt für Russland enorme Risiken.

Doch genau diese Argumentationslinie wird derzeit weder in Russland noch ausserhalb davon aktiv vorangetrieben. Weit lauter ist die These zu hören, ein Kriegsende entlang der Frontlinie wäre eine Demütigung und Kapitulation Putins. Das ist zwar nicht der einzige, aber einer der Faktoren, die diese Idee aus Sicht des Kremls von vornherein unannehmbar machen.

Vor diesem Hintergrund tauchen immer wieder Zweifel auf, ob Selenskyj und die Europäer tatsächlich ein möglichst schnelles Kriegsende entlang der Front wollen oder ob sie darüber nur in der Erwartung sprechen, dass Russland ein solches Angebot ohnehin zurückweist. Ganz ausschliessen lässt sich diese Logik nicht. Objektiv wäre es für Kiew jedoch sehr schwer, einen vollständigen Kurswechsel zu vollziehen und eine Feuerpause abzulehnen, falls der Kreml doch zustimmen sollte. Das gilt zumindest so lange, wie in den USA Trump an der Macht ist, der aus verschiedenen Gründen weiterhin ein Ende des Krieges will. Sollte sich das Konzept in Washington ändern und dort entschieden werden, dass eine Verlängerung des Krieges den USA nützt, wäre ein Ende der Kämpfe um ein Vielfaches schwieriger zu erreichen als jetzt. Das Zeitfenster für Entscheidungen könnte also nicht besonders gross sein.