In letzter Zeit gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass Kiew die Drohnenangriffe auf die nahen rückwärtigen Gebiete der von Russland besetzten Territorien ausgebaut hat.
Bereits zuvor wurde bekannt, dass die von Russland eingesetzten «Behörden» im Gebiet Cherson den Verkehr auf einer der wichtigsten Strassen eingeschränkt haben, die von Melitopol Richtung Krim führen. Russische Militärblogger berichteten zudem schon Anfang Mai über Angriffe von Hornet-Drohnen auf die Strecke Mariupol-Donezk.
Ähnliche Hinweise auf solche «Mittelstrecken-Schläge» tauchen auch immer häufiger in ukrainischen Militärkanälen und auf Seiten einzelner Einheiten auf, darunter bei Asow. Dort wird erklärt, dass Angriffe auf die bisher vergleichsweise sicheren Strassen Mariupol-Taganrog und Mariupol-Wolnowacha geführt werden.
Gestern kündigte Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow an, die Ukraine wolle im Hinterland der russischen Armee einen «logistischen Lockdown» auslösen. Er sagte, die Ukraine habe in den vergangenen Monaten ihre Drohnenangriffe auf Lagerhäuser, Technik, Kommandoposten und Versorgungsrouten in operativer Tiefe – also bis rund 200 Kilometer hinter der Frontlinie – vervierfacht. Sichtbarere Resultate stellte Fedorow für den Sommer in Aussicht.
Ziele und bisherige Wirkung
Asow erklärte gegenüber ukrainischen Medien, man rechne nicht damit, die russische Logistik vollständig abzuschneiden. Man hoffe aber, bis zu 70 Prozent des Güterflusses auf den wichtigsten Strassen im russischen Hinterland im Süden der Ukraine treffen zu können – von Mariupol bis zur Einfahrt auf die Krim. So könnte eine teilweise landgestützte Isolation der Halbinsel entstehen.
Welches Schadensausmass derzeit tatsächlich erreicht wird, teilen die ukrainischen Streitkräfte allerdings nicht mit.
Der französische OSINT-Forscher Clément Molin schreibt, dass es in letzter Zeit auf der Strecke zwischen Mariupol und Russland etwa 20 Treffer gegeben habe. Das liegt freilich noch weit von den genannten Zielen entfernt. Nach Molins Angaben laufen auch rund um Donezk intensive Angriffe auf Strassen. Dabei geht es um eine operative Tiefe von 70 bis 130 Kilometern hinter der Frontlinie.
OSINT steht für Open Source Intelligence, also die Auswertung öffentlich zugänglicher Informationen wie Karten, Bilder, Videos oder Satellitendaten.
Drohnen, Gegenmassnahmen und russische Taktik
Russische Militärbeobachter schreiben, die wichtigste Schlagkraft dieser «Mittelstrecken-Schläge» seien die bereits erwähnten amerikanischen Drohnen vom Flugzeugtyp Hornet. Nach diesen Angaben untersuchen russische Militärs derzeit, wie sich diese Systeme durch elektronische Kampfführung stören lassen. Die Hornet-Drohnen sollen versuchen, solche Störungen zu umgehen, indem sie mit blinden Zonen im Funkfrequenzbereich arbeiten.
Zugleich schreiben russische Militärkanäle, dass FP-1-Drohnen den Hornet-Systemen den Weg öffnen. Diese würden eingesetzt, um Luftabwehrsysteme anzugreifen, was den Russen die Sicherung wichtiger Strassen aus der Luft danach erschwere.
Zu dieser Bedrohung gibt es bereits zahlreiche Veröffentlichungen in russischen Militärkanälen. Noch führen solche Angriffe wegen ihrer vergleichsweise geringen Zahl jedoch nicht zu kritischen Problemen bei der Versorgung der russischen Armee.
Ernsthafte Probleme könnten entstehen, wenn die Ukraine – wie von Fedorow angekündigt – ihre Angriffe auf die operative Logistik Russlands um ein Mehrfaches steigern kann. Vor allem dann, wenn Moskau grössere Manöver mit Technik oder umfangreiche Truppenverlegungen unternimmt, die sich wegen der Masse der Bewegungen schwerer vor Angriffen schützen lassen.
Russland schlägt seit Monaten ähnlich zu
Russland hat allerdings deutlich früher mit systematischen Angriffen auf die ukrainische Logistik in operativer Tiefe begonnen. Seit mehreren Monaten gibt es eine Welle von Treffern auf Eisenbahnlinien und Tankstellen in frontnahen Gebieten, zudem brennen in grosser Zahl Lastwagen aus. Eine ähnliche Lage zeigt sich in den Gebieten Charkiw, Dnipropetrowsk, Sumy, Saporischschja und Cherson.
Für solche Angriffe setzen die Russen ein ganzes Arsenal ein – von modernisierten FPV-Drohnen mit einer Reichweite von 30 bis 50 Kilometern über neuere Versionen der Lancet-Drohnen mit bis zu 80 Kilometern bis zu Italmass-Drohnen, denen nach einigen Einschätzungen Angriffe auf Distanzen bis 150 Kilometer möglich sind.
Die ukrainische Aktivität bei diesen «Mittelstrecken-Schlägen» ist damit im Kern eine Antwort auf vergleichbare russische Vorgehensweisen. Entscheidend ist nun, wer sich in diesem Wettstreit in mehreren Punkten durchsetzen kann: bei der Fähigkeit, Angriffe auszuweiten, die Produktion oder Beschaffung der nötigen Drohnen zu steigern, ihre Qualität und Navigation zu verbessern, Ziele besser aufzuklären, Gegenmassnahmen zu entwickeln und die Logistik so umzubauen, dass Verluste kleiner ausfallen.
Kein dauerhafter «Gamechanger»
Zumal beide Kriegsparteien auf diesem Feld inzwischen beträchtliche Erfahrung gesammelt haben.
Das reicht von Systemen zum Stören oder Abschiessen von Drohnen bis zu Antidrohnen-Netzen über Strassen sowie der Praxis, militärische Güter und Personal mit zivilem Transport zu befördern. Letzteres garantiert zwar keinen Schutz vor Angriffen – Drohnenbediener treffen auch zivile Fahrzeuge –, erhöht aber die Zahl möglicher Ziele stark und zerstreut so die Aufmerksamkeit des Gegners.
Insgesamt hat die Kriegserfahrung bereits mehrfach gezeigt, dass jeder vermeintliche «Gamechanger» relativ rasch an Wirkung verliert, weil Gegenmittel gefunden werden oder der Gegner ähnliche Fähigkeiten entwickelt. Selbst nach Cherson fahren Fahrzeuge trotz ständiger Drohnenangriffe aus dem Hinterland ein. In noch grösserer Entfernung von der Front könnte die Wirkung solcher Attacken daher noch geringer sein.
Damit die Folgen dieser «Mittelstrecken-Schläge» für die militärischen Anstrengungen wirklich kritisch würden, müssten sie um Dutzende oder sogar Hunderte Male häufiger erfolgen als bisher. Ob das gelingt – und falls ja, der Ukraine oder Russland –, dürfte eine der wichtigsten Fragen dieses Krieges sein.




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