Kiew erneut im Zentrum des Angriffs
Das Hauptziel des neuen massiven Luftangriffs war erneut Kiew. Nach Angaben von Wolodymyr Selenskyj flogen 60 der insgesamt 70 gestarteten Raketen auf die Hauptstadt. Er erklärte zudem, die Ukraine habe am Vortag eine neue Lieferung von Abfangraketen für Patriot-Systeme erhalten.
Nach Angaben der ukrainischen Streitkräfte wurden fünf von sechs Hyperschallraketen vom Typ Zirkon abgeschossen. Zudem seien 15 von 34 ballistischen Raketen vom Typ Iskander-M beziehungsweise S-400 sowie alle 30 Marschflugkörper vom Typ Ch-101 und Iskander-K abgefangen worden. Gleichzeitig wurden rund 30 Drohnen nicht abgeschossen.
Tote, Verletzte und Schäden im Zentrum
In Kiew kamen infolge des Beschusses fünf Menschen ums Leben, rund drei Dutzend wurden verletzt. Besonders viele Einschläge gab es im Stadtzentrum. Beschädigt wurde auch das Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale der Kiewer Höhlenklosters Lawra. Zudem geriet das Dach des benachbarten Museums Mystezkyj Arsenal in Brand.
Selenskyj erklärte, die Lawra sei gezielt von einer Drohne angegriffen worden, und kündigte eine Antwort an Russland an. Russland wiederum behauptet, auf die Kirche sei eine Rakete eines Patriot-Luftabwehrsystems gefallen, das Ziele über der Stadt abgefangen habe. Mehrere russische Z-Kanäle verbreiteten ausserdem die Behauptung, die Kathedrale sei von ukrainischen Behörden selbst in Brand gesetzt worden, um Russland die Schuld zuzuschieben.
In sozialen Netzwerken wurde zugleich die Version diskutiert, dass sowohl die Kirche als auch das Museum von Trümmern abgeschossener Drohnen oder Raketen getroffen worden sein könnten. Dafür spreche, dass an beiden Orten beinahe gleichzeitig die Dächer Feuer fingen und das Ausmass der Zerstörungen nicht dem entspreche, was bei einem direkten Treffer üblich ist.
Weitere Treffer in Kiew und Ausfälle im Stromnetz
Zu den weiteren von ukrainischer Seite gemeldeten Treffern gehören Angriffe auf mehrere Terminals der Nowa Poschta, darunter auch ein innovatives Terminal in Schuljany. Betroffen waren ausserdem Privathäuser und Wohnanlagen am linken und rechten Ufer des Dnipro, unter anderem nahe den Metrostationen Tschernihiwska und Schuljawska. Im Stadtzentrum gingen wie schon beim letzten Grossangriff in mehreren Gebäuden an der Chreschtschatyk-Strasse Fensterscheiben zu Bruch. Beschädigt wurde dabei auch die Fassade des Obersten Antikorruptionsgerichts.
Auch die Energieinfrastruktur wurde getroffen. In Kiew fiel bei 140'000 Abonnenten der Strom aus, bei den meisten wurde die Versorgung bereits wiederhergestellt.
Stand Morgen wüteten in der Hauptstadt noch mehrere Brände, die mit Helikoptern bekämpft wurden. In sozialen Netzwerken wurden Videos veröffentlicht, auf denen Kiew vollständig von Rauch eingehüllt zu sehen war. Wo genau es eingeschlagen hatte, teilten die Behörden nicht mit.
Angriffe auf Dnipro und Charkiw
Treffer wurden auch aus Dnipro und Charkiw gemeldet. In Charkiw kamen vier Rettungskräfte und ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung ums Leben, als an der Stelle eines kurz zuvor erfolgten Angriffs eine Iskander-Rakete einschlug.
Russische Darstellung der Ziele
Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte seine eigene Version der Angriffe. Demnach seien militärische Produktionen sowie TCK das Hauptziel gewesen.
Das TCK ist in der Ukraine das territoriale Zentrum für Rekrutierung und soziale Unterstützung. Es ist unter anderem für militärische Erfassung und Mobilisierungsverwaltung zuständig.
Nach russischer Darstellung wurden in Kiew unter anderem das Werk Radar, eine Werkhalle zur Drohnenproduktion auf dem Gelände der Dowschenko-Filmstudios, Bespilotnye Technologii, das Werk Majak, das Gefechtsköpfe für Flamingo herstellt, das Staatliche Werk Burewestnyk in Kiew, Ukr Armo Tech, das Kiewer Aggregatwerk und das Flugzeugreparaturwerk Nr. 410 getroffen. Auch den Angriff auf ein Terminal von Nowa Poschta bestätigte Russland.
Weiter wurden angebliche Treffer auf das Dnipro-Werk für elektromechanische Ausrüstung, auf Betriebe in Charkiw sowie auf Flugplätze in Wasylkiw, Uman, Tscherkassy und Krasnaja Slobodka gemeldet. Von ukrainischer Seite wurde dies nicht bestätigt.
Politischer Kontext der neuen Angriffe
Neue Angriffe auf die Ukraine waren sowohl im Präsidialamt in Kiew als auch im Kreml angekündigt worden. In Russland werden sie als Antwort auf verstärkte Luftangriffe der ukrainischen Streitkräfte dargestellt.
Als zwei Hauptziele der massiven Angriffe auf Kiew werden eine politische und eine innenpolitische Wirkung genannt. Zum einen soll die Ukraine zu einem Frieden zu den Bedingungen von Anchorage gedrängt werden, also zu einer Feuerpause und Verhandlungen nach dem Rückzug der ukrainischen Streitkräfte aus dem Donbass. Zum anderen soll der russischen Bevölkerung gezeigt werden, dass Moskau hart auf ukrainische Angriffe gegen die Ölindustrie und auf Versuche reagiert, die Krim vom Transport abzuschneiden.
Offen bleibt, wie schwer die ukrainische Rüstungsindustrie durch solche Angriffe tatsächlich getroffen wird. Es gibt die Einschätzung, dass die wichtigsten Produktionsketten inzwischen verteilt und teilweise nach Europa verlagert worden sind.
Der heutige Angriff auf Kiew und insbesondere die Beschädigung der Kathedrale wird von Selenskyj bereits als zusätzliches Argument für mehr Unterstützung der Ukraine und für einen Kurswechsel Donald Trumps gegenüber Russland vor dem wichtigen Treffen der G7 genutzt. Kiew und europäische Partner wollen dort erreichen, dass der US-Präsident die Logik von Anchorage verwirft und die ukrainisch-europäischen Bedingungen für ein Kriegsende unterstützt.




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