Matthews zeichnet ein düsteres Bild der Lage
Der stellvertretende Redaktor des britischen Magazins The Spectator, Owen Matthews, beschreibt die Lage der Ukraine als militärisch und politisch zunehmend kritisch. In seiner Analyse argumentiert er, dass weder Donald Trumps Ansatz noch die Erwartungen in Kiew an eine spätere Wende auf dem Schlachtfeld derzeit eine realistische Antwort auf die Entwicklung des Krieges bieten.
In gewissem Sinn irrt Trump grundlegend, wenn er glaubt, Versprechen vorteilhafter Geschäfte könnten Entscheidungen des Kreml beeinflussen. Wenn Putin die russische Wirtschaft wirklich bekümmern würde, hätte er die vollumfängliche Invasion gar nicht begonnen. Für Putin ist dieser Konflikt keine Frage des Wohlstands, sondern der Verteidigung Russlands gegen eine existenzielle Bedrohung. Zugleich täuscht sich Selenskyj ähnlich stark über die Chancen der Ukraine, Russland zu besiegen oder auch nur den langsamen, aber unerbittlichen Vormarsch des Kreml zu stoppen. Noch wichtiger ist: Solange der Kreml seine erbarmungslose Kampagne fortsetzt, ukrainische Städte unbewohnbar zu machen, die Wirtschaft des Landes zu zerstören und ihm die Zukunft zu nehmen, steht Kiews Fähigkeit zur Verteidigung ernsthaft in Frage.
Owen Matthews · The Spectator
Matthews verweist darauf, dass Russland die Produktion von Raketen und Drohnen weiter steigere, während die Möglichkeiten der ukrainischen Luftabwehr abnähmen. Als Beleg führt er eine Aussage des Beraters für Verteidigungstechnologien Serhij Beskrestnow an, wonach die Ukraine in diesem Winter nicht genügend Raketen erhalten werde, um ihre Städte umfassend zu schützen.
Der Angriff ist stärker geworden als die Verteidigung.
Serhij Beskrestnow · Berater für Verteidigungstechnologien
Geld, Personal und Vertrauen als weitere Schwachpunkte
Als weitere kritische Probleme nennt Matthews den Mangel an Geld und Personal. Nach seiner Darstellung hat Kiew bereits einen grossen Teil des Verteidigungsbudgets für 2026 ausgegeben und steht vor einer Finanzierungslücke von rund 26 Milliarden Euro. Gleichzeitig nähere sich die Ukraine einem Mangel an Patriot-Raketen, Soldaten und Mitteln, um den Krieg weiterzuführen.
Zudem verweist The Spectator auf innenpolitische Belastungen. Genannt werden Korruptionsskandale und sinkendes Vertrauen in die politische Führung. Unter Berufung auf eine Umfrage von SOCIS heisst es, viele Ukrainer sähen Korruption als grössere Bedrohung für den Staat als Russland; fast 57 Prozent machten Präsident Wolodymyr Selenskyj für ihre Verbreitung verantwortlich.
Vorwurf an Europa und Debatte über Verhandlungen
Matthews wirft den europäischen Verbündeten der Ukraine drei strategische Fehler vor: Sie kauften weiterhin russische Energieträger, lieferten Kiew nicht genügend weitreichende Waffen und Luftabwehrsysteme und verweigerten eine ernsthafte Debatte über Verhandlungen mit Moskau.
Europa spricht weiter die richtigen Worte. Aber es hat keinen konkreten Plan, wie es der Ukraine helfen oder sie vor der Wut des Kreml retten soll – und erst recht nicht, wie es die russische Wirtschaft zerschlagen oder Putins Willen brechen könnte.
Owen Matthews · The Spectator
Als Hinweise auf eine mögliche Verschiebung in Europa erwähnt Matthews Äusserungen aus Deutschland sowie Aussagen der früheren Selenskyj-Sprecherin Julija Mendel. Er argumentiert zugleich, dass spätere Friedensangebote für Kiew tendenziell ungünstiger würden. Daraus leitet er die Erwartung ab, Russland könne versuchen, den militärischen Druck auf ukrainische Städte vor einer Regelung zu seinen Bedingungen nochmals deutlich zu erhöhen.




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