Die Bestände an Patriot-Raketen in Europa befinden sich laut einer exklusiven Recherche von The Associated Press auf einem kritischen Niveau. Die Nachrichtenagentur berichtet, dass die US-Streitkräfte in Europa unter einem «kritischen» Mangel an modernen Raketenabwehrsystemen leiden, der zu einem grossen Teil durch den Krieg mit Iran verursacht worden sei. Das weckt Sorgen über die Verwundbarkeit von NATO-Staaten bei einem möglichen russischen Angriff.

Nach Angaben eines Pentagon-Vertreters betrifft der alarmierendste Engpass Patriot-Systeme, die russische ballistische Hochgeschwindigkeitsraketen abfangen können. Ein NATO-Vertreter bestätigte den niedrigen Ausrüstungsstand der amerikanischen und der NATO-Streitkräfte in Europa mit Patriot-Systemen.

Falls Russland ballistische Raketenangriffe etwa auf ein militärisches Hauptquartier oder ein Kraftwerk ausführen würde, könnte die NATO in eine ähnliche Lage wie die Ukraine geraten und wäre gezwungen, «Schlag um Schlag einzustecken», sagte ein Vertreter des Pentagon.

In Europa gebe es bei den US-Streitkräften «definitiv» nicht genug Patriot-Raketen, um einen möglichen länger andauernden Raketenangriff abzuwehren. Auch die Fähigkeit, einen einzelnen Raketenangriff oder eine versehentlich vom Kurs abgekommene russische Rakete abzufangen, sei «sehr begrenzt», sagte ein US-Beamter.

Hoher Verbrauch und langsamer Wiederaufbau

Im Verlauf des 4,5 Jahre dauernden Konflikts hätten die USA Hunderte Patriot-Raketen an die Ukraine geliefert. Der Krieg mit Iran sei jedoch der Wendepunkt gewesen, der zu einer starken Verringerung der Bestände geführt habe, sagte Ed Arnold vom Royal United Services Institute.

Die Ukraine erhielt seit 2022 Patriot-Abfangraketen aus amerikanischen und europäischen Beständen, die USA stellten demnach rund 600 solcher Raketen bereit. Der grösste Verbrauch entfiel aber auf den Zeitraum des Konflikts mit Iran. Dabei seien 65 Prozent der amerikanischen Patriot-Raketen verbraucht worden, also rund 1'500 von 2'330 Abfangraketen des Landes.

Nach Angaben von Mark Cancian vom Center for Strategic and International Studies sollen in diesem Jahr rund 600 Raketen produziert werden, darunter auch für Europa. Bis 2030 solle die Zielmarke von 2'000 Patriot-Raketen pro Jahr erreicht werden.

Die NATO erklärt, dass Europas erstes Werk zur Produktion von Patriot-Raketen voraussichtlich im September in Deutschland eröffnet wird. Die Auslieferungen könnten Anfang kommenden Jahres beginnen.

Die ersten Lieferungen sollen an Länder gehen, die bereits Bestellungen aufgegeben haben, darunter Deutschland, die Niederlande, Rumänien und Spanien, sagte ein Vertreter des US-Verteidigungsministeriums.

Derzeit bedeutet das laut Arnold, dass manche Länder wie Deutschland teure Patriot-Systeme gekauft haben, sich aber in der «absurden» Lage befinden, keine Munition dafür zu haben.

Folgen für die Ukraine und die Abschreckung

Arnold zufolge wird Moskau wahrscheinlich nicht in der Lage sein, gleichzeitig über längere Zeit Luftangriffe auf NATO-Ziele zu führen und fast jede Nacht Schläge gegen die Ukraine auszuführen.

Die jüngsten ukrainischen Angriffe auf Russland hätten zudem Schwächen in der russischen Luftabwehr sichtbar gemacht. Das könne Wladimir Putin dazu bringen, einen Gegenschlag genauer zu bedenken, bevor er eine Eskalation riskiert.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass vielleicht das beste Luftverteidigungssystem, das wir haben, die Probleme Russlands selbst sind.

Ed Arnold · Royal United Services Institute

Die Ukraine fordert von westlichen Partnern derzeit weitere Lieferungen von Abfangraketen für Patriot-Systeme. Nach dieser Darstellung dürfte das jedoch äusserst schwierig werden.