Dauerangriffe auf Kiew
Neben massiven Angriffen auf Lagerhäuser und die Handelslogistik setzt Russland wieder auf eine Taktik, die bereits im Mai erstmals angewendet wurde: rund um die Uhr laufende Angriffe mit «Schahed»-Drohnen. Besonders betroffen sind Kiew und die Region um die Hauptstadt.
Die ukrainischen Streitkräfte registrieren insgesamt einen Anstieg der Zahl angreifender Drohnen. In dieser Woche lag ihre Zahl pro Nacht zweimal über 250. Nach offiziellen ukrainischen Angaben konnten bei jedem dieser Angriffe etwa 30 bis 35 Drohnen nicht abgeschossen werden.
Am heutigen Tag wurde die Ukraine zudem noch tagsüber mit weiteren 224 Drohnen angegriffen, von denen 25 nicht abgeschossen werden konnten. Eine Woche zuvor hatte die Zahl der eingesetzten Drohnen kein einziges Mal die Marke von 200 erreicht.
Die Taktik der «Karussell»-Angriffe
Entscheidend ist dabei nicht nur die Zahl, sondern die Art des Einsatzes. Die Drohnen greifen in kleinen Gruppen oder sogar einzeln an, aus verschiedenen Richtungen und gleichzeitig gegen mehrere Ziele. Dieses «Karussell» dauert stundenlang an und läuft fast ohne Unterbruch. In Kiew dauern die Luftalarme inzwischen 11 bis 13 Stunden und damit fast die Hälfte des Tages.
Die Einschläge in Lagerhäusern und an anderen Objekten stehen mit dieser Taktik vermutlich nicht direkt in Zusammenhang. Diese Angriffe laufen gesondert weiter und erfolgen meist in den Nachtstunden, wenn Drohnen schwerer abzufangen sind. Die Angriffe am hellen Tag in Kiew dürften dagegen anderen Zielen dienen.
Belastung für Luftabwehr und Wirtschaft
Ein Ziel ist offenbar, die Wirksamkeit der ukrainischen Luftabwehr zu senken, die durch die ständigen Angriffe überlastet wird.
Dazu kommt, dass der Anteil reaktiver «Schahed»-Drohnen zunimmt. Sie sind für mobile Feuergruppen schwerer abzufangen und können nicht mit Abfangdrohnen bekämpft werden. Reaktive Drohnen fliegen höher und schneller und manövrieren besser. Dazu tragen auch die ständige Verbindung zu einem Operator und eine bessere Ausrüstung mit KI-Mitteln bei, wie ukrainische Experten bereits eingeräumt haben.
Wenn im Frühling der Anteil reaktiver «Geran»-Drohnen noch bei 25 bis 30 Prozent lag, stellen sie laut offizieller Mitteilung der Luftstreitkräfte vom heutigen Tag inzwischen bereits die Mehrheit. Die Ukraine hat wiederholt gemeldet, dass Russland die Produktion dieser Modelle ausgebaut hat.
Eine erschöpfte Luftabwehr könnte danach auf andere, noch massivere Angriffe schlechter reagieren.
Zugleich verschlechtern diese Angriffe das Leben in Kiew spürbar. Die Stadt wird durch die ständigen Alarme gelähmt. Besonders betroffen ist die Wirtschaft, die ihre Arbeit während der Angriffe unterbrechen muss. Das erhöht den Druck zusätzlich auf den Einzelhandel, der nach russischen Angriffen auf Lagerhäuser ohnehin bereits schwere Schäden erlitten hat.
Während Unternehmen in den vergangenen Jahren vor allem im Winter hohe Verluste hinnehmen mussten, wenn es Ausfälle bei Strom und Heizung gab, haben die Probleme in diesem Jahr deutlich früher begonnen. Gleichzeitig bleibt der kommende Winter bestehen, der nach Prognosen der Behörden der schwierigste der Geschichte werden könnte.
Politischer Druck
Der russische Plan könnte demnach darin bestehen, grosse Unternehmen und die ukrainische Wirtschaft insgesamt zusätzlich unter Druck zu setzen. Das soll offenbar den Druck auf Präsident Wolodymyr Selenskyj erhöhen, den Krieg zu russischen Bedingungen zu beenden.
das Ziel dieser Angriffe ist es, den Zorn der Menschen auf die Regierung zu lenken
Dmytro Kuleba · ehemaliger ukrainischer Aussenminister
Zugleich wurden bereits Überlegungen der ukrainischen Führung dargelegt, wonach Verluste für die Wirtschaft unter Bedingungen umfassender westlicher Unterstützung als hinnehmbar betrachtet werden. Diese Strategie bleibt jedoch riskant: Sie könnte die ukrainische Wirtschaft schwer beschädigen, ohne dass gesichert wäre, dass der Westen ihren Wiederaufbau nach Kriegsende finanziert. Ebenso wenig ist garantiert, dass die Hilfe bis zum Ende des Krieges stabil bleibt. Auch das ist für die Ukraine ein erhebliches Risiko.




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