Angriffe als Versuch, Moskaus Kurs zu durchbrechen
Der Angriff auf einen Ölumschlagkomplex in St. Petersburg wird vor dem Hintergrund des dort eröffneten Wirtschaftsforums zwar auch als symbolischer Schlag wahrgenommen. Im weiteren Sinn ist er jedoch Teil eines umfassenderen Versuchs, Wladimir Putin aus seiner politischen Komfortzone zu holen und den trägen, auf Abnutzung angelegten Kriegsverlauf zu stören.
Die russische Strategie besteht demnach derzeit nicht in plötzlicher Eskalation, sondern eher darin, den bisherigen Kurs fortzusetzen: schrittweiser Druck an der Front, Auffüllen der Armee über Vertragsdienst statt über eine neue Mobilisierung, Zerstörung ukrainischer Infrastruktur und zugleich das Bemühen, in Russland selbst den Eindruck eines weitgehend normalen Lebens aufrechtzuerhalten. Foren, Wahlen, Stadtentwicklung und steigende Löhne sollen das Gefühl stützen, dass der Alltag weitergeht und sich sogar verbessert.
Diese Strategie beruht auf der Vorstellung des Kremls, dass die Zeit für Russland arbeitet. Hohe Ölpreise stärken die russische Finanzlage, während Europa, von dessen Hilfe Kiew stark abhängt, zusätzlich belastet wird.
Auf der Bankowa wird das Risiko eines solchen Trägheitsszenarios offenbar ebenfalls gesehen. Deshalb versucht Kiew, diesen Verlauf zu durchbrechen und Moskau zu zeigen, dass ein langer Krieg teuer werden kann, indem Infrastruktur und Logistik ins Visier genommen werden.
Die Bankowa ist in der Ukraine eine geläufige politische Kurzbezeichnung für das Präsidialamt in Kiew. Gemeint ist die Strasse Bankowa, an der sich der Sitz des Präsidenten befindet.
Die offizielle Linie Kiews lautet, dass solche Angriffe den Kreml zu einem Kriegsstopp entlang der Front bewegen sollen.
Drei mögliche Druckpunkte
Als potenziell gefährlich für Russland werden dabei drei Richtungen genannt.
Erstens: Angriffe auf den Ölexport. Seit März haben sie zugenommen. Trotz spektakulärer Bilder von Bränden haben sie bisher weder die Einnahmen des russischen Haushalts noch das Exportvolumen deutlich gesenkt. Laut Statistik sind beide Werte sogar gestiegen, begünstigt durch die Energiekrise rund um den Persischen Golf. Auf den Haushalt wirkt sich das nur begrenzt aus, weil Steuern aus dem Ölsektor in Russland bereits bei der Förderung und nicht erst beim Export erhoben werden. Beschädigte Terminals werden zudem offenbar relativ rasch repariert.
Zweitens: ukrainische Drohnenangriffe auf mittlere Distanz von 100 bis 150 Kilometern. Sie treffen die russische Logistik und haben bereits zu Problemen mit Treibstoff auf der Krim und im Gebiet Luhansk geführt. Zugleich entsteht eine Gefahr für den Personenverkehr, etwa durch Angriffe auf Busse. Bisher handelt es sich um Dutzende Fälle, die den Verkehr in dieser Zone nicht vollständig lahmlegen, aber doch spürbare Schwierigkeiten verursachen. Auf der Krim lassen sich diese vorerst durch zusätzliche Treibstofflieferungen über die Krim-Brücke oder per Fähre abfedern.
Drittens: Angriffe auf Raffinerien. Das gilt derzeit als die gefährlichste Richtung für Russland. Das genaue Ausmass der Schäden ist unklar, doch es gibt indirekte Hinweise auf einen möglichen ernsten Mangel. Treibstoffabgabebeschränkungen wurden nicht nur auf der Krim eingeführt, sondern auch in Moskau, im Moskauer Gebiet und in weiteren Regionen. Ein flächendeckender Mangel ist zwar bislang nicht zu sehen, doch Kommersant schreibt, dass bei ausbleibender Verbesserung der Lage in der Ölverarbeitung bereits ab August in vielen Regionen Engpässe spürbar werden könnten.
Drohnenabwehr, Raffinerien und die Grenzen konventioneller Angriffe
Raffinerien werden zwar repariert und wieder in Betrieb genommen, zugleich gehen die Angriffe aber weiter. Ein Teil des Problems könnte womöglich durch mehr Treibstoffimporte aus Belarus und Kasachstan abgefedert werden. Ob diese Mengen im Fall wachsender Defizite ausreichen würden, bleibt offen.
Ein zentrales Problem ist, dass bisher niemand gelernt hat, bei einem massierten Angriff auf ein Ziel wirklich alle Drohnen abzufangen. Weder Russland noch die Ukraine noch die Staaten am Persischen Golf mit ihren modernen Luftabwehrsystemen verfügen über eine vollständig wirksame Lösung. Methoden der Abwehr lassen sich zwar verbessern, aber ob und wann die Quote auf 100 Prozent steigen könnte, ist ungewiss.
Umgekehrt ist es für Russland mit konventionellen Waffen ebenfalls schwierig, der Ukraine einen wirklich kritischen Schaden zuzufügen. Zwar sind ukrainische Raffinerien weitgehend ausgeschaltet, andere Objekte werden regelmässig angegriffen und zuletzt wurde Kiew deutlich häufiger beschossen. Das verursacht schwere Schäden, hat die Fähigkeit der Ukraine zur weiteren Kriegsführung bislang aber nicht entscheidend gebrochen, auch weil Kiew auf europäische Finanzierung und Lieferungen angewiesen ist. Kritisch wäre vor allem ein totaler und lang andauernder Blackout, den Russland trotz ständiger Angriffe auf die Energieinfrastruktur bisher nicht erreichen konnte.
Welche Entscheidungen dann im Kreml anstehen könnten
Sollte es Moskau nicht gelingen, die Folgen dieser Schläge einzuhegen, und sollte zugleich kein schwerer Rückschlag für die Ukraine eintreten, etwa durch den Ausfall bereits zugesagter europäischer Hilfe oder einen Frontkollaps, dann könnte der Kreml mit zunehmendem Druck vor einer Wahl stehen: ein Kriegsstopp entlang der Front oder aber nukleare Eskalation und, falls sich die Lage direkt an der Front verschlechtert, möglicherweise auch Mobilisierung.
Innerhalb Russlands sind die Stimmungen dabei uneinheitlich. Erwähnt wird das Phänomen einer sogenannten Partei der Unruhe: ein Netzwerk von Z-Bloggern, das früher Jewgeni Prigoschin unterstützt haben soll und nun die Stimmung rund um ukrainische Schläge und die Kriegslage anheizt, Putin und das Armeekommando kritisiert und offen für den Einsatz von Atomwaffen plädiert.
Mit Z-Bloggern sind in Russland meist militärnahe, ultrapatriotische Kriegsblogger gemeint, die den Angriffskrieg unterstützen, aber den Staat oder die Armeeführung zugleich wegen angeblicher Schwäche kritisieren.
Noch führen weder ihre Aktivität noch die Bemühungen Kiews und des Westens zu einer Destabilisierung in Russland. Sollte es jedoch zu ernsthaften Problemen bei Wirtschaft und Staatshaushalt kommen, könnte sich das ändern. Ein Teil der Bevölkerung ist des Krieges bereits müde, versteht seine Fortsetzung nicht und reagiert unzufrieden auf Einschränkungen und wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Ein Einfrieren entlang der Front würde in Russland weitgehend als Sieg wahrgenommen: als Eroberung eines Teils des Nachbarlandes ohne Verlust eigenen Territoriums. Zudem könnte Moskau seine Zustimmung zu einem solchen Schritt gegen weitreichende Zugeständnisse eintauschen. Gleichzeitig gibt es bisher keine klaren Hinweise darauf, dass der Kreml einen solchen Weg tatsächlich erwägt. Dmitri Peskow bekräftigte erst vor wenigen Tagen, für ein Kriegsende sei der Abzug ukrainischer Truppen aus russisch beanspruchten Regionen nötig.
Das Risiko weiterer Eskalation
Parallel dazu wird in der Ukraine, im Westen und in Russland verstärkt die These verbreitet, Kiew habe an einem Stopp entlang der Front kein Interesse mehr und wolle wieder die Grenzen von 1991 erreichen. Der Text hält das derzeit für wenig wahrscheinlich. Die Lage an Front und im Hinterland bleibe trotz gegenteiliger Aussagen von der Bankowa äusserst schwierig, und auch die Stabilität westlicher Hilfe sei nicht garantiert.
Hinzu kommt die Haltung Washingtons, dass der Krieg beendet werden müsse. Weder Kiew noch Europa würden sich dem offen widersetzen. Sollte sich die Position in Washington ändern und ein längerer Krieg dort als vorteilhaft gelten, könnte sich auch die Linie Kiews ändern. Im Moment aber sieht Donald Trump den Nutzen eher in einem Ende des Krieges.
Als zentraler Punkt gilt aus Sicht des Kremls, dass Russland schon wegen seines grossen Atomwaffenarsenals theoretisch nicht gegen die Ukraine verlieren könne. Sollten sich die Probleme an Front oder im Hinterland drastisch verschärfen, könnte Moskau jederzeit zu nuklearen Mitteln greifen. Gerade deshalb erscheine die Erzählung, die Ukraine wolle nun doch wieder bis zu den Grenzen von 1991 kämpfen, auch als möglicher Versuch, Putin zu einer nuklearen Eskalation oder zu einem Angriff auf Europa zu drängen.
Noch ist ein solcher Kipppunkt nicht erreicht, und es ist offen, ob er überhaupt eintritt. Dennoch wächst mit der Länge des Krieges aus dieser Sicht auch das Risiko einer weiteren Eskalation bis hin zur nuklearen.




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