Um die russische Wirtschaft wird derzeit wieder in Extremen diskutiert.
Die eine Lesart lautet: Russland steht kurz vor dem wirtschaftlichen Bruch. Das Budgetdefizit wächst, die Einnahmen aus Öl und Gas sinken, der hohe Leitzins belastet Unternehmen, Sanktionen wirken mit Verzögerung, und ukrainische Angriffe auf Raffinerien führen zu Treibstoffproblemen.
Die andere Lesart lautet: Diese Krisendiagnose ist überzogen. Die Wirtschaft läuft weiter, Löhne steigen, die Arbeitslosigkeit ist sehr tief, Exporte gehen weiter, Sanktionen werden umgangen, und Moskau kann den Krieg weiterhin finanzieren.
Ein aktueller Text von The Economist ist deshalb interessant, weil er genau diesen ersten Automatismus infrage stellt. Die Zeitschrift schreibt nicht, dass Russlands Wirtschaft gesund sei. Sie argumentiert nüchterner: Russlands Kriegswirtschaft hat ernste Probleme, steht aber nicht unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Der zentrale Satz lautet sinngemäss: Wladimir Putin kann seinen Krieg weiterhin finanzieren. (economist.com)
Warum wieder vom Kollaps die Rede ist
Gründe für diese Debatte gibt es genug.
Im ersten Quartal 2026 schrumpfte Russlands BIP nach offiziellen Angaben leicht im Vergleich zum Vorjahr. Das Budgetdefizit ist stark gestiegen. Die Öl- und Gaseinnahmen lagen deutlich unter dem Vorjahresniveau. Der hohe Leitzins bremst Kredite und Investitionen. Besonders Bauwirtschaft, Teile des Detailhandels, kleine und mittlere Unternehmen sowie zivile Branchen spüren, dass der Kriegsboom der Jahre 2023 und 2024 an Kraft verliert.
Dazu kommt ein Bericht des Kiel Instituts für Weltwirtschaft. Darin heisst es, Russlands Kriegswirtschaft stosse zunehmend an Grenzen. Die liquiden Mittel im Nationalen Wohlstandsfonds seien von 6,5 Prozent des BIP zu Beginn des Krieges auf 1,8 Prozent im April 2026 gefallen. Gleichzeitig gehe es nicht mehr nur um Geld, sondern auch um Arbeitskräfte, Technologie, Produktionskapazitäten und die wachsende Abhängigkeit von China. (kielinstitut.de)
Das sind ernsthafte Punkte. Sie belegen aber nicht automatisch, dass die russische Wirtschaft in den nächsten Monaten zusammenbricht.
Sie zeigen eher: Der einfache Teil der Anpassung ist vorbei.
Was The Economist anders sieht
The Economist weist darauf hin, dass der Rückgang des BIP im ersten Quartal teilweise ein statistischer Effekt sein kann.
Russland erhöhte Anfang 2026 die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent. Vor einer solchen Erhöhung werden Käufe, Verträge und Investitionen oft vorgezogen. Das stärkt statistisch das letzte Quartal 2025 und schwächt das erste Quartal 2026. Hinzu kamen Kalenderfaktoren und weniger Arbeitstage.
Deshalb bedeutet ein leicht negatives Quartal nicht automatisch den Beginn einer tiefen Rezession. Auch der aktuelle Analysten-Survey der russischen Zentralbank zeigt keine Kollaps-Erwartung, sondern ein sehr schwaches Wachstum: Für 2026 liegt die mittlere Prognose bei 0,7 Prozent BIP-Wachstum, für 2027 bei 1,5 Prozent. (cbr.ru)
Das ist kein starkes Bild. Aber es ist ein anderes Bild als «Russland bricht zusammen».
Treffender ist: Die russische Wirtschaft verliert nach mehreren Jahren Kriegsüberhitzung an Tempo.
Wachstum ja, aber von fraglicher Qualität
Ein Teil der russischen Wirtschaft ist seit 2022 tatsächlich gewachsen. Rüstungsbetriebe wurden ausgelastet, Staatsaufträge ausgeweitet, Löhne angehoben, Arbeitskräfte stärker nachgefragt. Die Arbeitslosenquote bleibt extrem tief; die russische Zentralbank-Umfrage erwartet für 2026 nur rund 2,3 Prozent Arbeitslosigkeit.
Aber dieses Wachstum ist kein normales Entwicklungswachstum.
Militärproduktion schafft Beschäftigung, Umsätze und statistisches BIP. Doch ein grosser Teil dieser Produktion verschwindet wieder im Krieg: Munition, Raketen, Drohnen, Reparaturen beschädigter Technik, Zahlungen an Soldaten. Das alles erzeugt wirtschaftliche Aktivität, aber es verbessert nicht automatisch die zivile Produktivität des Landes.
Deshalb können zwei Dinge gleichzeitig wahr sein: Russland ist wirtschaftlich nicht zusammengebrochen. Und Russland baut keine gesunde, breit tragfähige Wirtschaft auf.
Es verschiebt Ressourcen in Richtung Krieg.
Warum Sanktionen die Wirtschaft nicht abgeschaltet haben
Sanktionen haben Russlands Wirtschaft verteuert, verlangsamt und technologisch eingeschränkt. Sie haben sie aber nicht abgeschaltet.
Ein Grund liegt in der Exportstruktur. Russland verkauft Güter, die auf dem Weltmarkt weiterhin gefragt sind: Öl, Ölprodukte, Gas, Kohle, Metalle, Düngemittel, Getreide. Einschränkungen verändern Routen, Versicherungen, Zahlungswege, Rabatte und Zwischenhändler. Aber Käufer finden sich weiterhin.
Ein zweiter Punkt ist die Rohstoffbasis. Russland ist bei Maschinen, Elektronik, Industrieausrüstung, Luftfahrt, Software und komplexen Komponenten abhängig von Importen. Bei Energie, Nahrungsmitteln und vielen Grundstoffen ist die Lage anders. Dort ist das Land weniger verwundbar als viele stärker importabhängige Volkswirtschaften.
Drittens haben sich neue Handelsketten gebildet. China, Indien, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Zentralasien, der Kaukasus, Parallelimporte und Reexporte spielen eine viel grössere Rolle als vor 2022.
Diese Umwege sind teurer, langsamer und weniger zuverlässig als die alten Kanäle. Aber sie reichen aus, damit die Wirtschaft weiter funktioniert.
Sanktionen verschlechtern also die Qualität der Entwicklung. Sie haben aber bisher nicht verhindert, dass Russland den Krieg finanziert.
China ist der wichtigste externe Anpassungskanal
Russlands wirtschaftliche Anpassung hängt stark an China.
China ist Absatzmarkt für Rohstoffe, Lieferant von Maschinen und Konsumgütern, Quelle für Komponenten und ein zentraler Umweg für viele Importkategorien. Indien, die Türkei, die Golfstaaten und andere Zwischenstationen bleiben wichtig. Aber China ist der Kern der neuen Aussenwirtschaftsstruktur.
Der Preis dafür ist Abhängigkeit.
Russland kann weiter handeln, kaufen und produzieren. Aber immer öfter über Kanäle, in denen die Bedingungen nicht allein in Moskau bestimmt werden. Für die Kriegsfinanzierung ist das kurzfristig kein entscheidendes Hindernis. Langfristig begrenzt es den wirtschaftlichen Spielraum.
Der hohe Leitzins trifft nicht alle gleich
Der hohe Leitzins ist ein reales Problem. Er macht Kredite teuer, bremst Investitionen und belastet besonders Unternehmen ohne direkten Zugang zu grossen Staatsaufträgen.
Aber die russische Wirtschaft ist inzwischen stark zweigeteilt.
Auf der einen Seite stehen Branchen, die im normalen Kreditumfeld arbeiten müssen: kleine Unternehmen, zivile Industrie, Teile des Handels, Bauwirtschaft, Dienstleistungen, Firmen mit hoher Verschuldung.
Auf der anderen Seite stehen Bereiche mit garantiertem oder politisch priorisiertem Auftrag: Rüstungsindustrie, Rohstoffe, militärnahe Logistik, Infrastruktur, grosse Staats- und Konzernaufträge.
Für die erste Gruppe ist der Leitzins ein harter Bremsklotz. Für die zweite Gruppe ist er weniger entscheidend, weil Nachfrage und Geldfluss nicht primär vom freien Kreditmarkt abhängen.
So verstärkt der hohe Zins die innere Verschiebung der Wirtschaft: Der zivile Teil wird schwächer, der staats- und kriegsnahe Teil bleibt bevorzugt.
Steigende Löhne sind politisch wichtig
Der Mangel an Arbeitskräften ist für Unternehmen ein Problem. Für viele Beschäftigte bedeutet er höhere Einkommen.
Mobilisierung, Vertragsdienst, Auswanderung, Demografie, Rüstungsproduktion und Konkurrenz um Fachkräfte haben den Arbeitsmarkt stark verengt. Arbeitskräfte sind knapp. Unternehmen müssen mehr zahlen.
Die Durchschnittslöhne sind dabei mit Vorsicht zu lesen. Moskau, Rohstoffregionen, Rüstungsbetriebe und hohe Zahlungen im militärischen Bereich verzerren das Bild. Inflation frisst einen Teil des Einkommenszuwachses wieder auf. Trotzdem bleibt der Trend wichtig: Arbeit ist leichter zu finden als vor dem Krieg, und in manchen Branchen sind die Einkommen deutlich gestiegen.
Das ist ein zentraler Stabilitätsfaktor.
Für einen Teil der Bevölkerung ist der Krieg nicht nur Risiko, sondern auch Einkommensquelle: Vertragsdienst, Fabriken, Logistik, Reparaturen, Bau, Versorgung, Sicherheit, Staatsaufträge. Daraus entsteht kein Wohlstand im normalen Sinn. Aber es entsteht ein materielles Interesse an der Fortsetzung bestimmter Geldflüsse.
Deshalb sollte man nicht erwarten, dass wirtschaftlicher Druck automatisch schnell von unten nach oben wirkt.
Das Budget steht unter Druck, ist aber nicht leer
Der russische Bundeshaushalt ist angespannt. Für Januar bis Mai 2026 meldete Russland ein Defizit von rund 6,01 Billionen Rubel oder 2,6 Prozent des BIP. Die Öl- und Gaseinnahmen fielen im Vergleich zum Vorjahr um 29,8 Prozent, während die Ausgaben um 17 Prozent stiegen. (Interfax.ru)
Das ist ein ernstes Problem. Aber ein Defizit ist nicht dasselbe wie Zahlungsunfähigkeit.
Russland kann sich im Inland verschulden, Steuern erhöhen, Reserven nutzen, Ausgaben verschieben, Dividenden von Staatsunternehmen abschöpfen, zivile Programme kürzen oder weniger dringende Investitionen strecken. Für die Fortsetzung des Krieges braucht Moskau keinen gesunden Haushalt. Es braucht einen Haushalt, der Soldaten bezahlt, Rüstungsaufträge finanziert, Schlüsselregionen stabil hält und einen abrupten Einbruch der Einkommen verhindert.
Bisher gelingt das noch.
Öl bleibt die zentrale Variable
Viel hängt von den Ölpreisen ab.
Solange russisches Öl ungefähr auf oder über dem Niveau bleibt, mit dem der Haushalt kalkuliert, bleibt Spielraum. Wenn der Preis dauerhaft deutlich darunter fällt, wird der Druck grösser.
Aber auch ein niedrigerer Ölpreis bedeutet nicht automatisch eine unmittelbare Krise. Er erzwingt Entscheidungen: mehr Schulden, höhere Steuern, weniger zivile Ausgaben, mehr Reservenverbrauch oder verschobene Projekte.
Gefährlicher ist die Kombination mehrerer Faktoren: schwächere Preise, Probleme beim Export, beschädigte Raffinerien, Treibstoffmangel im Inland, steigende Militärausgaben und begrenzter Zugang zu Technologie.
Nicht ein einzelner Indikator entscheidet, sondern die Kombination.
Angriffe auf Infrastruktur sind der praktischste Risikofaktor
Der empfindlichste Punkt sind derzeit die ukrainischen Angriffe auf russische Öl- und Industrieinfrastruktur.
Sanktionen erhöhen Kosten. Drohnenangriffe können konkrete Kapazitäten beschädigen.
Reuters berichtete unter Berufung auf die Internationale Energieagentur, dass Russlands Ölproduktion im Mai 2026 rund zehn Prozent unter dem Monatsziel lag. Gleichzeitig blieben die Ölexporte mit etwa 7,4 Millionen Barrel pro Tag stabil. Auch das zeigt die Doppelstruktur: Die Angriffe wirken, aber sie haben die Exportmaschine bisher nicht gestoppt. (Reuters)
Die Treibstofflage ist innenpolitisch sensibler. Reuters meldete im Juni 2026 Treibstoffengpässe und Verkaufsbeschränkungen in mehreren russischen Regionen. Ausserdem prüfte Russland ein mögliches Exportverbot für Diesel und sogar Treibstoffimporte, um den Binnenmarkt zu stabilisieren. (Reuters)
Das ist für eine Ölmacht ein ernstes Signal.
Russland kann Rohöl exportieren. Aber für den Krieg und die Binnenwirtschaft braucht es Benzin, Diesel, Kerosin, Heizöl, Bahnlogistik, Reparaturkapazitäten und stabile Verteilung. Raffinerien sind deshalb kein Nebenschauplatz, sondern Teil der Kriegswirtschaft.
Trotzdem sollte man auch hier vorsichtig bleiben. Ein einzelner erfolgreicher Angriff verändert die Lage nicht strategisch. Entscheidend ist, ob die Angriffe regelmässig, genau und massenhaft genug sind, um Reparaturen, Logistik und Vorräte dauerhaft zu überfordern.
Was bedeutet das insgesamt?
Russlands Wirtschaft steht nicht unmittelbar vor dem Zusammenbruch.
Aber sie befindet sich auch nicht in einem normalen Zustand.
Sie arbeitet im Modus der Kriegsüberlastung. Staatsausgaben halten Produktion und Beschäftigung hoch. Rüstungsaufträge ziehen Arbeitskräfte und Material aus zivilen Bereichen ab. Arbeitskräftemangel treibt Löhne. Der hohe Leitzins bremst normale Investitionen. Sanktionen verschlechtern die technologische Basis. Die Abhängigkeit von China wächst. Das Budget bleibt steuerbar, aber deutlich angespannter als vor einigen Jahren.
Das ist eine Wirtschaft mit Reserven, aber mit sinkender Qualität.
Sie kann den Krieg weitertragen. Das ist der entscheidende Punkt.
Aber jeder weitere Kriegsjahrgang verlangt mehr Umverteilung, mehr Priorisierung, mehr Abhängigkeit von Rohstoffen, China, Staatsaufträgen und der Fähigkeit, beschädigte Infrastruktur schnell genug zu reparieren.
Deshalb ist die Erwartung falsch, Russlands Wirtschaft werde den Krieg in den nächsten Monaten von selbst beenden.
Realistischer ist ein anderes Bild: Russland kann weiter Krieg führen, aber der Preis steigt. Nicht zwingend als plötzlicher Kollaps. Eher als schrittweise Verengung: weniger zivile Dynamik, mehr technologische Rückstände, mehr Budgetdruck, mehr Abhängigkeit von wenigen Exportgütern und externen Lieferketten.
Kein Kollaps.
Aber auch keine stabile Entwicklung.
Eine Kriegsüberlastung, die bisher noch gehalten wird.




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