Aussage aus Berlin

Russland strebt nach Einschätzung des obersten NATO-Kommandeurs in Europa derzeit keinen Krieg mit dem Bündnis an. General Alexus Grynkewich sagte bei einer Podiumsdiskussion in Berlin laut der Financial Times, er habe die Geheimdienstlage sehr genau verfolgt.

Ich habe die Geheimdienstinformationen sehr aufmerksam verfolgt. Russland strebt keinen Konflikt an. Sie verstehen den Begriff eines Verteidigungsbündnisses und sie verstehen, dass wir über eine Reihe asymmetrischer Vorteile verfügen. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Russland versteht, dass ein Versuch in den baltischen Staaten keinen Erfolg hätte. Denn wenn sie wissen, dass sie keinen Erfolg haben werden, werden sie das Risiko nicht eingehen.

Alexus Grynkewich · NATO-Oberkommandeur in Europa

Damit betonte Grynkewich vor allem die abschreckende Wirkung der NATO. Seine Aussage zielt auf die Annahme, dass Moskau einen direkten Konflikt vermeidet, solange ein Angriff militärisch als aussichtslos erscheint.

Abweichung von Warnungen aus dem Baltikum

Die Financial Times ordnet diese Einschätzung als Kontrast zu wachsenden Sorgen in den baltischen Staaten ein. Dort gibt es Befürchtungen, ein geringerer militärischer Einsatz der USA in Europa könnte die Abschreckung der NATO schwächen und damit Moskaus Kalkül verändern.

In Europa wird seit längerer Zeit wiederholt davor gewarnt, Russland könnte westliche Staaten angreifen, teils in naher Zukunft, teils mit Blick auf das Jahrzehnt bis 2030. Aus Moskau werden solche Pläne bestritten. Dort heisst es, die NATO-Staaten nutzten dieses Szenario, um höhere Rüstungsausgaben vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen.

Grynkewichs Einschätzung widerspricht damit nicht grundsätzlich der Debatte über russische Bedrohungsszenarien, setzt aber einen anderen Akzent: Entscheidend sei, ob die Abschreckung glaubwürdig genug bleibt.