Ein sichtbarer Treffer in Moskau

Die Ukraine hat nach Beginn des Krieges erstmals einen sichtbar erheblichen Schaden an einem wichtigen Objekt in Moskau verursacht.

Eine Drohne traf die Raffinerie in Kapotnja, worauf ein schwerer Brand ausbrach.

Die Behörden erklärten, das Feuer sei rasch gelöscht worden und der Betrieb laufe im gewohnten Modus weiter. Ob das tatsächlich so ist, wird sich an der Lage an den Tankstellen der russischen Hauptstadt zeigen.

Kiew hatte schon zuvor unzählige Versuche unternommen, die Moskauer Luftabwehr zu durchbrechen, war damit aber abgesehen von sehr seltenen Einzelfällen ohne grösseren Schaden nicht erfolgreich. Der Effekt blieb meist symbolisch. Der stärkste entstand beim ersten Mal, als Drohnen das Dach des Kreml beschädigten. Später schlugen sie vor allem gelegentlich in Wohnhäusern und Büros ein. Im Mai fielen sie nach offiziellen Angaben in der Nähe des Eingangs derselben Raffinerie nieder, doch Bestätigungen für einen Treffer am Betrieb selbst gab es nicht. Ansonsten wurden die Drohnen im Moskauer Umland oder noch weiter entfernt abgefangen.

Nun wurde das Ziel aber getroffen.

Was der Angriff über den Drohnenkrieg zeigt

Das verweist erneut auf mehrere Punkte.

Erstens gibt es bislang weltweit kein System, das 100 Prozent aller Drohnen abschiessen kann. Ein solches System gibt es weder in der Ukraine noch am Persischen Golf noch in Russland. Wenn über Tage hinweg Dutzende oder Hunderte Drohnen auf ein Ziel zufliegen, dabei die Stellung der Luftabwehr erkunden und ihre Routen fortlaufend anpassen, wird früher oder später mindestens eine ihr Ziel erreichen. Die Grenzen liegen hier vor allem bei den Produktionskapazitäten und den finanziellen Mitteln. Der nächste Durchbruch durch das Moskauer Luftabwehrsystem kann bald gelingen oder erst in einigen Monaten. Der aktuelle Fall zeigt aber, dass selbst um Moskau mit seinen konzentrierten Kräften der Luftverteidigung kein lückenloser Schutzschirm möglich ist. Von anderen Städten in Russland ganz zu schweigen.

Zweitens deuten die Aufnahmen vom Einschlag und vom Brand darauf hin, dass heute offenbar nur eine einzige Drohne die Raffinerie in Moskau erreichte. Trotzdem konnte sie schweren Schaden anrichten. Das hängt mit der Art des Ziels zusammen. Eine einzelne Drohne kann etwa einen Rüstungsbetrieb, ein Kraftwerk oder einen Hafen kaum ausser Betrieb setzen. Ein Objekt, das mit Produktion, Lagerung und Umschlag von Treibstoff verbunden ist, dagegen durchaus. Genau solche Ziele greift die Ukraine an und richtet damit zunehmend grösseren Schaden an. Das führt bereits zu wachsendem Treibstoffmangel und steigenden Preisen auf dem russischen Binnenmarkt. Dabei hat die Verbrauchsspitze im Juli und August mit Ferienzeit und Erntekampagne noch nicht einmal begonnen.

Signale vor dem Gipfel in Evian

Ausgerechnet heute findet im französischen Evian der G7-Gipfel statt. Dort wollen Selenskyj und die Europäer Trump nach dieser Lesart zu einem Abgehen von Anchorage und zur Annahme der jüngst in London abgestimmten Bedingungen für ein Kriegsende bewegen: ein Waffenstillstand entlang der Frontlinie und die Entsendung ausländischer Truppen in die Ukraine. Zudem soll der Sanktionsdruck auf Russland erhöht werden.

Angriffe auf Raffinerien in Moskau dürften dabei als zusätzliches Argument genutzt werden, um zu belegen, dass Kiew die Initiative zurückgewonnen habe, Russland den Krieg verliere und der Druck auf Moskau sowie die Unterstützung für Kiew maximal verstärkt werden müssten.

Ob das funktioniert, wird sich nach den heutigen Gesprächen zeigen.

Unabhängig davon stellt die Lage mit zunehmendem Beschuss und wachsendem Schaden die russische Führung vor die Frage nach der weiteren Strategie in Krieg und Frieden.

Drei mögliche Wege für den Kreml

Putins Strategie war und ist dieser Sicht zufolge ein Abnutzungskrieg in der Hoffnung, dass die ukrainischen Streitkräfte früher oder später erschöpft werden, die Front zusammenbricht und die westliche Unterstützung wegen zunehmender wirtschaftlicher Probleme in Europa nachlässt. Nach Anchorage entstand im Kreml zudem die Hoffnung, Trump werde Selenskyj unter Druck setzen, damit er die dort vereinbarten Bedingungen erfüllt. Selbst wenn das ausbleibt, rechnete Moskau damit, seine bisherige Strategie fortsetzen und innerhalb von ein, zwei oder drei Jahren ein Ergebnis erreichen zu können.

Selenskyj und Europa versuchten dagegen mit allen Mitteln, diese Strategie zu durchkreuzen. Das wichtigste Instrument sind dabei tiefe Schläge gegen Ziele im russischen Hinterland. Wenn Angriffe auf Häfen den russischen Export bisher nicht wesentlich stören konnten, werden Attacken auf Raffinerien zu einem immer grösseren Problem. Das gilt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Der Kreml hatte wiederholt erklärt, es gebe keine Gefahr eines Haushaltsdefizits. Wenn sich nun zeigt, dass diese Gefahr real wird, kann das das Vertrauen in die Behörden ernsthaft untergraben.

Daraus ergeben sich drei mögliche Szenarien.

Der erste Weg wäre, alles wie bisher fortzusetzen: weiter einen Abnutzungskrieg zu führen und zugleich den Schaden durch Drohnen- und Raketenangriffe für die russische Wirtschaft so weit wie möglich zu begrenzen. Die Aufgabe bestünde also darin, die Zahl der Treffer auf die wichtigsten Objekte stark zu senken. Dass das früher oder später gelingen könnte, ist nicht ausgeschlossen. Russland hat bereits gezeigt, dass es die Wirkung verschiedener militärischer Herausforderungen mindern kann.

Allerdings gibt es dabei mehrere Schwierigkeiten. Strategisch entwickelt sich der Krieg immer stärker zu einem Krieg unbemannter Systeme und der künstlichen Intelligenz. Dabei steht auf Kiews Seite erstens mit den USA ein weltweiter Führungsstaat im Bereich KI. Zweitens gibt es die industrielle Basis Europas, wohin die Drohnenproduktion für die ukrainischen Streitkräfte zunehmend verlagert wird, was russische Angriffe auf diese Kapazitäten erschwert. Zugleich macht die direkte europäische Unterstützung es nahezu unmöglich, der ukrainischen Wirtschaft einen Schaden zuzufügen, der dem Effekt ukrainischer Schläge gegen die russische Ölindustrie vergleichbar wäre: Verluste werden am Ende von der EU aufgefangen.

Russland verfügt seinerseits über eigene Drohnenproduktion und eigene KI-Systeme sowie über Verbindungen zu China, das viele Komponenten liefert und zu den weltweiten Spitzenreitern im Bereich künstliche Intelligenz und der unbestrittene Führer bei der Drohnenproduktion ist. Chinas Hilfe für Moskau ist allerdings weit weniger direkt als die europäische Unterstützung für die Ukraine. Insgesamt spricht aus dieser Sicht vieles dafür, dass Kiew Russland im Drohnenwettlauf künftig mindestens ebenbürtig bleibt und es womöglich in einzelnen Parametern bereits übertrifft. Das stellt den Nutzen der russischen Abnutzungsstrategie selbst unabhängig vom wirtschaftlichen Faktor stark in Frage.

Was die Erschöpfung der ukrainischen Streitkräfte betrifft, so existiert dieses Problem zweifellos. Es existiert aber auch in Russland, das seine Armee weiterhin über Vertragssoldaten auffüllt. Wie lange sich die Verluste auf diese Weise noch ohne Mobilisierung ausgleichen lassen, ist offen. Eine Mobilisierung würde den Arbeitskräftemangel verschärfen und erheblichen sozialen Druck erzeugen. Falls die wirtschaftlichen Risiken nicht eingedämmt werden können, also Angriffe auf Raffinerien andauern oder die Weltmarktpreise für Energieträger fallen, stösst auch das bisherige russische Kriegsmodell an Grenzen. Dieses Modell erlaubte es bisher, den Krieg in der Ukraine fortzusetzen, ohne dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung das stark spürte und während der Wohlstand weiter wuchs. Danach müsste Russland zum Gürtel-enger-Schnallen oder gar zu einer planwirtschaftlich-administrativen Wirtschaft übergehen. Auch das wäre eine enorme Belastung für die innere Stabilität und für die Fähigkeit, den Krieg weiterzuführen.

Der zweite Weg wäre ein Kriegsstopp entlang der Frontlinie. Nach aussen wirkt es, als stimme Selenskyj dem zu und schlage dies ständig vor, während Putin ablehne. Tatsächlich sei die Lage aber komplizierter. Putin will einen solchen Schritt demnach wirklich nicht und besteht auf einem Abzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass. Zugleich formuliert auch Selenskyj seinen Vorschlag für einen Waffenstillstand so, dass der Kreml ihn mit Sicherheit zurückweist.

Der Grund liegt darin, dass ein Waffenstillstand entlang der Frontlinie faktisch ein russischer Sieg wäre, weil damit die Kontrolle über rund 20 Prozent des ukrainischen Territoriums festgeschrieben würde. Die meisten Russen würden das auch genau so wahrnehmen oder sich schlicht über das Kriegsende freuen.

Für Kiew gäbe es in einem solchen Fall keine verlässlichen Sicherheitsgarantien. Niemand würde einem Land mit einem ungelösten Konflikt mit einer Atommacht belastbare Garantien geben. Auch ein EU-Beitritt stünde stark in Frage. Hinzu kommt, dass Trump mit Blick auf sein Ziel, vor den Kongresswahlen einen Deal zu schliessen, dem Kreml sehr viel anbieten könnte: von der Aufhebung von Sanktionen bis zur Anerkennung russischer Jurisdiktion über besetzte Gebiete und mehr. Das würde Russlands wirtschaftliche und geopolitische Position schlagartig stärken.

Das Hauptziel des Krieges, nämlich ein Kurs- und Machtwechsel in der Ukraine, wäre damit zwar nicht erreicht. Militärisch liesse sich dieses Ziel nur durch eine vollständige Zerschlagung der ukrainischen Streitkräfte verwirklichen, was äusserst unsicher und mit enormen Risiken und Verlusten für Russland verbunden wäre. Die Chancen, den ukrainischen Kurs nach dem Ende der Kampfhandlungen politisch oder hybrid-militärisch zu verändern, bleiben ebenfalls gering, wären aber höher als bei einer Fortsetzung des Krieges. Deshalb setzt Selenskyj dieser Argumentation zufolge derzeit alles daran, dass der Kreml einem Waffenstillstand nicht zustimmt.

Sollte Putin dennoch darauf eingehen, könnte Selenskyj eine Absage kaum riskieren. Eine so abrupte Kehrtwende gegen Trumps Position wäre für ihn derzeit schwer und gefährlich. Gegen Ende des Jahres könnte sich die Lage jedoch ändern, falls Trumps Partei die Kongresswahlen verliert. Dann würden sich die Positionen des US-Präsidenten deutlich abschwächen, und selbst im Fall einer Zustimmung des Kremls könnte Kiew sich querstellen. Das Zeitfenster für eine Entscheidung ist damit nicht gross. Wenn Putin jetzt einem Waffenstillstand zustimmen würde, könnte er ein geopolitisches Aikido spielen, formal nachgeben und faktisch fast alles bekommen, was er will. Bislang zeigt er zu einem solchen Schritt allerdings keine Bereitschaft, und genau darauf setzen Selenskyj und Europa.

Zugleich geht es aus dieser Sicht nicht nur darum, den Kreml von einer Unterzeichnung eines Waffenstillstands abzuschrecken, sondern auch darum, die Proteststimmung in Russland zu verstärken, die Kriegsmüdigkeit und den Unmut über die Belastungen der Kriegszeit zu nutzen und damit die Lage in Russland zu destabilisieren. Danach könnten Moskau deutlich härtere Friedensbedingungen gestellt werden als jene, die derzeit im Raum stehen.

Wir, also die Ukraine und Europa, sind für einen sofortigen Frieden und bereit, schon morgen das Feuer und alle damit verbundenen Schrecken zu stoppen. Aber Putin ist dagegen. Er ist das einzige Hindernis für den Frieden. Wenn man ihn beseitigt, tritt sofort Frieden ein.

Ob diese Kampagne zu einem Ergebnis führt und zu welchem genau, ist offen. Möglich wären eine Destabilisierung Russlands oder umgekehrt eine scharfe Verschärfung der inneren Ordnung.

Der dritte Weg wäre eine abrupte Eskalation für den Fall, dass Putin erkennt, dass der Abnutzungskrieg nicht zu Russlands Gunsten verläuft und sich die Lage rasch verschlechtert. Unter den heutigen Bedingungen könnte das nur zwei Formen annehmen: einen nuklearen Schlag gegen die Ukraine oder einen Angriff auf Europa. Im letzteren Fall könnte eine europäische Gegenreaktion die Lage ebenfalls schnell an den Rand eines Atomkriegs bringen.

Auch dieser Weg birgt grosse Risiken für Russland selbst. Doch dass der Kreml einen Waffenstillstand entlang der Front konsequent ablehnt, gilt hier als indirektes Zeichen dafür, dass er im Fall einer militärischen oder innenpolitischen Verschlechterung sowie bei einem endgültigen Scheitern der Vereinbarungen von Anchorage zum härtesten Szenario bereit wäre. Die Hoffnung wäre offenbar, dass schon die Drohung selbst die Kräfteverhältnisse zugunsten Russlands kippt und die Gegner zu Zugeständnissen zwingt, weil niemand einen Atomkrieg will.

Ob diese Rechnung aufgeht oder die Eskalation unkontrollierbar wird und die Welt an den Rand eines Atomkriegs bringt, kann derzeit niemand mit Sicherheit sagen. Die Gefahr eines solchen Szenarios ist jedoch offensichtlich. Entsprechend liegt es im Interesse aller, alles zu tun, damit es nicht so weit kommt.