Russland hat in den vergangenen Jahren nahe der belarussischen Richtung ein Netz von Anlagen aufgebaut, von denen aus Angriffsdrohnen gegen die Ukraine gestartet werden können. Das berichtet Radio Svoboda auf Grundlage einer Analyse von Satellitenbildern. Genannt werden mindestens fünf Standorte in den russischen Gebieten Smolensk, Brjansk und Orjol: Schatalowo, Zimbulowa, Nawlja, Seschtscha und Assowiza. Radio Svoboda / Current Time
Auf den ersten Blick wirkt das wie ein weiteres technisches Detail des Drohnenkriegs. Tatsächlich ist die Bedeutung grösser. Die Anlagen zeigen, dass Russland nicht nur die Produktion von Drohnen ausbaut, sondern auch seine militärische Infrastruktur schrittweise an diese Form der Kriegführung anpasst: mit Startplätzen, Lagerflächen, geschützten Unterständen, langen Startschienen und Routen, die Angriffe auf die Ukraine aus mehreren Richtungen ermöglichen.
Was genau entdeckt wurde
Als nächstgelegenen bekannten Standort zu Belarus nennt Radio Svoboda den Militärflugplatz Schatalowo im Gebiet Smolensk. Er liegt rund 46 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt. Laut der Recherche begannen dort Anfang 2025 Bauarbeiten. Auf einem Satellitenbild von Planet Labs vom 5. Mai 2026 sind etwa zehn Startvorrichtungen für Drohnen des Typs «Shahed» beziehungsweise «Geran» zu sehen. Ausserdem wurden dort Luftabwehrsysteme festgestellt, während die Bauarbeiten weitergehen.
Als grösster der bekannten Standorte gilt ein Komplex beim Dorf Zimbulowa im Gebiet Orjol. Der Bau begann im August 2024. Bis Juni 2026 erreichte die Anlage laut Radio Svoboda eine Ausdehnung von rund zwei mal vier Kilometern. Dort befinden sich nicht nur Startpositionen, sondern auch Lagerinfrastruktur, Nebengebäude und vermutlich Bereiche zur Aufbewahrung grösserer Mengen von Angriffsdrohnen. Radio Svoboda / Current Time
Zimbulowa ist auch deshalb relevant, weil die Entwicklung dieses Standortes nicht nur von Radio Svoboda beschrieben wurde. Business Insider berichtete unter Berufung auf Satellitenbilder von Vantor, dass dort verlängerte Startschienen von rund 85 Metern Länge entstanden seien. Analysten bringen sie mit der Möglichkeit in Verbindung, schwerere und schnellere reaktive Varianten der «Geran»-Drohnen zu starten, darunter die Geran-5. Business Insider
Ein weiterer Standort liegt in der Nähe der Siedlung Nawlja im Gebiet Brjansk. Nach Satellitenbildern begannen dort die aktiven Bauarbeiten im Sommer 2024. Zunächst entstand eine Startstrasse für Drohnen, die von Fahrzeugplattformen aus gestartet werden können, sowie mehrere grössere Lagerbauten. Später wurde die Anlage erweitert: Es kamen stationäre Startplätze und geschützte Unterstände hinzu. Im April 2026 griff die Ukraine diesen Komplex an. Nach Angaben von Beobachtern wurden von dort dennoch weiterhin Drohnen gestartet.
Ebenfalls erwähnt wird der Flugplatz Seschtscha im Gebiet Brjansk, etwa 45 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt. Die ukrainische Seite hatte ihn bereits früher als einen der Startorte für «Shahed»-Drohnen bezeichnet. Auch der britische Nachrichtendienst verwies auf seine Nutzung für Angriffe in Richtung Kyjiw. Nach Angaben von Radio Svoboda dauern auf dem Flugplatz Bauarbeiten an, zugleich werde der Schutz der Anlage verstärkt.
Der fünfte Punkt ist die Gegend um Assowiza im Gebiet Brjansk. Hier ist Präzision wichtig: Dieser Standort liegt nicht an der belarussischen Grenze, sondern rund 35 bis 40 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Auf Aufnahmen von Planet Labs sind dort mindestens zwei stationäre Startvorrichtungen und befestigte Unterstände zu sehen. Eine solche Lage verkürzt die Flugzeit von Drohnen in Richtung der nördlichen Regionen der Ukraine.
Warum es nicht nur um «ein paar weitere Flugplätze» geht
Der Hauptzweck eines solchen Netzes liegt in der Verteilung des Risikos und in der Erschwerung der ukrainischen Luftverteidigung. Wenn Angriffsdrohnen von mehreren, räumlich getrennten Standorten gestartet werden, kann die Ukraine schlechter vorhersagen, aus welcher Richtung eine Angriffswelle kommt, welche Route die Ziele nehmen und wo begrenzte Abfangmittel eingesetzt werden müssen.
Zudem ermöglichen solche Anlagen Russland, Routen zu kombinieren. Drohnen können nicht nur direkt in Richtung Kyjiw oder Nordukraine fliegen, sondern auch entlang der belarussischen Richtung manövrieren. Das stellt ukrainische Radarsysteme, mobile Feuergruppen und Abfangdrohnen vor zusätzliche Probleme.
Das bedeutet nicht, dass alle diese Drohnen von belarussischem Territorium aus gestartet werden. Die meisten der beschriebenen Standorte befinden sich auf russischem Staatsgebiet. Die belarussische Geografie wird jedoch Teil des militärischen Schemas: durch die Nähe zur Grenze, mögliche Flugrouten und die politische Unschärfe darüber, wo eine russische Operation endet und wo die Verantwortung von Minsk beginnt.
Belarus bleibt in einer Grauzone
Die belarussischen Behörden räumen offiziell nicht ein, dass russische Drohnen das Territorium von Belarus systematisch für Angriffe auf die Ukraine nutzen. Im Gegenteil: Minsk beschreibt entsprechende Zwischenfälle häufig als Einflüge ukrainischer Drohnen. So erklärte der Staatssekretär des belarussischen Sicherheitsrats, Alexander Wolfowitsch, am 26. Mai 2026, innerhalb einer Woche seien 116 Versuche ukrainischer Drohnen registriert worden, die belarussische Grenze zu überqueren. Belta
Die ukrainische Seite behauptet dagegen, Russland nutze die belarussische Richtung, um die ukrainische Luftverteidigung zu umgehen. Im Dezember 2025 sagte Wolodymyr Selenskyj, russische Strukturen würden in belarussischen Grenzgebieten Ausrüstung platzieren, darunter Antennen, die bei der Steuerung von «Shahed»-Drohnen gegen Ziele in der Westukraine helfen könnten. Russische und belarussische Behörden gaben Reuters damals keine Stellungnahme zu diesen Aussagen. Reuters
Im März 2026 erklärte Selenskyj zudem, Russland wolle nach Angaben des ukrainischen Nachrichtendienstes in Belarus Bodenstationen zur Steuerung weitreichender Drohnen einrichten. Reuters gab dies als Aussage der ukrainischen Seite wieder; eine Bestätigung aus Minsk oder Moskau gab es nicht. Reuters
Deshalb ist eine vorsichtige Formulierung wichtig: Es geht nicht um den gesicherten Nachweis, dass Belarus bereits eine vollwertige Startplattform für russische Angriffsdrohnen geworden ist. Sichtbar ist aber, dass die belarussische Richtung in Russlands Drohnenkrieg gegen die Ukraine an Bedeutung gewinnt.
Wie das zur allgemeinen Eskalation des Drohnenkriegs passt
Startinfrastruktur ist nur deshalb so wichtig, weil Russland den Einsatz weitreichender Drohnen deutlich ausgeweitet hat. Nach Berechnungen von ABC News auf Grundlage täglicher Angaben der ukrainischen Luftwaffe startete Russland im April 2026 insgesamt 6’663 Drohnen und 141 Raketen gegen die Ukraine. Das war zu diesem Zeitpunkt ein neuer Monatsrekord bei weitreichenden Luftangriffen. ABC News
Business Insider berichtete ebenfalls, Russland habe allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 rund 16’000 Drohnen gegen die Ukraine gestartet — etwa 6’000 mehr als im gleichen Zeitraum 2025. Views from Above / Brady Africk
Vor diesem Hintergrund wirkt der Bau von Startkomplexen nicht wie Improvisation, sondern wie eine systematische Anpassung. Russland produziert mehr Drohnen, schafft mehr Orte für ihren Start und schützt diese Infrastruktur gegen ukrainische Angriffe. Die Ukraine wiederum muss ihre gestaffelte Luftverteidigung, mobile Feuergruppen, elektronische Kampfführung und günstige Abfangdrohnen weiterentwickeln.
Was sich dadurch für die Ukraine verändert
Für die Ukraine schaffen solche Anlagen drei zentrale Probleme.
Erstens: die Reaktionszeit. Je näher der Startpunkt an den nördlichen Regionen der Ukraine liegt, desto weniger Zeit bleibt für Erkennung, Verfolgung und Abfang eines Ziels.
Zweitens: die Belastung der Luftverteidigung. Massenstarts aus verschiedenen Richtungen zwingen die ukrainische Seite, mehr Ressourcen für die Verfolgung von Scheinrouten, Attrappen, «Gerbera»-Drohnen und echten Angriffsdrohnen einzusetzen.
Drittens: das politische Risiko. Wenn Drohnen über Belarus oder nahe an dessen Territorium fliegen, kann jeder Zwischenfall für gegenseitige Vorwürfe genutzt werden. Kyjiw wird auf die russische Nutzung des belarussischen Raums verweisen, Minsk auf angebliche Verletzungen durch die Ukraine.
Fazit
Die Recherche von Radio Svoboda beweist nicht, dass Belarus zu einer vollwertigen Startplattform für russische Angriffsdrohnen geworden ist. Sie zeigt aber etwas anderes: Russland hat nahe der belarussischen Richtung ein Netz von Anlagen aufgebaut, das seine Möglichkeiten für massierte Angriffe auf die Ukraine erweitert.
Das ist Teil einer breiteren Entwicklung. Der Drohnenkrieg ist kein Nebenphänomen mehr, sondern ein eigenes infrastrukturelles System: mit Produktion, Logistik, Lagerung, Startplätzen, Objektschutz und Routen zur Umgehung der Luftverteidigung.
Für die Ukraine bedeutet das, dass der Kampf gegen «Shahed»- und «Geran»-Drohnen nicht mehr nur im Abschuss einzelner Ziele in der Luft besteht. Es geht zunehmend um die Bekämpfung eines ganzen Systems — von Fabriken und Lagern über Flugplätze und Startschienen bis zu Routen durch Grenzräume.




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