Russische Z-Autoren und kremlnahe Kommentatoren fordern immer wieder, Moskau solle die Satellitengruppe von Elon Musks Starlink angreifen. Die Begründung klingt aus ihrer Sicht naheliegend: Wenn Starlink der Ukraine Kommunikation, Drohnensteuerung und militärische Koordination ermöglicht, müsse man nicht einzelne Terminals am Boden bekämpfen, sondern die Satelliten selbst.

Auf den ersten Blick klingt das wie eine technische Frage. In Wirklichkeit ist es eine strategische. Denn im All gibt es kaum einen «sauberen» Schlag gegen genau ein Ziel. Wer eine grosse Satellitenkonstellation in der niedrigen Erdumlaufbahn massenhaft zerstören will, riskiert nicht nur Starlink. Er riskiert die gesamte Infrastruktur in diesem Orbit — also auch chinesische, europäische, russische, zivile, wissenschaftliche und bemannte Systeme.

Starlink ist für die Ukraine wichtig — aber schwer als Ganzes zu treffen

Starlink ist nicht einfach ein kommerzieller Internetdienst. Seit Beginn der russischen Vollinvasion wurde das System zu einem wichtigen Element der ukrainischen Kommunikationsinfrastruktur. Das Pentagon bestätigte 2023, dass es Starlink-Dienste für die Ukraine beschafft; Satellitenkommunikation sei eine «vital layer» im ukrainischen Kommunikationsnetz. (DefenseScoop)

Gerade deshalb sieht Moskau Starlink als Problem. Laut Associated Press zeigen nachrichtendienstliche Einschätzungen aus zwei Nato-Staaten, dass Russland an einem System arbeiten könnte, das gezielt gegen Starlink-Orbits gerichtet wäre. AP betont allerdings auch: Die vorgelegten Geheimdienstbewertungen konnten journalistisch nicht unabhängig überprüft werden. (AP News)

Das Grundproblem bleibt trotzdem real. Starlink besteht nicht aus einem einzelnen verwundbaren Satelliten, sondern aus Tausenden Satelliten in niedrigen Umlaufbahnen. Die Konstellation wird laufend erweitert, ersetzt und neu konfiguriert. Ein Angriff auf einzelne Satelliten würde die Funktionsfähigkeit des Systems kaum grundsätzlich brechen. Ein Angriff auf viele Satelliten gleichzeitig hätte dagegen Folgen, die weit über Starlink hinausgingen.

Szenario eins: ein nuklearer Schlag im All

Die radikalste Idee ist ein nuklearer Sprengsatz in grosser Höhe oder im Weltraum. Ein solcher Schlag könnte durch Strahlung und elektromagnetische Effekte Satelliten beschädigen oder zerstören.

Das ist keine reine Fantasie. Die USA führten 1962 den Test «Starfish Prime» durch: ein nuklearer Höhenversuch mit rund 1,4 Megatonnen Sprengkraft in etwa 400 Kilometern Höhe über dem Pazifik. NASA-Unterlagen beschreiben, dass der Test einen künstlichen Strahlungsgürtel erzeugte; der Satellit Telstar erhielt später eine viel höhere Strahlendosis als erwartet und fiel aus. (NASA Technical Reports Server)

Damals befanden sich nur wenige Satelliten im Orbit. Heute ist die niedrige Erdumlaufbahn ein Teil der globalen Infrastruktur: Kommunikation, Wetterdaten, Erdbeobachtung, Navigation, militärische Aufklärung, Forschung und kommerzielle Dienste hängen daran. Ein nuklearer Effekt im Orbit würde deshalb nicht nur einen Gegner treffen, sondern eine ganze Umgebung beschädigen.

Auch rechtlich wäre das eine extreme Eskalation. Der Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser wurde 1963 in Moskau geschlossen; die Sowjetunion gehörte zu den Depositarstaaten. (United Nations Treaty Collection) Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet zudem, Objekte mit Atomwaffen oder anderen Massenvernichtungswaffen in eine Erdumlaufbahn zu bringen oder solche Waffen im Weltraum zu stationieren. (UNOOSA)

Szenario zwei: ein Orbit voller Schrapnell

Das zweite Szenario ist weniger spektakulär, aber ebenfalls gefährlich: Ein Satellit oder mehrere kleine Satelliten setzen im Orbit eine grosse Menge dichter Metallpartikel frei. Auf der Erde wären solche Kügelchen harmlos. Im Orbit bewegen sich Objekte aber mit Geschwindigkeiten von mehreren Kilometern pro Sekunde. Ein kleines Teilchen kann bei einem Treffer schwere Schäden verursachen.

Genau über ein solches «zone-effect weapon» berichtete AP: Nach Einschätzungen zweier Nato-Nachrichtendienste könnte Russland ein System entwickeln, das Starlink-Orbits mit Hunderttausenden hochdichten Partikeln flutet und dadurch mehrere Satelliten auf einmal beschädigt. Gleichzeitig warnen Experten, dass ein solches System kaum kontrollierbar wäre und auch Satelliten anderer Staaten treffen könnte — einschliesslich Russland und China. (AP News)

Der entscheidende Punkt ist: Ein Metallpartikel erkennt keinen Besitzer. Er unterscheidet nicht zwischen einem Starlink-Satelliten, einem chinesischen Aufklärungssatelliten, einem wissenschaftlichen Instrument oder einem Kommunikationssatelliten. Nach jedem Zusammenstoss entstehen neue Trümmer. Diese können wiederum andere Objekte treffen. So entsteht das Risiko einer Kettenreaktion im Orbit — oft als Kessler-Syndrom bezeichnet.

Russland hat das Risiko 2021 selbst demonstriert

Russland hat bereits gezeigt, wie gefährlich solche Trümmerereignisse sein können. Im November 2021 zerstörte Moskau bei einem Anti-Satelliten-Test den alten sowjetischen Satelliten Kosmos-1408. Nach Angaben des U.S. Space Command entstanden dadurch mehr als 1500 verfolgbaren Trümmerteile und wahrscheinlich Hunderttausende kleinere Fragmente. (spacecom.mil)

Die NASA erklärte damals, die Besatzung der Internationalen Raumstation habe wegen der Trümmer Notfallmassnahmen ergriffen. NASA-Chef Bill Nelson warf Russland vor, nicht nur amerikanische und internationale Astronauten, sondern auch eigene Kosmonauten sowie die chinesische Raumstation und deren Besatzung zu gefährden. (NASA)

Das war ein einzelner zerstörter Satellit. Ein massiver Angriff auf eine grosse Konstellation wie Starlink wäre eine ganz andere Grössenordnung.

Das eigentliche Hindernis heisst China

Für Moskau liegt das politische Hauptproblem nicht nur in Washington. Es liegt in Peking.

China sieht Starlink selbst als strategische Herausforderung. Aus chinesischer Sicht ist Starlink nicht einfach ein privates Internetprojekt, sondern ein Element amerikanischer technologischer Macht: eine globale, widerstandsfähige Kommunikationsstruktur in der niedrigen Erdumlaufbahn, die auch militärisch nutzbar ist. Deshalb baut China eigene Satellitenkonstellationen auf und entwickelt Fähigkeiten zur Beobachtung, Störung und Bekämpfung gegnerischer Weltraumsysteme.

Aber China will den Orbit nicht unbrauchbar machen. Es will ihn kontrollieren, nutzen und ausbauen.

Die U.S. Space Force schätzte, dass China Ende 2025 mehr als 1353 Satelliten im Orbit hatte. Dazu gehören Aufklärungssysteme, Kommunikationssatelliten und geplante Megakonstellationen, die mit westlichen LEO-Netzen konkurrieren sollen. (spaceforce.mil) China betreibt ausserdem die bemannte Raumstation Tiangong. Ein unkontrolliertes Trümmerfeld in niedrigen Umlaufbahnen würde also nicht nur amerikanische Interessen treffen, sondern direkt chinesische Investitionen, chinesische Raumfahrtpläne und chinesische Astronauten gefährden.

Für Peking wäre ein russischer Schlag gegen Starlink deshalb kein Geschenk eines Partners, sondern eine fremde Eskalation mit eigenen Kosten.

Russland braucht China mehr als umgekehrt

Seit 2022 ist China für Russland wirtschaftlich noch wichtiger geworden. Russland verkauft China vor allem Rohstoffe und Energie. Aus China kommen Maschinen, Fahrzeuge, Elektronik, Industriekomponenten und Konsumgüter. Selbst wenn der bilaterale Handel zeitweise schwankt, bleibt die strukturelle Abhängigkeit klar: Russland braucht China als Markt, Lieferant, Finanzkanal und politischen Schutzraum. (OSW Ośrodek Studiów Wschodnich)

Wenn Moskau nun durch einen Angriff im Orbit chinesische Satelliten, chinesische Raumfahrtprogramme oder die Sicherheit der chinesischen Raumstation gefährden würde, müsste Peking den Preis dieser Partnerschaft neu berechnen. Das bedeutet nicht zwingend, dass China sofort alle westlichen Sanktionen übernimmt. Peking handelt in der Regel pragmatisch, graduell und ohne unnötige Symbolik.

Aber China hätte viele Hebel: sensiblen Export verlangsamen, Finanzkanäle stärker prüfen, Firmen vor Russland-Risiken warnen, technologische Zusammenarbeit begrenzen oder sich diplomatisch distanzieren. Für Russland könnte das langfristig schwerer wiegen als die ukrainischen Drohnen, gegen die der Schlag ursprünglich gerichtet wäre.

Ein Angriff auf Starlink wäre ein Angriff auf gemeinsame Infrastruktur

Ein weiteres Problem: Ein solcher Schritt würde dem Westen eine viel einfachere politische Erzählung liefern, als viele Ereignisse am Boden.

Der Krieg gegen die Ukraine wird global unterschiedlich bewertet. Viele Staaten verurteilen Russland, andere versuchen neutral zu bleiben, wieder andere treiben weiter Handel mit Moskau. Aber ein Staat, der absichtlich die niedrige Erdumlaufbahn vermüllt und damit Satelliten, Raumstationen, Kommunikationsnetze, Wissenschaft und Wetterbeobachtung gefährdet, lässt sich viel einfacher als Gefahr für gemeinsame globale Infrastruktur darstellen.

Die Formel wäre dann nicht mehr nur: «Russland bedroht die Ukraine.»
Sondern: «Russland bedroht die Nutzung des Weltraums.»

Das wäre politisch wesentlich breiter anschlussfähig — auch für Staaten, die sich im Ukrainekrieg bisher nicht eindeutig positionieren wollen.

Was Moskau realistischer tun kann

Deshalb bleibt ein massiver Angriff auf Starlink im Orbit zwar technisch diskutierbar, aber strategisch extrem riskant. Wahrscheinlicher sind andere Mittel: elektronische Störung, Cyberangriffe, Angriffe auf Bodenterminals, Druck auf Lieferketten, Einschränkung einzelner Dienste, eigene Satellitenkommunikation, punktuelle Anti-Satelliten-Fähigkeiten oder bodengestützte Systeme gegen einzelne Ziele.

Das alles ist weniger spektakulär als ein nuklearer Schlag im Weltraum oder ein Orbit voller Schrapnell. Aber es ist politisch kontrollierbarer.

Der Kern ist einfach: Russland kann Starlink als militärisches Problem betrachten. Aber wenn es versucht, die Konstellation durch eine grossflächige Zerstörung im Orbit auszuschalten, greift es nicht nur die Ukraine oder SpaceX an. Es greift eine Umgebung an, auf die inzwischen auch China, Europa, die USA und Russland selbst angewiesen sind.

Und ein Konflikt mit chinesischen Interessen wäre für Moskau ein zu hoher Preis für eine zu begrenzte militärische Wirkung.